Zeit der Farben

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

Von Gert Holle

 

„Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus. Da bleibe, wer Lust hat mit Sorgen zu Haus! Wie die Wolken wandern am himmlischen Zelt. So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.“ – Woran der Textdichter Emanuel Geibel auch immer gedacht haben mag, als er 1834 diese Worte zu einer damals bereits sehr bekannten Melodie zu Papier brachte, für mich sind diese Zeilen Ausdruck purer Lebensfreude und Vitalität. Hoffnung gegen allen Augenschein: Wer nicht in die weite Welt will, soll doch mit seinen Sorgen zu Hause bleiben! Mir steht der Sinn nach Anderem. Gerade nach dem langen Winter, der sich in den letzten Tagen noch einmal aufbäumte.

 

Wie gut, dass der Mai nun vor der Tür steht! Einladend die Natur - die trotz allem gute Schöpfung unseres Gottes: Der weite Himmel, das Zwitschern der Vögel, Blüten an den Zweigen, die Wärme der Sonnenstrahlen. Wieder erwachtes Leben. Das kann uns verändern. Wir fühlen uns als Teil dieser Erde, öffnen uns und können etwas abgeben von der Wärme, der Freundlichkeit und Liebe, die wir spüren. Sicherlich wird dann, wenn die Sonne lacht, nicht alles wieder gut, aber manches besser. Und vielleicht entdecken wir dann in dem, was uns Gott zeigt, seine Liebe - immer wieder neu. Vielleicht in der Farbenpracht des Wolkenhimmels, der den Tag einleitet oder im Sonnenuntergang, der sein Farbenspiel im Wasser spiegelt? - Ist es nicht ein Zeichen von besonderer Liebe zu uns Menschen, dass Gott unser Sehvermögen so geschaffen hat, dass wir die Farbigkeit dieser Welt sehen und bewundern können? Die Freude darüber bereichert unser Inneres, hilft uns, den Problemen des Alltags entgegenzuwirken, die unser geistiges Gleichgewicht nur allzu leicht aus der Bahn werfen können. Wirklich reich ist jeder, der die Schönheiten der Natur sehen kann, sie genießen kann, um aufzutanken für das oft beschwerliche Leben.

„Die Liebe ist von Gott, und wer liebt, ist von Gott geboren und kennt Gott“, schreibt der Verfasser des biblischen 1. Johannesbriefes. Häufig begegne ich der Auffassung, der christliche Glauben habe etwas Leidenschaftsloses, ja geradezu Leidenschaftsfeindliches. Und schnell werden da schlechte Beispiele angeführt. Doch von der Bibel her sieht es anders aus. Gottes Liebe wird dort als dynamisch-leidenschaftlich, als kraftvoll geschildert. Und auch für die menschliche Liebe gilt: Gefühle und Leidenschaft, Herzlichkeit, dynamische Glut - gerade das macht die Liebe zu Gott,  zu Anderen und zu mir selbst rund. Und die erotische Liebe ist selbstredend Leidenschaft.

Als Christ kann ich „Ja“ sagen zu meinen Gefühlen und Leidenschaften. Ich muss sie nicht verbergen. Es sind gottgeschenkte, gesunde Lebenskräfte. Dank ihnen kann ich überhaupt etwas erreichen, habe ich Antrieb. - Zur Liebe gehört die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, sich mit ihnen zu freuen oder mit ihnen traurig zu sein, auf sie einzugehen und ihnen zu helfen. Die Liebe lässt uns Menschen folgen - in allen ihren möglichen Ausformungen. Doch selten können wir von dem Menschen, den wir lieben, sagen, wer er ist. Wir lieben ihn einfach. Und wenn er geliebt wird, fühlt sich dieser Mensch verwandelt. So wie sich die Natur in diesen Tagen wandelt. - Wenn die Zeit die Farben ruft, quillt hervor ein Staunen wie auf Flügeln - wundersam schwebt dann heran ein Zauber.  
Da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt: Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!“

 

In diesem Sinne wünsche ich ein gesegnetes Wochenende und einen farbenfrohen ersten Mai.