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Journal / Politik
Systematische Verfolgung der Juden beginnt mit Boykott der Geschäfte
Foto: dpa
SA-Männer kleben ein Plakat mit der Aufschrift "Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden" an die Schaufensterscheibe eines Geschäfts, das in jüdischem Besitz ist (undatiertes Archivfoto).





Von Ulrich Steinkohl, dpa

(Berlin/dpa) - Die Aktion war landesweit durchorganisiert. Vor 75 Jahren zogen am 1. April 1933 um 10 Uhr in ganz Deutschland vor jüdischen Geschäften uniformierte und zum Teil bewaffnete SA-Trupps auf. Sie setzten um, was die Parteiführung der NSDAP vier Tage vorher angeordnet hatte - und was nun auf Plakaten an den Geschäften in Großbuchstaben zu lesen war: «Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!» Mit dem Boykott jüdischer Geschäfte, in den auch Ärzte und Rechtsanwälte einbezogen wurden, zeigte das nationalsozialistische Regime an diesem Samstag erstmals seine antisemitische Fratze - nur zwei Monate nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar.

Zum Teil brutale Übergriffe der SA, Boykottmaßnahmen, Plünderungen und Schikanen mussten jüdische Händler und Gewerbetreibende schon in der Weimarer Republik über sich ergehen lassen. Anfang 1933 nahmen sie zu. Doch dabei handelte es sich um lokale Einzelaktionen. Am 1. April 1933 wurde jedoch aus staatlich geduldeter Gewalt erstmals staatlich organisierter Terror.

Als fadenscheinige Begründung zogen die Nazis die wachsende Kritik im Ausland an der Juden-Verfolgung heran. So wurde etwa in den USA öffentlich über einen Boykott deutscher Waren diskutiert. Jüdische Organisationen rieten jedoch zur Mäßigung. Sie befürchteten Vergeltungsmaßnahmen an den deutschen Juden. Genauso kam es. Am 26. März schrieb Propagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch: «Wir werden gegen die Auslandshetze nur ankommen, wenn wir ihre Urheber oder doch wenigstens Nutznießer, nämlich die in Deutschland lebenden Juden, die bisher unbehelligt blieben, zu packen bekommen. Wir müssen also zu einem groß angelegten Boykott aller jüdischen Geschäfte in Deutschland schreiten.»

Am 28. März erging ein Aufruf der NSDAP-Parteileitung: «Kein Deutscher kauft noch bei einem Juden (...). Der Boykott muss ein allgemeiner sein. Er wird vom ganzen Volk getragen und muss das Judentum an seiner empfindlichsten Stelle treffen.» Der Boykott sollte «bis in das kleinste Bauerndorf hinein» organisiert werden. Zum Leiter wurde der Herausgeber des Hetzblattes «Der Stürmer», Julius Streicher, ernannt. Er ließ in einem Aufruf vom 30. März keinen Zweifel, dass es den Nazis um mehr als den zeitweisen Boykott von Geschäften ging: «Am Samstag (...) beginnt des deutschen Volkes Abwehraktion gegen die jüdischen Weltverbrecher.»

Doch der «staatlich verordnete Antisemitismus», von dem später der Politologie-Professor Karl Dietrich Bracher sprach, funktionierte nur begrenzt. Zwar herrschte in weiten Kreisen der Bevölkerung eine latent judenfeindliche Stimmung vor, aber viele Bürger waren vom brutalen Auftreten der Schlägertruppe der NSDAP angewidert. Wer von ihnen demonstrativ doch in jüdischen Geschäften einkaufte, wurde selbst drangsaliert. SA-Leute fotografierten die Kunden, die Bilder wurden in der Zeitung gedruckt, die Namen öffentlich ausgehängt. Die Masse der Bevölkerung blieb passiv. Am Abend setzte die Regierung den Boykott aus, drei Tage später erklärte sie ihn für beendet.

Der 1. April 1933 hatte die «Funktion eines Startzeichens», schrieb der israelische Historiker und Ökonom Avraham Barkai. Er markierte den Beginn der Vertreibung der rund 500 000 Juden in Deutschland aus dem Wirtschaftsleben. Schon am 7. April holten die Nazis mit dem «Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums» zum nächsten Schlag aus. Danach waren «nichtarische Beamte» in den Ruhestand zu versetzen. Mit den «Nürnberger Gesetzen» vom 15. September 1935 und 13 weiteren Verordnungen in den folgenden Jahren wurden den Juden nach und nach alle Möglichkeiten der Berufsausübung genommen.

