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Denkanstoß
Nie in böser Absicht
Foto: Archiv

Kürzlich habe ich die biblische Geschichte von Jakob, die ich glaubte, gut zu kennen, noch einmal gelesen. Dabei bin ich an einer Stelle hängen geblieben, die ich so noch nicht wahrgenommen hatte.

Das Leben von Jakob war von innerfamiliären Zwistigkeiten geprägt. Schon im Bauch der Mutter sollen er und sein Zwillingsbruder Esau sich geprügelt und getreten haben (1. Mose 25, 22).

Aber richtig los ging es erst, als Jakob erwachsen war. Er betrügt seinen Bruder, täuscht seinen Vater, ergaunert sich seinen Segen und flieht (1. Mose 27). Der Betrüger Jakob wird später von seinem Schwiegervater Laban betrogen (1. Mose 29, 23 -25), aber Jakob wäre nicht Jakob, wenn er dies auf sich sitzen lassen würde. Und von langer Hand plant er seinen Schwiegervater zu betrügen, indem er die Herden zu seinen Gunsten mit den jeweils besten Tieren aufstockt (1. Mose 30, 37 - 43). Als das sein Schwiegervater entdeckt, flieht Jakob. Aber Laban, sein Schwiegervater, eilt ihm nach und stellt ihn zur Rede.

Die beiden Männer sehen ein, dass es so nicht weitergehen kann. Es ist besser, sich zu trennen. Dadurch wird der Konflikt entschärft, der beim Zusammenleben immer wieder aufbrechen könnte. Aber Jakob nimmt seine Frauen und Kinder - Labans Töchter und Enkel - mit sich. Weder Laban noch Jakob möchten deshalb alle Brücken abbrechen. Vielleicht braucht einer den anderen noch einmal. Wer weiß es?

So treffen die beiden Männer eine Abmachung für spätere Besuche. Sie errichten einen Steinhaufen und vereinbaren, diese Steine als Grenze zwischen ihnen anzusehen. Es soll eine offene, durchlässige Grenze sein, keine Mauer. Und sie versprechen sich, nie an diesem Steinhaufen vorüber zu ziehen in böser Absicht (1. Mose 31, 52).

Am Ende kein happy end, kein großes Versöhnungsfest mit Friede, Freude, Eierkuchen wie in vielen Filmen. Und doch ist diese Szene ganz großes Kino.

Die beiden Männer stellen sich dem Leben, wie es ist. Sie suchen nach einer praktischen Gestaltung von alltäglichen Beziehungen, die Belastungen aushalten kann - auch innerhalb einer Großfamilie. Beide wollen sich nicht überfordern, sondern vereinbaren einen Konsens ohne hohe Hürden. Dieser Konsens lautet: nie in böser Absicht. Die großen Ideale von Liebe und Versöhnung gibt es hier in kleinen handlichen Stücken für den täglichen Gebrauch, denn je größer die Ideale und Visionen, desto eher scheitern Menschen im Alltag daran.

Jakob und Laban wären heute gute Familienberater, wo viele Beziehungen scheitern und Mauern zwischen Menschen errichtet werden. Jakob und Laban suchen weder vorschnell die Aussöhnung, noch schotten sie sich gegenseitig ab. Sie wissen um ihr gegenseitiges Misstrauen, das erst langsam wieder abgebaut werden muss. Das geht nur durch Begegnungen und Gespräche. Sie ziehen eine Grenze, halten diese jedoch offen. Distanz und Nähe bleiben möglich, Gespräche trotz Misstrauen. Nur so kann getestet werden, was in Zukunft möglich ist.
Und beide versprechen: wenn wir uns besuchen, dann nie in böser Absicht.

Ich bin dankbar, in der Bibel immer noch solche wegweisenden Geschichten zu finden.



Autor: Thomas Philipp, Pfarrer in Ranstadt Foto: Archiv - 17.9.2014
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