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Journal / Religion und Film
Ein apokalyptischer Reiter im Wilden Westen
Filmplakat aus dem Jahre 1985 (Warner-Film)

„Pale Rider - Der namenlose Reiter" von Clint Eastwood
Am Samstagabend, den 01.02.2003, stand im Spätprogramm bei Kabel 1 „Pale Rider“ auf dem Programm. Ein von vielen Programmfüllern, einer der vielen Westernwiederholungen im riesigen Spielfilmangebot der Privatsender? Ein unbedeutendes Werk im Schaffen Eastwoods? Oder vielleicht doch mehr? Dass Westernfilme mehr als Peng! Peng! sein können, wollen wird anhand dieses Films ausführen.

Religion ist - entgegen dem ersten Eindruck — ein wesentliches Element auch des Western. Das ureigenste Literatur- und Filmgenre der USA verarbeitet fast immer den Gründungsmythos der USA (God's own country). Dabei benutzt der Western neben kirchlichem Personal oft auch christliche Motive und Ikonografie wie in den John-Ford-Filmen „Ringo“ (1939) und „Spuren im Sand" (1948). „Pale Rider" wird hier exemplarisch für das Genre vorgestellt.

„Pale Rider" spielt in Kalifornien in der Zeit nach dem Bürgerkrieg (1861-65): Ein Fremder in Priesterkleidung gerät in Auseinandersetzungen zwischen unabhängigen Goldschürfern und einer Minengesellschaft. Die Siedler sollen gewaltsam ihres Landes beraubt werden. Der Fremde hilft dem Anführer der Siedler, Hull Barret, und schlägt sich auf die Seite der Schwachen. Er kann im Showdown die Killer des Minenbesitzers LaHood besiegen und verlässt das Tal wieder.

Der dritte selbst inszenierte Western des 1930 geborenen Regisseurs und Schauspielers Eastwood („A Perfect World", 1994) ist glänzend inszeniert, wobei die gelungene Synthese von ruhigen Passagen und Actionsequenzen sowie die Kameraarbeit besonders hervorgehoben werden müssen, und überzeugend gespielt. „Pale Rider" verbindet Elemente des klassischen Western - Plot aus George Stevens' „Mein großer Freund Shane" (1953) - mit denen des Italowestern - Kleidung, Ritualisierung der Actionsequenzen, politische Implikationen. Der 1984/85 entstandene Film kann als Endpunkt des Spätwestern und gleichzeitig als Vorbote der Renaissance des Genres angesehen werden. Dies gilt sowohl für Eastwoods eigene Western („Ein Fremder ohne Namen", 1972; „Der Texaner", 1976; „Erbarmungslos", 1992) wie auch für das Genre insgesamt (Michael Ciminos „Heaven's Gate", 1980, und Kevin Costners „Der mit dem Wolf tanzt", 1990).


Eastwood modifiziert die Topoi des klassischen Western, indem er in „Pale Rider" deutlich politisch - sprich: kapitalismuskritisch - Stellung bezieht. Er tritt für die Bewahrung der Schöpfung ein, indem er die Zerstörung der Natur durch Erodierung mit Druckwasser anprangert, und stellt die Gewalt reflektiert dar. Der Fremde greift erst zum Revolver, als dies wegen der sieben Killer, die als Marshal und Deputies aufmarschieren, unvermeidlich geworden ist. Die mythische Gestalt des einsamen Revolvermanns, der den Guten zum Sieg über die Bösen verhilft, dessen Archetyp die Figur des Shane ist, wird in eine religiöse Figur transformiert. Eastwood zu seinem Film: „Ich bin kein Schüler der Bibel, doch ich war stets von der Mythologie dieser biblischen Geschichten fasziniert und wie eng diese mit der Mythologie des Western verbunden sind" (zit. n. Presseheft).