Der Verlust der ökonomischen Basis ging einher mit dem Entzug der bürgerlichen Rechte und dem Ausschluss aus der Gesellschaft. Der Terror nahm in den Folgejahren an Brutalität zu, führte über die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 schließlich zu Deportation und Ermordung, zum Holocaust. Der Philologe und Schriftsteller Victor Klemperer aus Dresden, selbst aus einer jüdischen Familie stammend, sah dies schon 1933 kommen. Am 30. März hielt er in seinem Tagebuch eine «Stimmung wie vor einem Pogrom» fest. Er notierte weiter: «Wir sind Geiseln. Es herrscht das Gefühl vor (...), dass diese Schreckensherrschaft kaum lange dauern, uns aber im Sturz begraben werde.»

Zentralrat der Juden beklagt Zunahme antisemitischer Straftaten
(München/dpa) - Auch mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Nazi-Regimes ist der Antisemitismus in Deutschland nicht besiegt. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, beklagt eine Zunahme antisemitischer Propaganda- und Gewaltdelikte nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in anderswo in Europa. Antisemitische Strömungen - «zumeist sehr subtil» - gebe es aber auch mitten in der Gesellschaft, sagte Knobloch in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa anlässlich des 75. Jahrestages des sogenannten Judenboykotts der Nazis am 1. April 1933.

Es sei in Deutschland aber klarer Mehrheitskonsens, den Antisemitismus zu ächten, sagte Knobloch. «Deshalb wird er häufig über Chiffren und Andeutungen à la "Na, Sie wissen schon" oder "Wall Street" transportiert.»

Gerade unter linken Globalisierungsgegnern gibt es ihrer Ansicht nach einen Antisemitismus, der sich hier hinter vermeintlich objektiver Kritik an Israel versteckt oder sich als Antiamerikanismus verkleidet. «Sie dämonisieren "die jüdische Lobby" in Washington und erklären sie zu finsteren Manipulatoren amerikanischer Politik», erläuterte die Zentralratspräsidentin. Viele Sympathisanten der Globalisierungskritiker würden nicht erkennen, «dass es sich hierbei um Antisemitismus handelt».

Hass und Ressentiments gehörten für die jüdischen Gemeinden fast schon zum Alltag. Im öffentlichen Bewusstsein seien die täglichen Briefe, Anrufe und E-Mails mit aggressivem antisemitischem Inhalt hingegen nicht präsent, sagte sie. «Auch Schulkinder klagen über antijüdische Diskriminierungen im Alltag.»

Knobloch schlug mehr Begegnungen zwischen Juden und Nichtjuden sowie zwischen Israelis und Deutschen vor, etwa in einem internationalen Jugendaustausch. So könnten Vorurteile abgebaut werden. «Viele Menschen kennen Juden ja nur aus dem Geschichtsbuch.»

Gespräch: Dorothea Hülsmeier, dpa

Knobloch: Antisemitismus ist immer noch verbreitet
Foto: Peer Grimm dpa/lby
Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland (Archivfoto vom 24.10.2006). Knobloch beklagt eine Zunahme antisemitischer Propaganda- und Gewaltdelikte nicht nur in der Bundesrepublik. In einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa anlässlich des 75. Jahrestages des sogenannten Judenboykotts der Nazis am 1. April 1933 sagte Knobloch, dass es aber auch mitten in der Gesellschaft antisemitische Strömungen gebe.


(München/dpa) - Haben die Deutschen nichts aus der Geschichte gelernt? Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, beklagt eine Zunahme antisemitischer Straftaten. Anlässlich des 75. Jahrestags des sogenannten Judenboykotts der Nazis am 1. April 1933 äußerte sie sich in einem schriftlich geführten Interview der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Wie verbreitet ist Antisemitismus heute in Deutschland?

Knobloch: «Nicht nur in Deutschland, auch in anderen europäischen Nationen ist eine deutliche Zunahme antisemitischer Propaganda- und Gewaltdelikte zu verzeichnen.»

Wie äußern sich antisemitische Strömungen in unserer Gesellschaft?

