„Aktives Gestalten statt Diktatur der Finanzen“

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

Aktives Gestalten statt Diktatur der Finanzen“ – unter diesem Motto gründeten drei angehende Pfarrer 1996 den „FRIEDBERGER KREIS“. Ziel: Die unterschiedlichen Berufsgruppen innerhalb der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau miteinander über die Frage ins Gespräch zu bringen:

 

„Welche Kirche wollen wir, welche Kirche brauchen wir?“ -

  

Vor 20 Jahren, am 15. April 1997, verteilte der FRIEDBERGER KREIS in allen Dekanaten und Gemeinden innerhalb der Evangelischen Landeskirche Hessen und Nassau ein Papier mit dem Ziel, eine breit angelegte Diskussion über die Zukunft der Kirche einzuleiten.

 

  

FRIEDBERGER KREIS:

 

EIN WORT ZU GEGENWART UND ZUKUNFT DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN HESSEN UND NASSAU

  

Liebe Christinnen und Christen in der EKHN,

 

vor 50 Jahren hat sich in der Burgkirche zu Friedberg die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau gegründet. Seit dieser Zeit war sie in vielfältiger Weise gemäß des Auftrages ihres Herrn Jesus Christus für den Nächsten da. Organisationsstrukturen bildeten sich heraus, die diesen Dienst in den verschiedensten Arbeitsfeldern engagiert und professionell ermöglichten. Mit dem presbyterial-synodalen System und einem Leitenden Geistlichen Amt an Stelle eines Bischofs wurde die Beteiligung aller Mitglieder an Entscheidungen angestrebt.

  

Im Jahre 1997 – angesichts zu erwartender finanzieller Einbußen und eines vorauszusehenden Rückganges der Kirchenmitgliederzahl – sehen sich die Verantwortlichen zu einem rigorosen Sparkurs gezwungen. Die Folgen davon werden u.a. tiefe qualitative und quantitative Einschnitte in Verkündigung, Seelsorge und Diakonie sein. Immer weniger Menschen werden von der Kirche erreicht in einer Zeit der Orientierungslosigkeit und sozialen Kälte.

  

Bei einem Gedankenaustausch im Februar dieses Jahres in Friedberg zwischen Vikarinnen und Vikaren und dem Sprecher des Leitenden Geistlichen Amtes, Dr. Peter Steinacker (Kirchenpräsident), hat diesr die Aufforderung ausgesprochen, Konzepte für die Zukunft unserer Kirche zu entwerfen.

 

Aus der Liebe zu und der Sorge um unsere Kirche haben sich daraufhin junge engagierte Theologen zum FRIEDBERGER KREIS zusammengefunden.

 

Wir legen mit diesem Papier Thesen zu Gegenwart und Zukunft unserer Kirche als Diskussionsgrundlage vor und rufen alle Kirchenmitglieder auf, diese Thesen kritisch zu überprüfen und auf allen Ebenen zu diskutieren.

  

Reichen Sie bitte dieses Papier weiter an Freunde und Bekannte, Kirchenvorsteher und alle kirchlich engagierten und interessierten Menschen in ihrer Gemeinde. Gestalten Sie die Zukunft unserer Kirche mit! Lassen Sie nicht zu, dass marktwirtschaftliche Gesetze Vorrang vor dem Auftrag Jesu Christi gewinnen.

 

Helfen Sie, dass deutlich wird, welcher Kirche die Menschen bedürfen.

 

Das FRIEDBERGER WORT ist ein Bekenntnis zu einer Kirche, die auf anderen Grundlagen steht als Sparmaßnahmen, Marktwirtschaft und Konkurrenzdenken.

 

  

Friedberg, 15. April 1997

  

Frank Albrecht, Gert Holle, Markus Kleinert

 

 

  

THESENPAPIER

 

Kirche heute

Kirche morgen

Mc Kinsey

Evangelium

Personalkürzung

Christliche Glaubwürdigkeit

Kirchenverkauf

Kirche mit Leben füllen

Kirche und Wirtschaft

Kirche für die Menschen

Vom Dienen zur Dienstleistung

„Wer unter Euch der Größte sein will, soll euer aller Diener sein.“ (nach Mk 10,43)

Unser Auftrag: Ressourcenkonzentration

Phantasie und Kreativität für unseren Auftrag

Assessmentverfahren: Survival oft he fittest

Gemeinsam den Weg gehen

Von der Volks- zur Elitekirche

Volkskirche mit Geh-Hin-Struktur

 

 

 

Kirche heute – wie sie uns missfällt

  

1.    Identität und Sinn der Kirche wird heute in dreifacher Hinsicht infrage gestellt:

 

a.    Die Gestalt der Kirche wird kritisiert

 

b.    Es wird die Frage gestellt, ob Kirche überhaupt eine verfasste Gestalt braucht

 

c.    Kirche steht in Konkurrenz zu vielen Anbietern auf dem religiösen Markt, die Antworten auf Sinnfragen geben wollen.

