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Journal / Glaube,Liebe,Hoffnung
Den Menschen einen Ort der Identität zurück geben
Kirche in Onna - Südseite. Foto: drs

Bundesregierung und Diözese Rottenburg-Stuttgart bauen die Kirche in dem durch ein Erdbeben zerstörten Abruzzendorf Onna wieder auf
(Rottenburg/drs) - Mit dem verheerenden Erdbeben in der Region um die italienische Abruzzenstadt L’Aquila am 6. April 2009 ist nicht nur die Existenzgrundlage vieler Bewohner zerstört worden, sondern auch alles, was ihnen Heimat und Identität bedeutet hat. Dies hat Heiner Giese, der Diözesanbaumeister der Diözese Rottenburg-Stuttgart, betont. Giese leitet ein Projekt der Wiederbauhilfe in dem nahe L’Aquila gelegenen Dorf Onna, das die Diözese Rottenburg-Stuttgart im Auftrag und mit Mitteln der Bundesregierung durchführt. In dem insgesamt mit rund 3,5 Millionen Euro bezifferten Projekt soll vor allem die weitgehend zerstörte historische Kirche San Pietro Apostolo in Onna wieder aufgebaut werden, die in ihren Ursprüngen bis in die Gotik zurückreicht. Zugleich wird das Bauwerk erdbebensicher gemacht. Die Kirche, so Giese, stelle nicht nur baulich den Kern der zu 90 Prozent zerstörten Ortschaft dar, sondern sei auch ein existenzielles Zentrum für die Menschen in Onna. Deshalb bedeute ihr Wiederaufbau eine Hilfe dazu, dass die Bewohner, von denen viele heute noch traumatisiert seien, ihre Identität wieder zurückerhalten könnten.
Das Abruzzendorf Onna hatte im Jahr 1944 durch die deutsche Wehrmacht ein Massaker mit 17 Toten erlitten, bei dem der größte Teil des Ortes zerstört worden war. Deshalb ist die Wiederaufbauhilfe gerade in diesem Ort aus deutscher Sicht ein wichtiges Zeichen der Versöhnung. Vor dem Hintergrund dieser Erinnerung ist es nach den Worten Gieses entscheidend, in der Zusammenarbeit den richtigen Ton zu finden und alle Beteiligten vor Ort so in die Planungen einzubeziehen, dass daraus ein gemeinschaftliches Projekt entsteht. Aus diesem Grund wird Giese auch Anfang Dezember in einer Gemeindeversammlung in Onna den bisherigen Stand der Vorbereitungen sowie die weiteren Schritte erläutern.

Bei der bisher bereits erfolgten Sicherung des noch vorhandenen Gebäudebestands und der Bergung von wertvollen Kunstgegenständen seien in der Kirche bisher nicht bekannte Fresken aus dem 14. Jahrhundert unter dem abgeplatzten Putz zutage gekommen, berichtete Giese. Ob und wie sie gerettet werden können, sei noch offen. Über den vermessenen und dokumentierten Gebäuderesten sei jetzt ein Notdach zum Schutz vor Regen, Schnee und weiterem Zerfall errichtet worden. Im Januar 2010 starte man mit einer deutsch-italienischen Ausschreibung für die weiteren Planungen, die bis zur Karwoche 2010 zu einem realisierungsfähigen Projekt führen sollen. Die bauliche Umsetzung ist nach Auskunft Gieses zum Beginn des Jahres 2011 vorgesehen.

Wiederaufbau in L’Aquila-Onna - Interview mit Diözesanbaumeister Dr. Heiner Giese
Kirche in Onna: Foto: drs
Der Diözesanbaumeister der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Dr. Heiner Giese, reist vom 4. bis 6. Dezember zum wiederholten Mal in die durch ein schweres Erdbeben am 6. April 2009 weithin zerstörte Abruzzenstadt L’Aquila. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart engagiert sich in dem zu L’Aquila gehörenden Dorf Onna beim Wiederaufbau der Kirche und der kirchlichen Gebäude im Ortskern des zu L’Aquila gehörenden Dorfes Onna. Thomas Broch befragte Heiner Giese zum derzeitigen Stand des Projekts.


