Setz' die Segel

Von Gert Holle

 

Wenn der Heilige Geist kommt, dann lodert das Feuer. Dann bläst er nicht sanft vor sich hin, dann stürmt es. Dann ist kein Wegducken angesagt, sondern dann gilt es, sich dem Wind zu stellen und sich von ihm vorantreiben zu lassen. So wie ein Segelboot über die Meere jagt, wenn es „vor dem Wind“ liegt. „Setz‘ die Segel und wir fliegen übers Meer, Richtung Süden, ganz weit weg von hier. Setz die Segel, wir fahren Kontinente weit. Aus dem Dunkel in die Helligkeit.“ So dichtete ich es vor genau 30 Jahren in einem Lied, das ich einem Freund in der damaligen DDR widmete.

 

Hartmut hatte ich 1986 anlässlich eines Besuchs des Posaunenchores meiner Heimatgemeinde in einer kleinen Stadt bei Stendal kennengelernt. Er war der Sohn der Kirchenvorstandsvorsitzenden und wir freundeten uns gleich am ersten Tag an. Hartmut hatte kurz zuvor seine Ausbildung zum Elektriker abgeschlossen und präsentierte mir voller Stolz seinen grünen Wartburg. Auf einer Spazierfahrt durch die Gegend stellte sich heraus, dass er genau einen Tag nach mir geboren ist - er in Stendal, ich in Kassel. Osten – Westen. Er würde gerne mal in den Westen reisen - das wäre sein großer Traum. Aber das wäre ja wohl nicht möglich. Und dann fragte er mich mit erwartungsvollem Blick: „Hast Du Hoffnung, dass die Grenze irgendwann fällt?“„ Klar“, sagte ich.“ Lange kann es doch auch nicht mehr dauern.“„Wie lange?“ – Ich zuckte mit den Schultern. – Die Begegnung mit Hartmut war eindrücklich. Er engagierte sich in seiner Kirchengemeinde, reparierte das eine oder andere in der baufälligen Kirche, spielte selber Posaune. Christ sein in der DDR war nicht leicht und dennoch stand er fest im Glauben und mit seinen 22 Jahren mitten im Leben.- Nach drei Tagen verabschiedeten wir uns mit einer herzlichen Umarmung, wohl ahnend, dass dies nicht die letzte Begegnung gewesen sein sollte. – Sein Traum nach Freiheit, nach der Möglichkeit, überall ohne Beschränkung hinreisen zu können, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ein halbes Jahr später schickte ich ihm den Liedtext: „Setz‘ die Segel und wir fliegen übers Meer, Richtung Süden, ganz weit weg von hier …“ - Ich wusste nicht, ob er das für Phantasterei oder billigen Trost halten würde und was das vielleicht in ihm auslösen würde. In den nächsten Monaten hörte ich nichts mehr von ihm. Kein Brief. - Am 9. November 1989 geschah dann das Unfassbare: Der Zentralkomitee-Sekretär für Information, Günter Schabowski, informierte am Abend in einer legendären Pressekonferenz eigentlich eher beiläufig auf Nachfrage eines Journalisten, dass eine neue Reiseregelung ab sofort in Kraft trete, nach der Anträge auf Reisen ins Ausland ohne Vorbedingungen gestellt werden könnten. Jeder DDR-Bürger könne ab dem kommenden Morgen ein Visum erhalten. Die Behörden seien angewiesen, Pässe und Visa schnell und unbürokratisch auszustellen. Fernsehsender verbreiteten, dass die DDR mit sofortiger Wirkung die Grenzen öffne. Kurz nach Mitternacht standen in Berlin alle Grenzübergänge offen. Ich erinnere mich noch, dass wir an diesem Abend vor Beginn unserer monatlichen Kirchenvorstandssitzung die Glocken eine Viertelstunde läuten ließen – entgegen der Läuteordnung. - Ein paar Tage später klingelte es an der Tür meines Elternhauses. Hartmut hatte mit seinem grünen Wartburg die erste Fahrt in die Bundesrepublik unternommen und stand nun vor mir. „Kannst Du mir das Lied vorspielen?“, fragte er. „Setz‘ die Segel?“

 

In der Folge entschloss ich mich, mein sechswöchiges Gemeindepraktikum im Rahmen der theologischen Ausbildung in der kleinen Stadt nahe Stendal zu absolvieren. Das war im Sommer 1991. Hartmut hatte sich inzwischen selbständig gemacht und mit zwei Freunden eine Baufirma gegründet. Aufbruchstimmung. Er hatte die Segel gesetzt. - Leider haben wir uns nach einigen Briefwechseln aus den Augen verloren, doch was blieb, das war für mich ein neues Verständnis vom Heiligen Geist als kräftigem Wind, mit dem Gott uns umweht. Ein Wind der Freiheit. Wenn wir uns in diesen Wind stellen und unser Segel ausbreiten, dann kann und wird sich etwas in uns verändern. Dann wird etwas Neues in uns wachsen. Dann werden wir vorangetrieben wie ein Segelboot auf dem weiten, endlosen Meer. Dann liegen wir nicht mehr schlafend  im Hafen, dahin dümpelnd, sondern wir brechen auf, setzen die Segel, hissen die Flagge. Volle Fahrt voraus – tapfer und mutig. Auf die Kraft Gottes vertrauend, dürfen wir uns ihm zur Verfügung stellen. Das geht, wenn wir Segel setzen, in die der Wind kräftig hineinblasen kann. - In diesem Sinne wünsche ich Dir ein gesegnetes, geisterfülltes Wochenende.

 

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