Knobloch: «Zumeist sehr subtil. Denn Deutschland lag nach dem Zweiten Weltkrieg viel an seiner internationalen Rehabilitierung und hat deshalb Dämme gegen Antisemitismus aufgebaut. Es gibt hierzulande noch immer einen klaren Mehrheitskonsens, nach dem Antisemitismus geächtet wird. Deshalb wird er häufig über Chiffren und Andeutungen à la "Na, Sie wissen schon" oder "Wall Street" transportiert. Ferner gibt es gerade unter linken Globalisierungsgegnern einen Antisemitismus, der ein ideologisches Verwirrspiel spielt. Er versteckt sich hinter vermeintlich objektiver Kritik am Staat Israel oder verkleidet sich gar als Antiamerikanismus. Geschickt verknüpfen vor allem Gruppierungen, die sich selbst als Streitkräfte des Guten sehen und Globalisierung, Rassismus, soziale Ungerechtigkeit bekämpfen, Antisemitismus mit dem aktuell populären Antiamerikanismus. Sie dämonisieren "die jüdische Lobby" in Washington und erklären sie zu finsteren Manipulatoren amerikanischer Politik. Deshalb erkennen viele nicht, dass es sich hierbei um Antisemitismus handelt und finden es in Ordnung, in diesem linken, globalisierungskritischen Mainstream miteinzustimmen.»

Hören Sie in der jüdischen Gemeinde Klagen über Antisemitismus?

Knobloch: «Selbstverständlich. In der Zeitung sind ja nur - wenn überhaupt - die Gewaltdelikte, etwa die Messerattacke auf einen Frankfurter Rabbiner oder der Anschlag auf einen jüdischen Kindergarten in Berlin zu lesen. Die Briefe, Anrufe und E-Mails mit aggressivem antisemitischem Inhalt, die uns täglich erreichen, sind im öffentlichen Bewusstsein hingegen nicht präsent. Auch Schulkinder klagen über antijüdische Diskriminierungen im Alltag.»

Wird das Problem verschärft durch die Auseinandersetzung mit dem Islam und islamistischem Terror?

Knobloch: «Ja, nur leider wird diesem Problem seitens der Politik nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Vielen ist es - im Gegensatz zur Benennung des Antisemitismus bei Rechtsradikalen - zu brisant, antisemitische Tendenzen unter Muslimen festzustellen. Das scheint politisch nicht korrekt zu sein und steht der Notwendigkeit, sich mit den doch sehr großen muslimischen Bevölkerungsgruppen in Europa zu einigen, entgegen.»

Elie Wiesel hat bei der OSZE-Antisemitismus-Konferenz 2004 in Berlin gefragt: «Wenn Auschwitz den Antisemitismus nicht töten konnte, was dann?» Haben Sie eine Antwort?

Knobloch: «Auch ich habe kein Patentrezept. Antisemitismus hat eine unselige, Jahrhunderte alte und sehr hartnäckige Tradition. Gleichzeitig darf dies kein Grund sein, vor Antisemitismus zu kapitulieren. Bildung und Aufklärung sind effektive Wege, um Vorurteile abzubauen. Ferner konkrete Begegnungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen sowie zwischen Israelis und Deutschen. Ein internationaler Jugendaustausch etwa bietet die Möglichkeit, den Anderen kennen- und verstehen zu lernen. Viele Menschen kennen Juden ja nur aus dem Geschichtsbuch.»

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern und Antisemitismus heute?

Knobloch: «Diesen Zusammenhang gibt es gerade nicht! Er wird aber ständig konstruiert, um antisemitische Vorurteile als vermeintlich objektive Israelkritik zu deklarieren. Und auch der islamische Antisemitismus europäischer Muslime ist keine Verlagerung des Nahostkonflikts auf europäischen Boden, wie viele fälschlicherweise annehmen. Man muss nur genau hinhören. Hier werden nicht Israelis, sondern Juden zum Feindbild deklariert. Und Israel wird gewissermaßen als "dem Juden unter den Nationen" das Existenzrecht abgesprochen. Dieser Antisemitismus ist ein Export Hitler-Deutschlands in die arabische Staatenwelt während deren Kollaboration.»

Interview: Dorothea Hülsmeier, dpa


Autor: Ulrich Steinkohl, dpa; Dorothea Hülsmeier, dpa - 26.3.2008