TBr: Herr Dr. Giese: Was ist das Ziel dieses Wiederaufbauhilfeprojekts der Diözese Rottenburg-Stuttgart und wie sieht der Stand der Dinge derzeit in Onna aus?

HG: Zur Erinnerung: Es handelt sich um eine Initiative der Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland. Diese hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart um Mithilfe gebeten, weil eine Stadt in unserer Diözese, Rottweil, Partnerstadt von L’Aquila ist. Von dort aus ist bereits einiges an Hilfeleistungen im Gang. In Onna bauen wir die Kirche, die noch zu einem Teil erhalten ist, wieder auf – und zwar in einer Form, der der ursprünglichen Gestalt des Bauwerks sehr nahe ist. Allerdings soll sie erdbebensicher gemacht werden.

TBr: Wie muss man sich die Situation im Onna heute vorstellen?

In dem Ort sind 90 Prozent aller Gebäude zerstört. Man kann sich das aus der Ferne nur schwer vorstellen. Auf Bildern hatte ich schon einiges gesehen und war, wie ich gestehen muss, emotional noch nicht sehr berührt. Als ich allerdings zum ersten Mal zu dem Katastrophenort kam, war ich einfach erschüttert. Ein solches Ausmaß an Zerstörung habe ich noch nie gesehen. Der Vergleich mit einer Mondlandschaft ist nicht falsch. In dem kleinen Dorf, in dem rund 280 Menschen lebten, sind neun von zehn Häusern völlig zerstört, 41 Einwohner sind ums Leben gekommen. Einzelne Häuser stehen noch in den Straßen; andere, die noch nicht ganz in sich zusammen gefallen waren, wurden von der Feuerwehr aus Sicherheitsgründen vollends zum Einsturz gebracht. Wenn man durch die Straßen geht, sieht man links und rechts lauter Schutthügel; dazwischen einige wenige einzelne Häuser, die schon mit neuesten Techniken gebaut worden waren und deshalb dem Beben besser standgehalten haben. Die Schutthügel werden jetzt nach noch Erhaltenswertem durchsucht und dann geschreddert. Das alles ist schon deprimierend.

TBr: Warum ist es denn für die Menschen in Onna und für die Diözese Rottenburg-Stuttgart wichtig, gerade die Kirche wieder aufzubauen?

HG: Durch die Zerstörungen ist nicht nur die materielle Existenzgrundlage der Menschen sondern, auch deren Identität ist weggebrochen. Ihr Zuhause, ihre Heimat, vieles, was ihr Leben ausmacht, ist dem Erdboden gleich gemacht. Die Kirche ist nicht nur räumlich das Zentrum der Gemeinde, sondern war auch immer existenziell der Nukleus ihrer Existenz. Deshalb ist sie auch der Ort, der besonders intensiv mit ihrer Identität verbunden ist und an diese erinnert.
TBr: Wie haben Sie die Menschen bei persönlichen Kontakten erlebt?

HG: Wir haben bei unseren wiederholten Besuchen viele Kontakte bekommen. Nachdem die Menschen vier Monate in einer Zeltstadt gelebt haben, wohnen sie jetzt in provisorischen Gebäuden, die für die nächsten fünf Jahre dienen sollen. Die Leute kommen immer wieder in einer großen Mensa zusammen, wo sie essen können. Dort haben wir sie getroffen. Ich habe viele als traumatisiert erlebt. Manche gehen ihrer Arbeit nach. Aber man sieht auch viele, die einfach nur planlos durch die Gegend laufen.

TBr: Warum gilt die Hilfe aus Deutschland gerade der Ortschaft Onna und ihrer Bevölkerung?

