Die Kunst der kleinen Schritte

Foto: Michael Guist
Foto: Michael Guist

 

 29.06.2018

 

 

 

Von Gert Holle

 

 

 

Der Auftritt hat es in sich. Mit verschränkten Armen steht die gesamte Mannschaft vor den Kameras der Journalisten. Jimmy Durmaz, schwedischer Fußballnationalspieler mit türkischen Wurzeln, hält eine bewegende Rede. Tags zuvor hatte er 94 Minuten seine Aufgabe gut erfüllt, ehe er Timo Werner kurz vor der eigenen Strafraumgrenze foulte. Der erfolgreiche Kunstschuss von Toni Kroos ließ den schwedischen Linksaußen unmittelbar darauf zum Sündenbock in den sozialen Medien werden. Ein übler Shitstorm setzte ein, rassistische Anfeindungen, Morddrohungen. „Es gehört zu unserem Job, kritisiert zu werden, Tag für Tag. Aber ein Teufel genannt zu werden oder Selbstmordattentäter sowie Beleidigungen gegen Familie und Kinder sind völlig inakzeptabel“, sagte Durmaz. „Ich bin schwedisch und stolz darauf, das Trikot und die Flagge zu tragen. Wir sind vereint. Wir sind Schweden, oder Jungs?“ -

 

In diesen Tagen geht es um Fußball – um ein Spiel, das vielen Menschen Freude bereitet, Spannung verspricht und Emotionen hochkochen lässt. Aber wenn aus einem Spiel miteinander eine Plattform des Hasses und  des Gegeneinanders wird, wenn Menschen zur Zielscheibe anderer werden, die mutmaßlich in ihrem eigenen Leben erhebliche Probleme haben, dann hört der Spaß auf. Dann ist es höchste Zeit, darüber nachzudenken, was im Leben tatsächlich wichtig ist und wo Grenzen überschritten werden. Wo es angesagt ist, eigene Haltungen zu überprüfen und einzuschreiten. In einer demokratischen Gesellschaft dürfen wir Rassismus und Ausgrenzung nicht tolerieren. Rassismus verletzt die Menschenwürde. Wie kränkend ist es, in seiner eigenen Heimat nicht akzeptiert zu werden, ständig gefragt zu werden: „Wo kommst Du her?“ – Nicht jeder, der so fragt, ist ein Rassist, aber so gedankenlos zu fragen, kann grenzüberschreitend, ausgrenzend, bedrohend und beleidigend sein. -

 

Gewalt, Rassismus und Sexismus sind im Fußball schon lange wahrnehmbar – nicht nur in Deutschland, auch in Ländern wie Italien oder Schweden. Manche Erscheinungsformen, wie zum Beispiel rassistische Äußerungen und Gewalt gegenüber Schiedsrichtern und die gewalttätige Einmischung von Zuschauern bis in die untersten Ligen hinein, weisen in den letzten Jahren deutlich steigende Fallzahlen auf. Auch die beleidigenden Äußerungen zu und über Claudia Neumann, Sportreporterin des ZDF, fallen in die Kategorie „Unterste Schublade“. – Wer hat nicht schon einmal dabei gestanden, als Freunde einen vermeintlichen Witz über Minderheiten gerissen haben, und sich nicht getraut, etwas zu entgegnen? Haben Sie sich da nicht über sich selbst geärgert? Doch es braucht Mut und Entschlossenheit, gegen solche Äußerungen vorzugehen. Schweigen heißt Zustimmung. Zur christlichen  Identität gehört es, sich für Ausgegrenzte und für Minderheiten einzusetzen. Verantwortung vor Gott geht einher mit der Verantwortung für die Welt.

 

 

 

An diesem Sonntag wird in vielen Kirchen die Geschichte von Abram erzählt, von dem der Herr forderte, er solle sein Vaterland, verlassen und mit seiner Verwandtschaft in ein Land ziehen, das er ihm zeigen werde. Eine Geschichte, die wir so verstehen könnten, dass sie uns ebenfalls zum Aufbruch aufruft – zum Aufbruch aus der Heimat, da wo wir uns bisher wohlgefühlt haben. Im übertragenen Sinne werden wir aufgefordert, unsere Standpunkte zu überprüfen, uns aus unseren gewohnten Verhaltensweisen heraus zu begeben, aus den immer gleichen Denkmustern, auch aus unseren Vorurteilen Fremden gegenüber. Die Geschichte von Abram ermutigt: aus der Verheißung des gelobten Landes wurde die Erfüllung. Er fand wieder eine Heimat und wurde reicher beschenkt, als je zuvor. Er erfuhr die Freude gelungener Beziehungen und den Segen Gottes. Ob uns auch ein ähnlicher Aufbruch gelingen kann? -

 

Die ersten Schritte sind die schwersten. Deshalb wünsche ich uns die Kunst der kleinen Schritte – auch aufeinander zu. Gegen schlechte Erfahrungen von Angst und Engstirnigkeit, Versäumnissen und Ungeklärtem. Gegen Perspektiv- und Sprachlosigkeit. Leben fördern, statt es zu verhindern. Hinausgehen, statt sich einzuschließen. Weitergehen, statt stehenzubleiben. Auseinandersetzungen auf faire Art führen. Schuld vergeben, statt sie nachzutragen. Missverständnisse klären, statt unter ihnen zu leiden. Blumen pflanzen, statt über eine Welt ohne Blumen zu klagen. -

 

Herr, lehre mich die Kunst der kleinen Schritte. Dann liegt es an mir, loszugehen.

 

In diesem Sinne wünsche ich ein gesegnetes Wochenende und weiterhin große Freude an der Fußball-Weltmeisterschaft, auch wenn die deutsche Mannschaft nicht mehr dabei ist.

 

 

 

 

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