Als Megan Wheeler ihren von den Arbeitern der Minengesellschaft getöteten Hund beerdigt, spricht sie Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte"), ein Gebet des Vertrauens und Ausdruck der Geborgenheit in Gott. Sie verbindet den Psalm mit einem Bittgebet („Wir brauchen ein Wunder!", „Wo bist Du, Gott?") und es erscheint ein Reiter aus den Bergen (vom Himmel?), der von Donner begleitet wird. Die „überirdische" Erscheinung bzw. Herkunft des Fremden wird in der Exposition der Handlung mehrfach verdeutlicht: Bei der Ankunft des Fremden in der Siedlung liest Megan aus der Offenbarung des Johannes 6,4-8 „Die Öffnung der sieben Siegel" die Stelle vom vierten apokalyptischen Reiter („Da sah ich ein fahles Pferd und der, der auf ihm saß, dessen Name war Tod. Und die Hölle folgte ihm nach ..."), und es erscheint der Fremde vor dem Fenster. Ein bildlicher Hinweis auf den Schrecken der Endzeit (vgl. Titel: Pale = fahl), der für die umweltzerstörende Minengesellschaft mit seiner Ankunft angebrochen ist. Eastwood nimmt hier - bewusst? - Bezug auf den theologischen Gehalt der Offenbarung des Johannes: Abschreckung einerseits und andererseits auch die Ankündigung einer neuen Gemeinschaft der Menschen miteinander (und mit Gott). Folgt dem Ende der Schreckensherrschaft die Rückkehr ins Paradies? Als sich der Fremde wäscht, sieht man auf seinem Rücken sechs kreisförmig angeordnete Einschüsse in der Nähe des Herzens, eigentlich tödliche Verletzungen. Ist dies das Wunder, das Megan erflehte? Der Fremde erscheint zum Essen in Priesterkleidung, die er erst ablegt, als er mit seinen Revolvern zum Showdown zurückkehrt, um den Siedlern zu helfen und um sich an dem Mann zu rächen, der ihm, so kann man vermuten, die Kugelwunden beigebracht hat und den Prediger deshalb für tot hält. Der Prediger verhilft im weiteren Verlauf der Handlung nicht nur den gutwilligen Siedlern zu mehr Selbstbewusstsein, er verunsichert auch seine Gegner: Am deutlichsten wird dies in der „Bekehrung" des Riesen Club, der im Dienste LaHoods steht. Dieser rettet, erst zusammen mit dem Prediger, Megan vor einer Vergewaltigung und später den Prediger vor dem Erschießen.

„Pale Rider" wurde von Kritik und Publikum überwiegend positiv aufgenommen. U. Jaeggi (ZOOM 11/85) sieht in der Geste des Predigers, der seinen Priesterkragen gegen Revolver eintauscht, einen Hinweis auf die Theologie der Befreiung. Als biblische Anleihen versteht die Kritikerin F. Plaza (Clint Eastwood/Malpaso) die Verwundung, die Eastwood Josh LaHood an der Hand beibringt (Stigmata), den tödlichen, siebten Schuss in die Stirn von Stockburn (Kainsmal) und die Ermordung des Goldschürfers Spider Conway durch die Killer (Todesballett).

Der Fremde ohne Namen entzieht sich jedoch einer eindeutigen Zuordnung. Er ist sowohl Gottes- wie Revolvermann, wobei der Film die Frage offen lässt, ob der Fremde tatsächlich „Prediger" ist. Der Fremde ist gut zu den Guten und böse zu den Bösen und verhilft so den Unterdrückten zu ihrem Recht. Er kommt aus dem Nirgendwo und verschwindet dorthin wieder, er gleicht einem alttestamentlichen Propheten und Stellvertreter Gottes, der für irdische Gerechtigkeit sorgt. „Pale Rider" ist ein meisterlicher Western, der deutlich und bewusst biblisch inspiriert ist; ein klassisches Beispiel dafür, wie sich Religion im Genrekino säkularisiert, aber ernsthaft artikulieren kann.



Credits
USA 1984/85. Produktion: Warner/Malpaso. Regie: Clint Eastwood. Buch: Michael Butler, Dennis Shryack. Kamera: Bruce Surtees. Musik: Lennie Niehaus. Darsteller: Clint Eastwood (Prediger), Michael Moriarty (Hull Barret), Carrie Snodgress (Sarah Wheeler), Sydney Penny (Megan Wheeler), Richard Dysart (Coy LaHood). Farbe, 115 Min.


Literatur
- fd 25 304;
- G. Seeßlen: Die W(B)ürde der Einsamkeit, in: epd Film 10/85, S. 12-23 (Porträt und Kritik);
- ZOOM 11/85, S. 7f. (Cannes) u. 21/85 (Kritik);
- M. Henry: Interview vom 1.4.85, nachgedruckt in: Warner-Columbia Presseheft „Pale Rider";
- H. Gerhold: Ein amerikanisches Ikon (Porträt), in: fd 21/85, S. 389-391;
- F. Plaza: Clint Eastwood/Malpaso, Carmel Valley 1991, S. 158-163; F. Geller: „Pale Rider". Münster 1993 (unveröffentlichtes Typoskript).


(Weitere Informationen zu Clint Eastwood und Pale Rider unter Nachgeschaut)

Überarbeitete und ergänzte Fassung eines Artikels aus: Peter Hasenberg / Wolfgang Luley / Charles Martig (Hg.): Spuren des Religiösen im Film – Meilensteine aus 100 Jahren Filmgeschichte, Grünewald-Verlag Mainz und KIM Köln 1995, S. 180-183.


Autor: Wolfgang Luley (W.Luley@t-online.de) - 3.2.2003
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