 

2.    Die größte Gefahr für die Kirche besteht nicht in erster Linie in den fehlenden Finanzen, sondern in der Anonymität und Undurchschaubarkeit des Funktionärswesens.

 

3.    Kirche präsentiert sich als „modernes Wirtschafts- und Dienstleistungsunternehmen“, für das Slogans und Schlagworte wie „Vom Dienst zur Dienstleistungskirche“, Ressorcenkonzentration, Personalkürzungen, Effizienz, „Evangelisch aus gutem Grund“ kennzeichnend stehen.

 

4.    Aus Schweigen wächst Misstrauen. Zu oft verlaufen die kirchlichen Kommunikationsstrukturen in Einbahnstraßenrichtung. Viele Meinungen und Bedürfnisse können nicht wahrgenommen werden.

 

5.    Die Synode repräsentiert keineswegs die vielfältigen Meinungen und die vielgepriesene Pluralität der Kirche.

 

6.    Abweichungen von der allgemeinen Meinung werden leicht als Störungen des innerkirchlichen Friedens empfunden.

 

7.    Die Geistlichkeit verwaltet die Wahrheit.

 

-          Wenn Geistlichkeit zugleich die Leitung der Gemeinde innehat, liegen Wahrheit und Recht automatisch auf Seiten der Leitung.

 

8.    Die Kopplung von staatlichen Steuereinnahmen und der Kirchensteuer belässt die Kirche in der Abhängigkeit von finanzpolitischen Entscheidungen. Diese sollten aber gerade von der Kirche mit wachen und kritischen Augen begleitet werden.

  

  

Kirche von morgen – wie sie uns gefällt

 

1.    Das Evangelium steht im Mittelpunkt kirchlicher Arbeit – nicht Finanzen.

 

2.    Chancen liegen in einer verbesserten Sprachfähigkeit und der Schaffung einer werbenden und einladenden Atmosphäre.

 

3.    Eine Geh-Hin-Struktur ist vorrangiges äußeres Kennzeichen in einer Kirche, in der es um Gott und den Menschen geht. Ängste und Nöte werden wahrgenommen, wo sie entstehen.

 

4.    Die Kirche von Morgen zeichnet sich aus als Ort:

 

a.    Zur religiösen Deutung biographischer Erfahrungen (Taufe, Konfirmation, Trauung, Bestattung)

 

b.    Zur Verarbeitung unserer prekären Sozialbeziehungen

 

c.    Zur Klärung und Stärkung individueller Lebensgewissheit

 

5.    Kontakte mit Kirche sind nicht auf die Ortsgemeinde beschränkt

 

6.    Kirche ist als Volkskirche weiterhin Kirche für andere. Dabei muss sie nicht ständig auf Mitgliedergewinn schielen.

 

7.    In einer lebendigen Kirche gehen wir den Weg durch schwierige Zeiten mit Kreativität und Phantasie gemeinsam.

 

8.    Die Einsicht in die gegenwärtige gesamtgesellschaftliche Wirklichkeit und in die sie prägenden Grundkräfte ist Ausgangspunkt für verantwortungsvolles Planen und Gestalten. Visionen haben vor diesem Hintergrund ihren Ort, ohne dass immer gleich nach Machbarkeit gefragt wird.

 

9.    Zukunft planen bedeutet einen bewussten Verzicht auf ein durchgehendes Modell der Kirchengestallt. Unter der reformatorischen Maxime „ecclesia semper reformanda“ wird sich jede Kirchenreform durch ihre schöpferische Kraft im Dasein für andere erweisen.

 

10. Kirche und Theologie geben Auskunft zu gesellschaftlichen, sozialen und individuellen Fragen, wobei die christliche Hoffnung unter dem Kennwort und dem Antrieb der Auferstehung Jesu steht.

 

11. Die Ausbildung des kirchlichen Nachwuchses ist den gesellschaftlichen Erfordernissen und dem Auftrag der Kirche angemessen. Gutes und engagiertes Personal ist weiterhin ein Identifizierungsmerkmal einer Kirche für andere, die sich auf Jesus, „dem Menschen für andere“, beruft.

 

12. Ziel der Kirche ist nicht sie selber. Sie steht in einem kritischen Dialog nach allen Seiten, wobei eine gemeinsame Sprache Grundlage eines kritischen Meinungsaustausches ist.

 

13. Ein pluralistisches Selbstverständnis und eine plurale Praxis auf allen Ebenen sind die Voraussetzungen für eine offene Darstellung der Kirche in ihren synodalen Gremien.

 

14. Eine dialogische Kommunikation ist Kennzeichen für gelebte Demokratie. Niemand kann mitreden und mitentscheiden ohne Bescheid zu wissen. Engagement, Mitarbeit und damit verantwortliche Demokratie liegen entscheidend an den Informationen.

