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Mit Wunderkerzen in den Händen freuen sich die Menschen auf der Berliner Mauer über die Öffnung der deutsch-deutschen Grenzen (Archivfoto vom 10.11.1989) . Nach der Öffnung strömten Millionen DDR-Bürger zu Besuchen nach West-Berlin und in die Bundesrepublik Deutschland. Im bevorstehenden Jahr 2009 wird es nun tatsächlich schon 20 Jahre her sein, dass sich die damaligen «Brüder und Schwestern» in beiden Teilen Deutschlands in jener historischen «Nacht des hellen Wahnsinns» in die Arme fielen.
Von Wilfried Mommert, dpa
(Berlin/dpa) - «Weiß Gott, zwanzig Jahre sind eine lange Lebenszeit» heißt es in einer Geschichte des amerikanischen Schriftstellers O'Henry (1862-1910), die ich als Jugendlicher in der Schule gelesen habe. «Was ist seitdem aus uns geworden?» lautet darin die zentrale Frage zweier enger Freunde, die sich lange Zeit wie Brüder fühlten und sich doch auseinanderlebten. Im bevorstehenden Jahr 2009 wird es nun tatsächlich schon 20 Jahre her sein, dass sich die damaligen «Brüder und Schwestern» in beiden Teilen Deutschlands in jener historischen «Nacht des hellen Wahnsinns» in die Arme fielen.
Mit dem Mauerfall in Berlin stellte sich fast alles über Nacht auf den Kopf. Für jemand wie mich, der an jenem Sonntag des unseligen 13. August 1961 als 16-jähriger West-Berliner fassungslos vor dem Brandenburger Tor die Abriegelungsarbeiten der DDR-Grenzsoldaten mit ansehen musste, bedeutete die Nacht des 9. November 1989 natürlich wieder «Präsenzpflicht» an der Mauer. Es roch an jenem Abend irgendwie nach Geschichte.
Mich hielt es nicht in der Wohnung, und ich setzte mich in die S- Bahn, um mir ein eigenes Bild von dem Trubel an der Grenze zu machen. Damals gab es auf dieser S-Bahn-Strecke in Berlin noch sogenannte Geisterbahnhöfe, die zwischen West-Berlin und West-Berlin in Ost- Berlin lagen und ohne Halt passiert wurden.
So auch der Bahnhof Bornholmer Straße, wo sich oberhalb des Bahnhofs auf der Brücke beispiellose Szenen abspielten. «Mir ist dieser Abend eindrücklicher in Erinnerung als meine eigene Hochzeit», wird später Rainer Eppelmann sagen, damals Bürgerrechtler in der DDR, der allerdings auf der Bornholmer Brücke auch Angst und Fassungslosigkeit in den Gesichtern sah.
Meine nächtliche Odyssee führte mich nicht direkt zum Brandenburger Tor, wo sich andere spektakuläre Szenen eines «Mauertanzes» abspielten, denn das historische Tor der Deutschen war keine ordentliche «offizielle Grenzübergangsstelle der DDR», so dass ich als ordentlicher Preuße den nächstgelegenen Grenzübergang Invalidenstraße ansteuerte - allerdings auch nur wenige hundert Meter vom Brandenburger Tor entfernt. Dort tanzten zu der nächtlichen Stunde bereits Hunderte auf der meterdicken Mauer - und dort sollte Willy Brandt am nächsten Morgen sichtlich bewegt davon sprechen, dass nichts mehr so sein wird wie es war.
Der schmale Durchlass auf der Brücke in der Invalidenstraße war schwarz von Menschen, ein Durchkommen schien unmöglich. Also wagte ich zum ersten Mal, nun doch auf die Mauer zu klettern - und ich konnte es kaum glauben, ein DDR-Grenzsoldat half mir auf der anderen Seite wieder herunter. Es fehlte nur noch die rote Nelke im Gewehrlauf, dachte ich bei mir.
Was für ein Bild: Auf der Mauer neben dem Wachturm stehen vereint DDR-Grenzsoldaten, West-Berliner Bereitschaftspolizei mit Megafonen und britische Militärpolizei, die versuchen um 02.00 Uhr morgens die hin und herwogenden Menschenmassen irgendwie zu kanalisieren. Im Lautsprecherwagen begrüßt der Regierende Bürgermeister Walter Momper (SPD) derweil die «lieben Ost-Berlinerinnen und Ost-Berliner».
Bilder, die unvergesslich bleiben und so manchen Berliner zu dem ebenso typisch lockeren wie großspurigen Spruch verlockte «Ick gloob, ick krieg 'ne Panne, det is det jrößte Ereignis der letzten Jahrhunderte!» Unheimlicher war es für den damaligen sowjetischen Gesandten Igor Maximytschew in der alten Botschaft Unter den Linden, wo die Massen Richtung Brandenburger Tor strömten: «Die ganze Nacht haben wir in der Botschaft diese schlurfenden Geräusche gehört, die Schritte der Abertausenden.»
Ich selbst war leider nicht dabei, weil ich an der Friedrichstraße Ecke Unter den Linden ängstlich wieder umkehrte nach dem Motto «Nicht zu weit in den Osten rein, wer weiß, ob ich da wieder rauskomme», ein altes West-Berliner Trauma.
Als sich der «historische Trubel» legte, begannen in den Jahren danach die berühmten «Mühen der Ebenen» der deutsch-deutschen Annäherung, die zunächst einmal auch dem Spruch von Karl Kraus (1874- 1936) standhalten mussten, wonach das Wort Familienbande «einen Beigeschmack von Wahrheit» habe. Oder um mit dem Kabarettisten Wolfgang Neuss zu sprechen: «Was heißt hier Passierscheine? Ich kann meine Verwandten sowieso nicht leiden.» Der nur wenige Monate vor dem Mauerfall 1989 gestorbene Berliner «Mann mit der Pauke» hatte übrigens hellsichtig vorausgesagt: «Eines Tages klopft die Wiedervereinigung an die Tür - und wir sind nicht zuhause!» Am 3. Oktober 1990 wurde sie schließlich mit Feuerwerk und Glockenklang vor dem Reichstag in Berlin jubelnd begrüßt.
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