Da atmen wir himmlische Luft

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Von Gert Holle

 

 

Sommer. Sonne. See. Endlich raus aus dem Alltagsleben, die freien Tage des Jahres genießen. Die Badetasche gepackt, der kurze Gang vom Hotel zum Strand – in Gedanken versunken, loslassen, was mich beschwert hat in letzter Zeit: Die Verflachung der politischen Diskussionen in den Medien, in der Politik, im direkten Umfeld; das Gift der Intoleranz und Verrohung in vielen Bereichen unserer Gesellschaft. Durch die Bäume schimmert es orange – ich werde neugierig. Ein Bauwagen auf der Wiese am Weg zum kühlenden Wasser. Ein Plakat prangt groß an der Seite: „Ort des Zuhörens – Pfarrgemeinschaft Losheim am See“. In einem Klappstuhl ruht ein Mann – etwa 70 Jahre alt. Ich bin vorsichtig, möchte nicht stören, halte Abstand. Lese weiter auf dem Aushang neben dem Wagen: „Hier finden Sie einen Zuhörer! – Täglich zwischen zehn und zwölf Uhr sowie zwischen fünfzehn und siebzehn Uhr.“ Aha, denke ich, ein Angebot der besonderen Art, an einem Ort, wo man es nicht erwarten würde. „Hier finden Sie einen Zuhörer!“

 

Wie oft würde ich mir so etwas in meinem Alltagsleben wünschen, einer der einem mal zuhört und nicht gleich mit seinen eigenen Problemen zutextet. Aber jetzt, in der Ferienzeit? Ich gehe weiter, das kühle Nass lockt. Endlich wieder schwimmen nach so langer Zeit. Und da, ich bin gerade mitten im See, erblicke ich ihn wieder, den orangefarbenen Wagen. Nach wie vor sitzt der alte Mann davor – allein verrichtet er gewissenhaft seinen Dienst, so sieht es aus.  - Gut, als Christinnen und Christen sollen wir ansprechbar sein für die sprachlos Gemachten. Wir sollen auch für die sprechen, denen die Worte fehlen. Wir sollen ansprechen, was nicht den Menschen und Gott dient. Wir sollen auch gegen die sprechen, die Hass verbreiten, Vorurteile und Diskriminierung zur Sprache bringen, den Schwachen Hoffnung und Mut zusprechen. Aber hier am See, wo alle in Ferienstimmung sind, ob da jemand das Angebot annimmt? -

 

 

 

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

In den folgenden Tagen komme ich immer wieder an dem auffälligen Wagen vorbei. Jedes Mal sitzt ein anderer davor – allein. Und allmählich fange ich an zu begreifen: die Personen auf dem Stuhl vor dem Wagen sind gar nicht die Zuhörer, die auf mich oder wen auch immer warten. Sie sind diejenigen, die das Angebot angenommen und verstanden haben: „Gott, zu Dir darf ich immer kommen. Auch hier und heute. Du bist ganz anders. Du bist der Zuspruch inmitten der Krise. Ich darf mich in seelischer Not fallen lassen und kann in den Himmel rufen – leise und still. Es bleibt dann nie ohne Antwort. Durch Dich wird die Stimme des Vertrauens wieder hörbar. Du öffnest mir die Augen für die Wahrheit hinter der Wirklichkeit und die Ohren für das Einzigartige in der Welt. Dein Ja zu mir ist die Hoffnung und Energie in meinem Leben.“

 

 

Glauben, vor allem dann, wenn er voller Energie und gestalterischer Kraft sein will, lebt aus der Praxis des Hörens guter Worte, die wir wie das tägliche Brot brauchen. Die Worte der Bibel sind solch gute Worte. Ein Brückenschlag vom Himmel zur Erde – von Gottes Welt in unseren Alltag. Da atmen wir himmlische Luft. Die tut uns gut. Jeden Tag eine kräftige Prise davon – und wir atmen auf. – Ich erinnere mich an eine Geschichte, in der Jesus einer Frau aus Kanaan begegnet, die ihn um Hilfe bittet. Er weist sie zunächst schroff ab, da er gesandt wurde, die Nähe Gottes und seine machtvolle Liebe dem Volk Israel zu verkünden: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehme und den Hunden vorzuwerfen.“ Die Frau gibt aber nicht so schnell auf und erwidert: „Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ Das Eis ist gebrochen: „Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen.“

 

Jesus hat genau hingehört und wahrgenommen, dass er über bisherige Grenzen hinausgehen muss, wenn ihm Glaube begegnet. Er ist ungehorsam gegenüber seinem Auftrag und handelt dennoch richtig. Er hört, wie der Geist „von außen“ zu ihm spricht und den Horizont weitet. Im Glauben geht es eben nicht darum, streng vorgegebene Regeln zu befolgen – es geht darum, in allem, was ist, in sich hineinzuhören, auf das Wort zu hören und auf die Menschen zu hören – und so zu entdecken, welches Zusammenspiel hier zum Klingen kommt. Dieser „Musik des Geistes“ zu folgen, darin besteht die große Kunst des Glaubens. -

 

Wahrnehmen, hinhören, interessieren, sich betreffen und inspirieren lassen – all das ist möglich – auch und gerade in den vielen Angeboten unserer Kirchengemeinden – vielleicht für Sie auch am Sonntag in einem der zahlreichen Gottesdienste in Ihrer Nähe. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Wochenende.

 

 

Ihr Gert Holle

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