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Journal / Kultur
LOURDES - Kinostart: 01.04.2010
Der Wallfahrtsbezirk von Lourdes mit der Rosenkranzbasilika und der Basilika der Unbefleckten Empfängnis © Coproduction Office


Regie: Jessica Hausner
Darsteller: Sylvie Testud, Bruno Todeschini, Elina Löwensohn



LOURDES hat bereits auf den Filmfestivals in Cannes, Venedig und Wien mehrere Preise gewonnen, unter anderem den renommierten Fipresci- Preis (vergeben von der internationalen Filmkritik) und dem ökumenischen Preis SIGNIS 2009, laut Jury „für den sensiblen Umgang mit den Themen Leid, Hoffnung, Glaube und Wunsch nach Wundern. In der Hauptrolle spielt die wunderbare Französin Sylvie Testud, die aus „La vie en rose“ und „Jenseits der Stille“ bekannt ist.


LOURDES erzählt die wundersame Geschichte über eine junge, gelähmte Frau, die nach Lourdes reist und, obwohl nicht annähernd fromm, geheilt wird. Der Film ist ein berührendes Drama über den Widerspruch im Glauben an das Gute angesichts von Willkür und Vergänglichkeit. Ich denke der Film wird Ihre Leserschaft sehr ansprechen und eine kritische, tiefgehende Auseinandersetzung mit grundlegenden Themen des Lebens anbieten. Lourdes wird als ein Ort präsentiert, an dem noch Wunder geschehen, der einerseits vielen Kranken die Hoffnung gibt, geheilt zu werden und andererseits auch ein beliebtes Ziel für Touristen darstellt. Sehr präzise werden auch die gruppendynamischen Prozesse der Pilgergruppe dargestellt, die untereinander Wetteifern und nach der Heilung der Hauptdarstellerin offenen ihren Neid zeigen.


Inhalt
Christine (Sylvie Testud) hofft auf eine Heilung durch die Segnung mit dem Allerheiligsten © Coproduction Office
Hauptfigur des Films ist eine gelähmte Frau, Christine: wir sehen die Reise durch ihre Augen, ihr durch die Bewegungsunfähigkeit eingeschränktes Blickfeld ist unser Fenster zur Welt, durch das wir ihre Sehnsucht nach menschlicher Gemeinschaft und Nähe erleben. Ihr durch die Krankheit verändertes Leben hat sie in eine unfreiwillige Isolation gezwungen, die sie überwinden möchte. Sie sehnt sich danach, wieder dazu zu gehören, alles tun zu können, was die anderen so problemlos können, normal zu sein. In Maria, einer jungen Malteserin und Christines Betreuerin, findet sie das Bild ihrer Vergangenheit und eine neue Hoffnung erwacht in ihr; Maria begleitet Christine in die Bäder und zu den Prozessionen. Aber Marias Jugend sehnt sich nach ihresgleichen, manchmal versucht sie dem Anblick der Krankheit zu entkommen, sich zu amüsieren und Christine beobachtet diese Welt der Anderen sehnsuchtsvoll, während sich nun Frau Hartl ihrer annimmt. Frau Hartl ist eine ältere Pilgerin, die zwar kein körperliches Gebrechen hierher bringt, aber von ihrer lebenslangen Einsamkeit gequält ist, die sie hier lindern möchte. Ihre wortlose Leere wartet darauf gefüllt zu werden, durch eine Aufgabe, durch einen Sinn, den sie nun darin findet, für Christine zu beten - und ihr Gebet wird erhört: Tatsächlich kommt es im Verlauf des Aufenthaltes zu einer Besserung von Christines Zustand bis hin zu einer Heilung, Christine kann wieder gehen. Das Wunder wird nun vor dem Ärztekommitee in Lourdes geprüft - die Ergebnisse dieser Prüfung sind fraglich, da Christines Krankheit die Möglichkeit schubhafter Besserungen wie Verschlechterungen kennt. Während die Möglichkeit eines Rückfalls drohend über Christine schwebt, genießt sie das Glück, das sich für diesen Moment erfüllt hat und versucht es fest zu halten.

REGIESTATEMENT
Jessica Hausner, Regisseurin und Drehbuchautorin
Regisseurin Jessica Hausner (2001 Lovely Rita, Sélection Officielle, Un Certain Regard, Cannes 2001; 2004 Hotel, Sélection Officielle, Un Certain Regard, Cannes 2004) © Coproduction Office



LOURDES, AMBIVALENZ, ABSURDITÄT

Der Film LOURDES ist ein böses Märchen - eine Einschlafphantasie oder ein Albtraum - Kranke und Sterbende aus aller Welt fahren nach Lourdes, um doch noch gesund zu werden - sie hoffen auf ein Wunder, weil in Lourdes eben noch Wunder geschehen - schrecklich nur, dass Gott ein launischer Mann ist, der gibt und nimmt wie er Lust hat und dessen Absicht einem verborgen bleibt.

