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Denkanstoß
Gebackenes
Foto: ekhn

Die Bäckerei war neben der Kirche. Als Kind habe ich mir nichts dabei gedacht. Heute stelle ich mir vor, wie hier und da ein anderer Herr residierte: der Bäcker in der Bäckerei, der Pfarrer in der Kirche. Werktags holte ich bei dem einen leibliche Nahrung. Meine Mutter sagte: „Hol mal ein Brot. Das Geld liegt auf dem Küchentisch.“ Sonntags konnte man bei dem anderen „gute Botschaft tanken.“ So sagte der Pfarrer jedenfalls. Offenbar hatten Ölkrise und autofreie Sonntage das Bild vom geistlichen Auftanken bei ihm befördert. Er verwendete es oft. Es passte gut in die Zeit, auch wenn ich mich selbst eher selten aufgetankt fühlte. Ich ging unverdrossen am Sonntag in die Kirche, so wie ich werktags treu und brav zum Bäcker lief. Inzwischen gibt es die Bäckerei nicht mehr, und die Bedeutung der Kirche ist deutlich kleiner geworden. Die Zeiten ändern sich.

Wenn ich heute ein Brot kaufe, bekomme ich nicht nur leibliche Nährwerte. Ich kaufe mehr. Ich muss ja auch mehr kaufen. Wegen des Bedeutungsrückgangs des geistlichen Anbieters bin ich schließlich auf andere Versorgungsquellen angewiesen. Mit dem Bäcker, den ich gar nicht kenne, habe ich einen ungeschriebenen Vertrag. Ich zahle ihm Geld. Er gibt mir dafür außer der „Nahrung des Leibes“ auch „gute Botschaft“ für meinen Stand im Leben. Er und seine Artgenossen versprechen mir unterschiedlich dosiert und präsentiert: gutes Wasser aus reinen Quellen, gute Milch von ländlich-glücklichen Kühen, gute Getreide aus kontrolliertem Anbau, fair gehandelt und mit Liebe bereitet. Unterm Strich betrachtet erwerbe ich nicht nur Gutes: Ich bin gut! Mal ehrlich: Das ist zeitnahe gute Botschaft. Ich bitte alle ehrlichen Bäckerinnen und Bäcker, die sich jetzt vielleicht über mich ärgern, vorsorglich um Entschuldigung. Ich will kein Handwerk beschädigen, sondern ein Prinzip beschreiben, das mich ab und zu auch amüsiert.

Selbstverständlich lebt der Mensch nicht vom Brot allein. Die Maßnahmen zur Erschaffung und Bewahrung meines guten Stands im Leben habe ich breit gestreut. Der Broteinkauf ist nur ein kleiner Teil des guten Einkaufs. Außer um Lebensmittel geht es da ja auch um Klamotten, Möbel, leichtes und schweres technisches Gerät, überhaupt um alles, was man für Geld kriegt. Und ich kaufe nicht nur gut, ich spreche auch gut. Das ist mein anderes Standbein sozusagen. Ich sage ganz plakativ: Wer korrekt redet, tut nicht nur andern etwas Gutes, sondern auch sich selbst! Das dritte Standbein ist gutes Tun. Heute sagt man sich einbringen. Ich achte dabei auf eine gewisse gesellschaftliche Verträglichkeit. Es gibt gute Anliegen, die mein Engagement erheischen, aber wenn ich „eins in die Fresse“ bekommen könnte, bleibe ich doch lieber weg. Ich kann bescheiden sein und im Nachgeben der Klügere. Weiter wage ich mich hier lieber nicht.

Irgendwie hat das alles mit der alten Kirche zutun, die immer noch im Ort steht. Der Pfarrer in meiner Kindheit sprach gelegentlich vom Reformator Luther, der herausgefunden hätte, dass Selbsterlösung nicht funktioniert. Er hatte die Methoden seiner Zeit probiert, war gescheitert und schließlich zur Einsicht gekommen, dass Gott ihm einen guten Stand im Leben geschenkt hatte. Er musste es nur noch realisieren. Die Zeiten ändern sich. Wenn Gott vielen Menschen keine Bezugsgröße mehr ist, hat sich das Problem ihrer eigenen Aufstellung für sie doch nicht erledigt. Mein alter Pfarrer und mein alter Bäcker würden sich höchstwahrscheinlich weidlich wundern, könnten sie die üppigen und vielfältigen Angebote sehen.






Autor: Friedrich Fuchs (Pfarrer in Büdingen – Wolf); Foto: ekhn - 26.7.2014
Gebackenes - 26.7.2014
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Abendliche Idylle - 22.7.2014