Eine Szene aus dem Trickfilm "Waltz with Bashir" (undatierte Filmszene). Das israelische Werk ist ein dokumentarischer Animationafilm über das Massaker von Sabra und Schatila aus der Perspektive des Regisseurs Ari Folman, der zu jener Zeit als israelischer Soldat im Libanon stationiert war. Der Film kommt am 06. November in die deutschen Kinos.
Von Karin Zintz, dpa
(Hamburg/dpa) - Wie bekommt man Halluzinationen vor die Kamera?
Wie kann man verdrängte Erinnerungen in einem Dokumentarfilm zeigen?
Der israelische Regisseur Ari Folman hat in seinem Film «Waltz With
Bashir» eine höchst kreative Antwort darauf gefunden und ein ganz
neues Genre geschaffen: den «animierten Dokumentarfilm». Thematisch
rekonstruiert der Film Folmans eigene Erinnerungsreise zu
schrecklichen Erlebnissen als junger israelischer Soldat im
Libanonkrieg Anfang der 1980er Jahre. Doch stilistisch ist er in
schönstem Comicstil spektakulär gestaltet, ein zeitgeistiger Trip
durch Musik und Popkultur der 1980er Jahre. Nach vielen
Auszeichnungen hat Israel «Waltz Witz Bashir» auch zur Oscar-
Nominierung vorgeschlagen.
Produziert wurde das Werk von den Deutschen Gerhard Meixner und
Roman Paul, die mit ihrer Firma Razor Film (Berlin) bereits einen
anderen herausragenden Film aus dem Nahen Osten gemacht haben:
«Paradise Now» aus Palästina. Das Drama über palästinensische
Selbstmordattentäter war vor zwei Jahren mit einer Nominierung schon
ganz nah dran an einem Oscar. Dass sie jetzt wieder einen Film aus
der Kriegs- und Krisenregion gemacht haben, ist für die beiden
eigentlich Zufall: «Wir kriegen seit "Paradise Now" ziemlich viele
Angebote aus der Region», sagt Roman Paul. «Waltz» sei für sie aber
vor allem ein «spannender Film mit einer ganz ungewöhnlichen
Herangehensweise» gewesen.
Ausgehend von grässlichen Alpträumen eines ehemaligen israelischen
Soldaten tastet sich «Waltz With Bashir» Schritt für Schritt an
seinen Kern heran: Das Massaker an palästinensischen Flüchtlingen im
Libanon im September 1982. Tausende wurden damals in den Lagern Sabra
und Schatila von christlichen Milizen niedergemetzelt, nachdem der
christliche Militärführer Bashir Gemayel bei einem Attentat getötet
worden war. Israelische Soldaten mussten dem Grauen tatenlos zusehen.
Warum niemand den Befehl zum Eingreifen gab, ist bis heute nicht
vollends geklärt.
Folman, ein erfahrener Dokumentarfilmer, verfremdet die üblichen
Doku-Mittel durch Animation. Er hat etliche Interviews geführt und
als Realfilm aufgenommen. Bild für Bild nachgezeichnet und
verfremdet, passen sich diese Gespräche nahtlos in den Kontext der
Geschichte ein. Folman verbindet das Private mit dem Politischen.
Doch dank Zeichenkunst und Musikmix wird «Waltz With Bashir» nie
plakativ, sondern schwebt surreal zwischen Wahrheit und Fantasie.
«Das ist kein politischer Film», betonte Regisseur Folman im Mai
beim Filmfestival in Cannes, wo sein Werk nach der Uraufführung
bejubelt wurde. «Es geht um die persönlichen Geschichten von
Soldaten» - um seine eigene Geschichte. Weil es dazu eben kein
Dokumentarmaterial gebe, das den Horror und seine Verdrängung zeige, habe er einen Animationsfilm gedreht.
Was mit Alpträumen und Halluzinationen beginnt, wird inhaltlich
immer konkreter und realistischer. Bis am Ende eine 50 Sekunden lange
«echte» Sequenz aus dem Archiv den Blick auf die realen Opfer des
Massakers lenkt. Dieser stilistische Bruch stößt den Zuschauer nach
einem aufregenden Kinotrip brutal in die Wirklichkeit zurück. «Die
meisten Anti-Kriegsfilme gehen total an ihrem Ziel vorbei. Die sind
viel zu heldenhaft», begründete Folman die drastischen Szenen am
Schluss. «Ich will mit der Animation zwar auch die 16-Jährigen
erreichen - aber sie sollen nicht nur Spaß haben.»
Waltz with Bashir, Israel/Frankreich u. a. 2008, 87 Min., FSK ab 12, von Ari Folman.
Internet:
http://waltz-with-bashir.pandorafilm.de
Meixner und Paul: Zweite Oscar-Nominierung zum Greifen nah
(Hamburg/dpa) - Sie verkörpern nicht die selbstbewusste Wucht eines Bernd Eichinger, sondern pflegen die leisen Töne. Dennoch gehören Gerhard Meixner und Roman Paul heute zu den international erfolgreichsten Filmproduzenten in Deutschland. Nach der Oscar-Nominierung für den von ihnen produzierten palästinensischen Film «Paradise Now» (2006) ist nun die zweite Nominierung für «Waltz With Bashir» zum Greifen nah. Dieses Mal hat Israel ein Werk von Paul und Meixner ins Oscar-Rennen geschickt.
Dass es ausgerechnet zwei Filme aus dem Krisen- und Kriegsgebiet Naher Osten sind, die ihrer Firma Razor Film in Berlin den Durchbruch brachten, ist für Meixner und Paul eigentlich Zufall. «Zweigleisig fahren, deutsche Projekte und internationale Filme machen», so umschreiben sie ihre Pläne. Durch die Arbeit an «Paradise Now» hätten sich einfach viele Kontakte in der Region ergeben, die nun zu dem hochgelobten animierten Dokumentarfilm «Waltz With Bashir» geführt hätten. Zur Zeit realisieren sie ein Projekt in Kolumbien, danach folgt eine deutsche Produktion.
Ihr persönliches Credo als Filmenthusiasten klingt bescheiden und ernsthaft. «Wir wollen authentisch sein», sagt Meixner. «Wir wollen Stoffe finden, die die Leute dazu bringen, einen Abend ihrer Lebenszeit im Kino zu verbringen.» Dass sich dahinter kein Kommerzdenken verbirgt, sondern ein enormer Anspruch an sich selbst, zeigt Roman Pauls Bekenntnis im Interview: «Wir wollen etwas hinterlassen.»
Internet:
www.razor-film.de