LOURDES erzählt den Widerspruch vom Glauben an das Gute im Angesicht von Willkür und Vergänglichkeit

Für mich wird gerade in dieser Hoffnung, dass es einen guten Gott geben möge, der einen auffängt und tröstet, die Abwesenheit genau eines solchen Beschützers offensichtlich: daher die Wahl des Settings Lourdes. Lourdes ist der Ort, an dem Sterbende und Verzweifelte auf Trost und Heilung hoffen - sie haben die absurde Hoffnung im Angesicht des Todes, es möge doch noch alles gut werden.

Um diesen Kontrast geht es mir: man hofft auf die Rettung, wissend, dass das Leben zu Ende geht. Diese Hoffnung erscheint absurd, und dennoch hofft man.

Wie sehr ist dieser Wunsch nach Erlösung katholisch? Für mich ist das katholische Lourdes die Bühne, auf der das Drama der Sehnsucht nach Glück und erfülltem Leben im Gegensatz zur Halbheit, Willkür und Absichtslosigkeit jeglichen Geschehens spielt.

Jemand, der gelähmt ist, möchte lieber gehen können - jemand der einsam ist, möchte lieber Freunde haben, jemand, der Hunger hat, möchte was essen.

"In diesem Sinn ist LOURDES eine Parabel - auf eine Weise sitzt jeder in einem Rollstuhl." Zitat Pater Nigl


GLÜCK, VERGÄNGLICHKEIT, HOFFNUNG

Was bedeutet es für einen Menschen, geheilt zu werden - liegt nicht in dem Wunsch an sich die Unmöglichkeit der Erfüllung desselben? Das Wunder, das in LOURDES geschieht, bringt eine Phase des Glücks, eine Verbesserung, aber am Ende keine Erlösung.

Das Versprechen, das die katholische Kirche gibt, nämlich die Erlösung, muss wohl doch auf später verschoben werden.

Cecile Zitat: "Die meisten erhalten Seine Gnade erst wenn sie tot sind. Das ist der Trost für die, die nicht geheilt wurden oder eben einen Rückfall haben. Das Jenseits."

Der Wunsch geheilt zu werden, ist also der Wunsch, das Glück zu erleben und es festzuhalten: ein erfülltes, ganzes, glückliches, sinnvolles Leben zu leben. So wie Christine eben durch die Heilung beginnt zu hoffen, dass sie nun ihr Studium beenden kann und eine Familie gründen und Klavier lernen wird. Aber ihr Glück ist vergänglich - es handelt sich um ein Kommen und Gehen, das ohne Bedeutung (Absicht) ist.


EINER WIRD GEWINNEN, WAS MUSS ICH TUN?

Warum der und nicht ich?

Eine Wunderheilung ist prinzipiell etwas Ambivalentes und Ungerechtes: einerseits fragt man sich warum einer geheilt wird und ein anderer nicht. Kann man irgendetwas tun, um geheilt zu werden? Viel beten (wie die Mutter der apathischen Tochter), oder demütig sein (wie Cecile) oder im Gegenteil, gar nicht darauf hoffen (wie Christine) - es scheint so zu sein, dass es darauf keine Antwort gibt oder dass es darauf einfach nicht ankommt.

Das Wunder geschieht willkürlich, ohne Plan und ohne Absicht. Das ist zwar ungerecht, aber immerhin ist es etwas Beglückendes für den, der geheilt wird - aber so absichtslos wie die Heilung, ist leider auch die Dauer (die Gewissheit) der selben - hier beginnt Christine schließlich sich zu fragen, ob sie etwas tun muss, um sich würdig zu erweisen - worauf kommt es an?

Was kann man tun, damit das Wunder hält - Christine ist durch ihre Heilung verunsichert, es liegt ihr die christliche Demut nicht so, eigentlich möchte sie ihr Leben genießen - aber als sie ahnt, dass ihr neu gewonnenes Glück endlich ist, beginnt sie, nach dem Sinn zu fragen.

Christine ahnt, dass das Wunder so schnell vergehen kann wie es gekommen ist.

