Wie eine herzliche Umarmung Gottes

 

 

Von Gert Holle

 

„Was, morgen Nachmittag?“ - Mir fiel es schwer, meiner Freude am Telefon Ausdruck zu verleihen. Die Überraschung, oder besser Überrumpelung hatte kurzzeitig mein Sprachzentrum gelähmt. Hätte ich nicht damit rechnen müssen, dass mich der eine oder andere an meinem Geburtstag besuchen kommt? – Ich hätte. Doch der Kühlschrank sagte etwas anderes nach einer arbeitsreichen Woche, die keine Zeit für Besorgungen zugelassen hatte. „Das ist ja toll“, stammelte ich. -  Leere im Kühlschrank: keine Würstchen für den Grill, keine Milch für den Kaffee, weder Saft, Wasser. Nichts. „Also, morgen um drei. Ich freue mich. Tschüss.“  Klar, dass die Wohnung noch aufgeräumt werden muss, aber nun erst einmal flugs in den Supermarkt fahren. Keine zehn Minuten später liegen Milch, Würstchen, Sahne für den Kuchen und einige Flaschen Wasser im Einkaufskorb. Puh, tief durchatmen. Der Puls beruhigt sich. Ich nähere mich den Kassen. - Das darf doch nicht wahr sein: Nur zwei geöffnet. Davor jeweils sechs gut gefüllte Wagen in Reih und Glied. Keine Panik, ich habe schließlich meine erprobte Technik. Nein, nicht drängeln oder „Darf ich mal vorbei, ich habe doch nur fünf Sachen …“. Ich lasse meiner Phantasie freien Lauf und denke mir kleine Geschichten aus. Ich lasse mich doch nicht aus meiner wieder gefundenen Ruhe bringen. Irgendwo haben wir ja schließlich alle unseren Stolz. Überzeugt von uns und unseren Fähigkeiten. Auch wenn wir noch so bescheiden sind – oder auch nur so tun. Manchmal auch unbewusst.

 

Und schon sehe ich sie vor mir: die Perle, die Nuss und den Wassertropfen. Auf einer einsamen Insel in der Sonne unter blauem Himmel. Wie schön könnte alles sein, da weit draußen, im Meer. Aber, wie es so geht im Leben, die drei sind gar nicht friedlich miteinander. Streit kommt auf. Jeder will der Beste sein. Die anderen werden schlecht gemacht, um selbst am meisten glänzen zu können! Allen voran die Perle. Sie ist ja auch wirklich besonders schön. Eines Tages verirrt sich ein Mensch dorthin. Die Perle glänzt in allen Farben – vergeblich. Was soll der Mensch damit anfangen? Der Wassertropfen jedoch zeigt den Weg zur Quelle: So kann der Durst gelöscht werden. Die Nuss stillt den ersten Hunger. Die Perle aber versteckt sich im Sand. Sie schämt sich. Doch das müsste nicht sein, denn jeder ist wertvoll. Man muss nur wissen, wie, wann und wo. Dann ergänzen wir uns gegenseitig – mit Selbstbewusstsein: als Wassertropfen, Nuss oder Perle ….

 

Schon laufen meine Waren über das Band. Die freundliche Kassiererin zieht sie über den Scanner, nennt den Betrag. Ich packe schnell noch die Sahne in den Korb, greife in meine Hosentasche. Leere. Wie im Kühlschrank. Nichts dabei: Kein Geld, kein Ausweis, kein Führerschein. Wo ist der Sand, in dem ich mich verstecken kann? Hinter mir wird es laut. Irgendwer faselt etwas von Polizei. Die Marktleiterin kommt mit resoluten Schritten, durchbohrt mich mit ihrem Blick. „Ich wohne nur fünf Autominuten von hier entfernt, bringe gleich das Geld. Das ist mir noch nie passiert“. - „Was meinen Sie, wie oft ich das schon gehört habe“, erwidert sie schroff und reicht mir ein Blatt Papier. „Hier. Ihren Namen, Adresse und Unterschrift!“ – Das ist ein wirklich bescheidenes Gefühl, wenn einem nicht getraut wird. Da wird man plötzlich ganz klein. Was die wohl von mir denken? „Das habe ich schon oft gehört!“ – Ja, wer bin ich denn?  – Die Waren bleiben da, ich darf gehen. Fahre flugs nach Hause, greife Geld, Ausweis, Führerschein. Und schon bezahle ich an der Kasse und nehme meinen Korb. Alles ist gut, bis auf mein schlechtes Gewissen. Niemand will meinen Ausweis sehen. Keinen interessiert, wer ich bin. Mein Geburtstag kann gefeiert werden – mit vollem Kühlschrank.

 

Ach ja, wenn ich mir eins wünschen darf, dann das: Solltest Du jemals jemanden an der Supermarktkasse in ähnlicher Lage sehen, dann gehe bitte hin und leiste Erste Hilfe. Denn es ist wertvoll und gut, dass wir einander über den Weg trauen. Das ist wie eine herzliche Umarmung vom lieben Gott.

 

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