HG: Die Bundesregierung hat diesen Ort sehr bewusst ausgewählt. Im Jahr 1944 wurde dort durch die deutsche Wehrmacht ein Massaker verübt, bei dem 40 Menschen erschossen und 15 weitere schwer verletzt wurden. Fast alle Häuser wurden damals zerstört. Es geht also heute nicht nur um technische Wiederaufbauhilfe, es geht auch um ein Zeichen der Versöhnung.

TBr: Ist diese geschichtliche Hypothek in der Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort noch spürbar?

HG: Es ist vor dem Hintergrund dieser Erinnerungen auf jeden Fall entscheidend, den richtigen Ton im Umgang mit einander zu finden. Das bedeutet vor allem, die Menschen umfassend in die Planungsarbeiten einzubeziehen und in einer Atmosphäre der Gemeinschaftlichkeit vorzugehen.

TBr: Wie ist der derzeitige Stand der Arbeiten?

HG: Bis jetzt waren umfangreiche Vorarbeiten erforderlich. Der noch erhaltene Gebäudebestand musste gegen weiteren Verfall gesichert und die noch erhaltenen wertvollen Kunstgegenstände sowie Ausstattungsteile geborgen werden. In ihrer letzten Fassung war die Kirche eine Barockkirche. Aber ursprünglich scheint sie wesentlich älter zu sein und bis in die Gotik zurückzureichen. Aus der Zeit der Gotik, aus dem 14. Jahrhundert, stammen auch die unter dem abgeplatzten Putz hervorgekommenen Fresken. Ob und wie sie erhalten werden können, ist derzeit noch nicht sicher. In einer Bauaufnahme musste der Gebäudebestand vermessen und dokumentiert werden. Und schließlich wurde ein Notdach errichtet, um das Gebäude vor Regen und Schnee und Erosion zu schützen.

TBr: Und wie geht es jetzt weiter?

HG: Anfang Dezember werden wir in eine Gemeindeversammlung den Stand unserer Recherchen und Vorarbeiten und das weitere Procedere vorstellen. Im Januar 2010 werden wir mit der deutsch-italienischen Ausschreibung beginnen. In der Karwoche 2010, noch vor dem Jahrestag der Katastrophe, soll dann ein realisierungsfähiges Projekt vorliegen. Die bauliche Umsetzung ist für das Jahr 2011 vorgesehen.

TBr: Was die spezifische Aufgabe von Ihnen bzw. der Diözese?

HG: Unsere Aufgabe besteht darin, im Auftrag der Bundesregierung das Projekt zu steuern. Derzeit sind wir mit damit befasst, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen – also vor Ort die Vertreter der Erzdiözese L’Aquila und der Kirchengemeinde San Pietro Apostolo in Onna, aber auch die örtlichen Behörden, vor allem den Zivilschutz, der bei der Umsetzung eine wichtige Rolle spielt. Auf deutscher Seite sind es das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung sowie verschiedene Architektur- und Ingenieurbüros.

TBr: Mit welchem Finanzvolumen rechnen Sie für das gesamte Projekt?

Das gesamte Projekt ist mit einem Finanzvolumen von rund 3,5 Millionen Euro brutto veranschlagt. Darin sind auch alle Regie- und Nebenkosten enthalten wie etwa Übersetzungsarbeiten, die bei einer deutsch-italienischen Kooperation erforderlich sind, wo alle Unterlagen in zwei Sprachen erstellt werden müssen.

TBr: Wann werden Sie selbst das nächste Mal in Onna sein?

Vom 4. bis 6. Dezember. Da soll, wie gesagt, den Gemeindemitglieder das gesamte Vorhaben erläutert werden. Außerdem geht es noch einmal darum, sich der Vorstellungen aller Beteiligten zu versichern.

Fresken in der Kirche in Onna: Foto: drs

Autor: Thomas Broch - 4.11.2009
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