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Attackiert von der katholischen Kirche: Die unbarmherzigen Schwestern-Attackiert von der katholischen Kirche: Die unbarmherzigen Schwestern

GlaubeAktuell ist ein tagesaktuelles, unabhängiges Nachrichtenmagazin. Es bietet Themen aus aller Welt, Sport, Politik, Wirtschaft, Kultur. Hintergründe zu Religion, Ethik, Glaubensfragen, PredigtAttackiert von der katholischen Kirche: Die unbarmherzigen Schwestern
Attackiert von der katholischen Kirche: Die unbarmherzigen Schwestern

Die Mädchen im katholischen Magdalenenheim gehen durch die Hölle: Die so genannten Barmherzigen Schwestern schlagen und erniedrigen sie. (Foto: Concorde)

Das Kinoplakat wirbt mit: „Attackiert von der katholischen Kirche: ‘Eine wütende und grollende Provokation!’ (L’Osservatore Romano)“. Der Präsident des kath. Filmwesens in Italien bezeichnete „Die unbarmherzigen Schwestern“ als „erklärtermaßen antiklerikalen Film“. Wieder soll ein kritischer Film, den in Irland bereits über ein Viertel der Bevölkerung gesehen haben, zu einem Skandalfilm stilisiert werden. Was ist das für ein Film, der andererseits in Venedig 2002 den ‘Goldenden Löwen’ errang?
„Die unbarmherzigen Schwestern“ (The Magdalena Sisters“), GB 2002, Regie u. Buch: Peter Mullen, 119 Min., Verleih: Concorde.

Wenden wir uns zuerst dem Inhalt zu: Vier minderjährige Frauen aus Irland werden Mitte der 60er Jahre (1964-1968) in ein Heim eingewiesen. Margarete wurde vergewaltigt, sie hat ihrer Familie damit Schande bereitet. Rose bekommt einen unehelichen Sohn, die Eltern geben das Baby zur Adoption frei und lassen Rose ins Heim bringen, die Waise Bernadette wird sozusagen präventiv ins Heim verfrachtet; einfach nur, weil sie mit Jungs kokettierte. Die Drei treffen im Heim auf Crispina, die ebenfalls ein uneheliches Kind hat. Im Heim sollen die Mädchen Buße tun für ihre Sünden, sie müssen in der Wäscherei arbeiten, sieben Tage die Woche, ohne Bezahlung. Essen bekommen sie nur wenig und meistens nur Porridge, während die Schwestern schlemmen. Wer fliehen will, wird geschoren - die Heime sind und funktionieren wie Gefängnisse. Rose, die sich im Heim Patricia nennen muss, sehnt sich still duldend nach ihrem Kind. Margaret vernünftig, hilfreich, wird die beste Freundin von Crispina und entlarvt Bernadettes wahren Charakter. Bernadette, die die anderen Mädchen und Frauen nach einer misslungenen Flucht mit derselben Abneigung wie die Nonnen behandelt, behält ein von Crispina heißgeliebtes Medaillon, weil „sie nicht genug leidet“. Bernadette soll die ältere, todkranke Katy pflegen, aber sie wünscht ihr nur den Tod. Margaret sieht eines Tages, wie Crispina den Pfarrer oral befriedigt. Margaret sammelt giftige Pilze, um die Kleidung des Pfarrers damit zu waschen. Dabei sieht sie eine offene Tür, tritt nach draußen, ein Auto hält an - aber sie nutzt ihre Chance zur Flucht nicht. Bei einem Fronleichnamsgottesdienst bricht es aus Crispina heraus: „Er ist kein Mann Gottes“, während der Pfarrer durch die vergiftete Wäsche einen Ausschlag bekommt und sich nackt auszieht - eine Demütigung ohnesgleichen. Margaret wird schließlich von ihrem Bruder aus dem Heim geholt, Bernadette und Rose können fliehen, Crispina landet dagegen in der Psychiatrie und stirbt mit 24 Jahren an Magersucht.


Unspektakuläre Gestaltung
Die Mädchen werden erniedrigt. (Foto: Concorde)
Mullens Gestaltung ist unspektakulär, jedoch filmisch gekonnt, wie man am brillanten, wortlosen Beginn sehen kann: Eine Hochzeit, Musik, Tanz, eine Annäherung, die zurückgewiesen wird, daraus entsteht eine Vergewaltigung, dann das Tuscheln mit der Konsequenz: Die junge Frau muss ins Heim. In „epd Film“ 1/03 wird treffend bemerkt, dass bei der Hochzeit ein „bis zur ekstatischen Verzückung aufspielender katholischer Geistlicher (...) zum Sinnbild für unterdrückte, musikalisch sublimierte Sexualität“ wird. Eben jener Priester, der dafür sorgt, dass Magaret ins Heim kommt. Als man die drei Neulinge das erste Mal in den Speisesaal des Heimes marschieren sieht, kommen ihnen fast nur ältere Frauen entgegen: Die Chance, die Heime zu verlassen, war sehr gering. Die Zukunft der minderjährigen Mädchen lag überwiegend in den Heimen, auch hier überzeugt Mullens Bildsprache. Eine Behauptung wie „auf verquere Weise kostet der Film das Elend der Mädchen selbst aus“ („Tagesspiegel“ v. 09.01.2003) ist absolut unzutreffend.
Die unbekannten Schauspielerinnen spielen überzeugend. Die Darstellerinnen der Bernadette und Rose gaben ihr Filmdebüt, während die Darstellerinnen der Margaret („Enigma“) und Crispina („Fish & Ships“) schon Erfahrung beim Film sammelten. Die Schwestern werden nicht eindimensional dargestellt: Sie haben ihre menschlichen Seiten, z.B. die Leiterin. Auf ihrem Schreibtisch steht ein Foto des kürzlich ermordeten John F. Kennedy. Als Crispina in die Psychiatrie abgeführt wird, sieht man die Leiterin einen Moment innehalten: War es richtig? Zweifelt sie am Priester? Außerdem liebt sie Western (!), beim Filmabend wird aber doch „Die Glocken von St. Marien“ mit Ingrid Bergman geschaut, den das „Lex. des Int. Films“ wie folgt bewertet: „Freundlich gefühlvolle Unterhaltung ... ohne tiefere religiöse Substanz“ (fd 90). Die jungen Nonnen demütigen die Insassinnen: nach dem Duschen werden die nackten Mädchen nach ihren Geschlechtsmerkmalen untersucht, nach den größten Brüsten oder der meisten Schambehaarung. Purer Sadismus oder doch eher Kompensation eigener unterdrückter Sexualität; Konsequenz des eigenen, nicht gelebten Lebens?