Darsteller
Christine (Sylvie Testud) in einem Moment des Glücks in den Armen von Kuno (Bruno Todeschini) © Coproduction Office
* Sylvie Testud - Christine
* Léa Seydoux - Maria
* Gilette Barbier - Frau Hartl
* Gerhard Liebmann - Pater Nigl
* Bruno Todeschini - Kuno
* Elina Löwensohn - Cecile
* Katharina Flicker - Sonja
* Linde Prelog - Frau Huber
* Heidi Baratta - Frau Spor
* Jacques Pratoussy - Jean-Pierre Bely
* Walter Benn - Herr Hruby
* Hubsi Kramar - Herr Oliveti
* Helga Illich - Frau Oliveti
* Bernardette Schneider - Hospitaliere
* Thomas Uhlir - Max
* Martin Thomas Pešl - Frank
* Petra Morzé - Mutter
* Orsolya Thoth - Tochter

u.v.a.


* Regie - Jessica Hausner
* Drehbuch - Jessica Hausner
* Dramaturgie - Géraldine Bajard
* Kamera - Martin Gschlacht

GESCHICHTLICHER HINTERGRUND
Statue unserer Lieben Frau von Lourdes in der Grotte Massabielle in Lourdes © Coproduction Office

Im Jahre 1858 erscheint Bernadette Soubirous ab dem 11. Februar in der Grotte von Massabielle in Lourdes 18 Mal der Jungfrau Maria. Am 1. März, bei der 10. Marienerscheinung, wird Catherine Latapie, die in der Grotte von Massabielle zugegen ist, auf unerklärliche Weise von einer Armlähmung geheilt.

Im darauf folgenden Jahr wird Professor Vergez, Dozent an der medizinischen Fakultät der Universität von Montpellier, mit der Überprüfung der Heilungen beauftragt. Sieben Heilungen in einem Zeitraum von vier Jahren werden so bestätigt und dienen dem Bischof von Tarbes und Lourdes, Monseigneur Laurence, als Grundlage für die Anerkennung der Erscheinungen. Seither kam es immer wieder zu außergewöhnlichen Heilungen, sodass Lourdes zu einem Synonym für Wunder geworden ist.

Ab 1905 werden auf Verlangen Papst Pius X. die spektakulärsten Heilungen regelmäßigen Prüfungen unterzogen. In Lourdes wird ein medizinisches Büro mit einem ständigen Arzt eingerichtet. Beim Büro gehen die Berichte von Heilungen ein, und es entscheidet, ob die - von der Kirche für die Anerkennung eines Wunders verlangte - Untersuchung eingeleitet werden soll. Diese Untersuchung beginnt dann unter der Verantwortung des Internationalen Medizinischen Komitees von Lourdes (Comité Médical International de Lourdes, C.M.I.L.).

Die derzeit rund zwanzig in ihren jeweiligen Spezialgebieten herausragenden Mitglieder untersuchen die Akten der dem Medizinischen Büro spontan geschilderten Heilungen. Die Mitglieder des C.M.I.L, Wissenschaftler und Mediziner, werden von den wissenschaftlichen Anforderungen geleitet, von denen auch ihre Praxis bestimmt ist. Sie stützen sich auf eine vollständige medizinische Akte vor und nach einer Heilung und untersuchen Heilungen, deren statistische Wahrscheinlichkeiten extrem gering sind, und denen nicht die besten verfügbaren Therapien zuteil wurden. Die behandelten Fälle werden außerdem der jährlichen Versammlung des C.M.I.L. vorgestellt, und es wird eine Befragung und vollständige Untersuchung des Geheilten vorgenommen.

Eine außergewöhnliche Heilung kann also verworfen oder als medizinisch bestätigt eingeordnet werden. Im Jahr 2008 sind sechzig Personen beim Medizinischen Büro vorstellig geworden und erklärten, sie seien geheilt worden. Bei der letzten Jahresversammlung des C.M.I.L wurden fünf bemerkenswerte Fälle untersucht. Seit der Einrichtung des Medizinischen Büros wurden knapp 7000 Heilungen vorgetragen; die Kirche hat bislang 66 Wunder anerkannt. Die Anerkennung eines Wunders obliegt nicht dem C.M.I.L. (für ein Wunder gibt es keine medizinische Definition), sondern der Kirche. Um von der Kirche als Wunder eingestuft zu werden, muss eine Heilung zwei Bedingungen erfüllen:
Sie muss auf außergewöhnliche und unvorhersehbare Weise erfolgen und sich in einem Glaubenskontext abspielen, wie jenem in Lourdes. Um den wunderhaften Charakter einer Heilung anzuerkennen, kann eine Kommission der Diözese, in der die Heilung verzeichnet wird, unter Vorsitz des Bischofs eine kollegiale Beurteilung durchführen, um in allen Dimensionen, also physisch, psychisch und spirituell, zu ermessen, wie diese Heilung erlebt wurde, und dabei sowohl die negativen (Prahlerei...) als auch die positiven Anzeichen (spirituelle Bereicherung...) würdigen, die diese einzigartige Erfahrung hervorgerufen hat.


Autor: zusammengestellt von Gert Holle - 26.1.2010
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