 

15. Veröffentlichungen über die Arbeit und die Diskussions- und Entscheidungsprozesse sind frei von kirchenamtlicher Bevormundung.

 

16. Eine genaue, schnelle undumfassende Information der Synodalen trägt entscheidend zu einer Versachlichung der Auseinandersetzung und zu einer Beschleunigung der Entscheidungsvorgänge bei.

 

17. Eine Flexibilisierung der Kircheneinnahmen im Blick auf die Erfordernisse und Bedürfnisse der Menschen bedeutet nicht automatisch die Abkopplung vom staatlichen Steuereinzugssystem. Ein Nachdenken und die Diskussion über alternative Finanzierungsmodelle wird phantasievoll und vorurteilsfrei geführt.

 

 

 

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FRIEDBERGER WORT

 

  

Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark! (1. Kor 16,13)

 

Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet (Röm 12,11.12)

 

  

Wir bekennen, dass wir als Mitglieder der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) brennend im Geist und fröhlich in der Hoffnung, geduldig in Trübsal und beharrlich im Gebet die Botschaft Jesu Christi mutiger und stärker in Wort und Tat verkündigen wollen.

 

Jesus hat durch Taten die Menschen bewegt, auf die Botschaft zu hören. In seiner Nachfolge wollen wir gerade in einer Zeit des sozialen und gesellschaftlichen Umbruchs mit unserem Reden und Handeln für andere da sein.

  

Auferlegte Sparzwänge dürfen kein Vorwand sein, dem Dienst für Gott und an unseren Nächsten zu mindern oder gar einzustellen.

  

Wo Menschen Nächstenliebe erfahren, kann Glaube wachsen. Wo wir unsere Ideen, unsere Kräfte und unsere materiellen Möglichkeiten einbringen, wird die Frage, was Kirche ist, beantwortet. DIE KIRCHE SIND WIR, die wir uns auf Jesus Christus und seine Zusage des Gottesreiches einlassen. Wo wir uns einsetzen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung bleibt die EKHN Kirche für uns und andere.

  

Wir mit unseren vielfältigen Gaben und Glaubens- und Lebenserfahrungen gestalten Kirche in Gemeinden und überregionalen kirchlichen Einrichtungen, in Kirchenvorständen und Synoden.

  

Dabei sind wir auf notwendige Rahmenbedingungen angewiesen, wenn unser Engagement auch in Zukunft Früchte tragen soll.

  

Wir sind für:

 

-          Eine demokratische Struktur unserer Kirche. Dazu muss eine klare Aufgaben- und Gewaltenteilung der gesetzgebenden (Synode) und ausführenden (Kirchenverwaltung) Organe garantiert sein.

 

-          Ein durchdachtes und verantwortungsvolles Handeln auf allen kirchlichen Ebenen. Voraussetzung dafür ist ein von den Entscheidungsträgern unabhängiger Informationsfluss

 

-          Die Gewährleistung des Dienstes am Nächsten durch qualifizierte Fachkräfte. Dazu muss ein von der staatlichen Steuerpolitik unabhängiges Kirchensteueraufkommen angestrebt werden.

 

         

Dafür wollen wir jetzt und in Zukunft stärker und mutiger eintreten, im Dienst für Gott und Jesus Christus sowie für unsere Mitmenschen.

  

Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen! (1. Kor 16,14)

 

  

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NACHWORT: Was weiter geschah ...

 

Viele der kirchlichen Entscheidungsträger beugten sich damals dem Sparzwang und folgten dem Geist, der aus Beratungsunternehmen wie Mc Kinsey in die Kirche hinein wehte. Eine Diskussion über unsere Thesen und Anregungen fand so gut wie nicht statt. Nach dem Rasenmäherprinzip wurden von der Landessynode wichtige Bereiche beschnitten, ganze Vikarsjahrgänge wurden nicht eingestellt, mit dem Resultat, dass heute Pfarrermangel herrscht.. Die Initiatoren des Friedberger Kreises wurden in alle Winde zerstreut – doch die Idee blieb: Miteinander über Glaubensfragen und Gemeinschaften ins Gespräch zu kommen.

 

In der Folge der damaligen Überlegungen entwickelte ich 2002 in Hamburg das unabhängige ökumenische Internetportal GlaubeAktuell mit dem Ziel, die Kommunikation zwischen Gläubigen, zwischen Gemeinden, aber auch zwischen Menschen, die einen von Kirche losgelösten Bezug zu Glaubensfragen haben, zu fördern. Weil wir die Beschäftigung mit religiösen Fragestellungen in die Lebenswirklichkeit unserer Leserinnen und Leser stellten, erreichten wir im Jahr 2016, also 20 Jahre nach Gründung des FRIEDBERGER KREISES regelmäßig über 20.000 interessierte Menschen am Tag mit unserem ökumenischen Internetportal GLAUBE AKTUELL.

 

GERT HOLLE

 

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