Das Milieu des irischen Katholizismus
Die Schwestern bei der Mahlzeit (Foto: Concorde)
Die Swinging Sixties (Beatles) waren u.a. von der sex. Befreiung (Pille) geprägt, während kirchlich das II. Vat. Konzil (1962-1965) versuchte, das Fenster zur Welt zu öffnen, leider jedoch noch nicht für die Mädchen in den Heimen (neben Irland gab es sie auch in England und Australien). Die Story ist zwar fiktiv, beruht aber trotzdem auf wahren Begebenheiten. Mullen wurde von einer Ex-Insassin und einer Ex-Wäterin beraten. Die Heime wurden im 19. Jh. für Prostituierte und andere „gefallene“ Mädchen eingerichtet, anfangs der 20. Jh.s vom Magdalenenorden übernommen. In den 70ern, als die Waschmaschinen aufkamen, schlossen die meisten Heime, das letzte aber erst 1996. Die Heime konnten jedoch nur funktionieren, weil es ein entsprechendes Umfeld gab. Das Milieu des irischen Katholizismus: dieses war entscheidend von kleinbürgerlichem, patriarchalisch und bigotten Denken geprägt.

Wie dieses Milieu in den Köpfen der Menschen fest verankert war, zeigt Mullen z.B. eindrücklich in Bernadettes erster, missglückter Flucht: Bernadette freundet sich mit Brendan an, dem Beifahrer des Lieferwagens, der die schmutzige Wäsche ins Heim bringt. Er lässt sich überreden und öffnet die Tür - aber im letzten Moment funktioniert das kath. Schuldbewusstsein. Er verschließt die Tür wieder, schließlich sind alle Mädchen „Prostituierte und Huren“. Die Heime wurden instrumentalisiert von einer prüden Gesellschaft (vgl. Rayahel), vornehmlich bevölkert mit Töchtern aus armen Familien.


"Gut gemacht und schonungslos"
Sieht man den Film als Christ resp. Katholik, muss man ihn als notwendige und berechtige Kritik an unmenschlichen Verhältnissen innerhalb kirchlicher Institutionen ansehen. Die kirchlichen Filmkritiker würdigen den Film entsprechend: Charles Martig sieht in „Die unbarmherzigen Schwestern“ die Chance, „schwierige Fragen aktiv anzugehen und Prozesse der kollektiven Verarbeitung in der katholischen Kirche zu gestalten“ (NZZ). Peter Malone bezeichnet den Film in seiner Stellungnahme als „einen ebenso gut gemachten wie schonungslosen Film“, der „eine Kritik des Macht- und Autoritätsmissbrauchs im Namen der Kirche“ ist. Auch seinem Fazit kann voll und ganz zugestimmt werden: „‘The Magdalena Sisters’ kann als Teil einer ehrlichen Gewissenserforschung der Kirche angesehen werden“ (fd 01/03, S. 11f.). Man muss hinzufügen, dass sich die Kath. Kirche bis heute leider noch nicht bei den betroffenen Frauen für das angetane Leid entschuldigt hat. Inzwischen haben aber über 3.000 Frauen, die in solchen Heimen untergebracht waren, die Kirche und den Staat (in Irland) wegen der menschenunwürdigen Behandlung angeklagt (vgl. Martig in der NZZ). Regisseur Mullen ist es auch wichtig, den Film als Parabel zu verstehen, denn „die offene Unterdrückung von Frauen ist bei uns gesellschaftlich geächtet, die subtile besteht aber weiter. Und das muss sich ändern“ (Interview fd 01/03, S. 10f., hier: 11.).


Empfehlung: Ein wichtiger, unbequemer, aufrüttelnder, auf alle Fälle sehenswerter Film.

Links und Infos:


http://www.filmz.de
(hier sind Online-Kritiken als Links aufgeführt)


http://www.concorde-film.de


Oliver Rayahel, Filmkritik (fd 35 753); Magret Köhler: Eine universelle Geschichte“, Gespräch mit Peter Mullen, S. 10/11; Peter Malone: „Gewissensforschung“ - Stellungnahme zum Film, S. 11/12, alle: in film-dienst 1/03.

Charles Martig: Die unbarherzigen Schwestern - Die katholische Kirche und die Aufarbeitung ihrer Geschichte, in: NZZ, 21.02.2003,
http://www.nzz.ch/2003/02/21/fi/page-article8NR10.html
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Marli Feldvoss: Züchtigung im Namen Gottes - „The Magdelena Sisters“ von Peter Mullen, in: NZZ, 21.02.2003, Online:
http://www.nzz.ch/2003/02/21/fi/page-article8MXRU.html
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Wolfgang Luley


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