Mullens Gestaltung ist unspektakulär, jedoch filmisch gekonnt, wie man am brillanten, wortlosen Beginn sehen kann: Eine Hochzeit, Musik, Tanz, eine Annäherung, die zurückgewiesen wird, daraus entsteht eine Vergewaltigung, dann das Tuscheln mit der Konsequenz: Die junge Frau muss ins Heim. In „epd Film“ 1/03 wird treffend bemerkt, dass bei der Hochzeit ein „bis zur ekstatischen Verzückung aufspielender katholischer Geistlicher (...) zum Sinnbild für unterdrückte, musikalisch sublimierte Sexualität“ wird. Eben jener Priester, der dafür sorgt, dass Magaret ins Heim kommt. Als man die drei Neulinge das erste Mal in den Speisesaal des Heimes marschieren sieht, kommen ihnen fast nur ältere Frauen entgegen: Die Chance, die Heime zu verlassen, war sehr gering. Die Zukunft der minderjährigen Mädchen lag überwiegend in den Heimen, auch hier überzeugt Mullens Bildsprache. Eine Behauptung wie „auf verquere Weise kostet der Film das Elend der Mädchen selbst aus“ („Tagesspiegel“ v. 09.01.2003) ist absolut unzutreffend.
Die unbekannten Schauspielerinnen spielen überzeugend. Die Darstellerinnen der Bernadette und Rose gaben ihr Filmdebüt, während die Darstellerinnen der Margaret („Enigma“) und Crispina („Fish & Ships“) schon Erfahrung beim Film sammelten. Die Schwestern werden nicht eindimensional dargestellt: Sie haben ihre menschlichen Seiten, z.B. die Leiterin. Auf ihrem Schreibtisch steht ein Foto des kürzlich ermordeten John F. Kennedy. Als Crispina in die Psychiatrie abgeführt wird, sieht man die Leiterin einen Moment innehalten: War es richtig? Zweifelt sie am Priester? Außerdem liebt sie Western (!), beim Filmabend wird aber doch „Die Glocken von St. Marien“ mit Ingrid Bergman geschaut, den das „Lex. des Int. Films“ wie folgt bewertet: „Freundlich gefühlvolle Unterhaltung ... ohne tiefere religiöse Substanz“ (fd 90). Die jungen Nonnen demütigen die Insassinnen: nach dem Duschen werden die nackten Mädchen nach ihren Geschlechtsmerkmalen untersucht, nach den größten Brüsten oder der meisten Schambehaarung. Purer Sadismus oder doch eher Kompensation eigener unterdrückter Sexualität; Konsequenz des eigenen, nicht gelebten Lebens?
