Der Frieden ist der Weg

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

Wenn Menschen zusammenkommen, ist es normal, dass sich früher oder später unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse zeigen. Daraus erwachsende Konflikte werden meist nach der Methode „Der Stärkere siegt“ beendet. Oft sind Konflikte dabei nicht gelöst, sondern mit Farbe übertüncht, stillgelegt. Ein dauerhaftes, friedliches Miteinander sieht anders aus. - Manchmal wird gesagt, Frieden sei Abwesenheit von Krieg. Dem stimme ich in dieser Einfachheit nicht zu. Wo Menschen lernen, besonnen und liebevoll zu streiten und Konflikte angemessen auszutragen, erst da kann Frieden wachsen. Gewaltfrei, im Hören auf die Andere, im Wahrnehmen der berechtigten Anliegen des Anderen. Im wechselseitigen Respekt. Wo das gelingt, kann man sich miteinander einsetzen für das, was wirklich wichtig ist. -

Wenn geflüchtete Menschen von Extremisten bedroht und angegriffen werden, wenn Populismus und Nationalismus alte Grenzen wiederbeleben oder neue Grenzen errichten wollen, wenn Rückzug in vermeintlich sichere und abgegrenzte Räume das Zusammenleben in Vielfalt bedroht, wenn militärische Aufrüstung und Waffenlieferungen als reflexhafte Reaktion auf angenommene Bedrohung präsentiert werden, wenn die globale Ungleichheit zunimmt und sich der Reichtum mehr und mehr in den Händen kleiner Eliten konzentriert – dann sind wir aufgerufen, in einen Streit einzutreten für ein Zusammenleben im Zeichen der Gewaltlosigkeit und Gerechtigkeit. Dann sollte das Glockenläuten, das am Freitag, dem Weltfriedenstag der Vereinten Nationen, in vielen Gemeinden in Deutschland und europaweit unter dem Motto „Friede sei ihr erst Geläute“ zu hören (ist) war, als Weckruf verstanden werden. Als ein Anfang. Als Motivation, Alternativen zu entwickeln, Position zu beziehen, dem Konflikt nicht auszuweichen, ihn aber hörbereit und gewaltlos zu führen. Als Christinnen und Christen sollten wir uns einmischen und streiten um den Weg unserer Demokratie - sensibel für das Wirken Gottes in unserer Zeit und im Hören auf die Texte der Bibel: „Wer bei Euch groß sein will, der soll euer Diener sein.“ (Matthäus 20,20-28)

 

 Der Ökumenische Rat der Kirchen hat den 21. September 2018, zum Tag des Gedenkens an das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren - und mit Blick auf die aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen - weltweit zum Internationalen Gebetstag für den Frieden erklärt. Wir haben wahrlich Gründe genug, zu beten, zurückzublicken, zu erinnern. Um die Opfer der vielen Kriege als Menschen zu erkennen und ihnen die Würde zurückzugeben, die ihnen geraubt wurde. Sie mahnen uns Nachfolgende, uns für Frieden, zivile Konfliktlösungen und Gewaltfreiheit einzusetzen. Wir brauchen aber auch solche Anlässe, um nachzudenken - und zu fühlen. Um zu lernen für unsere Zukunft und die unserer Kinder! –

Erschreckende Bilder aus Chemnitz und Aufmärsche, in denen sich zunehmend Hass, Wut und Menschenfeindlichkeit Bahn brechen, zeigen, dass Erinnerungen an schlimme Zeiten verblassen. - Wie haben sie alle mitgemacht mit den Massen. „Heil“ geschrien und geglaubt an ein sogenanntes „1000-jähriges Reich“. Das Ergebnis: Un-Heil! – Weil wir verführbar sind. Und das macht nicht nur mir Angst, lässt mich trauern. Um alle, die zu Opfern geworden sind und immer wieder werden. Nationalistische Parolen und steigende Militärausgaben sind die Wirklichkeit. Krieg wird zunehmend zu einem gängigen Mittel der Weltpolitik, obwohl er in keinem der zahlreichen aktuellen Konflikte in Afghanistan, Syrien, der Ukraine, dem Jemen, dem Südsudan, in Nigeria und anderen Ländern bisher zu nachhaltigen politischen Lösungen geführt hat. Es ist Zeit, deutliche Zeichen für eine offene Weltgemeinschaft, für Demokratie und interreligiöse Verständigung zu setzen. Aus den Herzen unserer Religionen gibt es bessere Antworten auf die drängenden Probleme unserer Tage als gewalttätige Auseinandersetzung, Ausgrenzung und Anfeindungen! -

Es gibt Augenblicke, in denen ich die Kraft der alttestamentlichen Propheten herbeisehne, um heute mit unbändiger Kraft fragen zu können: Was haben wir aus der Geschichte gelernt? Was tun wir für morgen? Für unsere gemeinsame Zukunft? – Was passiert, wenn wir Menschen nicht mehr nach Aussehen, Herkunft und Geschlecht beurteilen, sondern auf die Person dahinter schauen? Wie sie denkt, wie sie fühlt? Genau hinsehen, genau zuhören und darin die vielen Facetten, die einen Menschen ausmachen, entdecken? Seine Mehrfachzugehörigkeiten. Jeder Mensch ein Ebenbild Gottes – ohne Unterschied. - Gerade in diesen Tagen, in denen Scharfmacher Konflikte anheizen, gilt es, Wege zu suchen, den Frieden zu wahren. In der christlichen Religion finden sich Ansätze für nachhaltige Konfliktlösungen. Sie sind Gegenentwürfe zur Kraft des Stärkeren. Im 1. Korintherbrief gibt Paulus eine solche Empfehlung streitenden Gemeindemitgliedern an die Hand: „Niemand suche das Seine, sondern was dem anderen dient.“ Nicht Selbstaufgabe ist hier gemeint, wohl aber eine Abkehr von der Haltung „me first – ich zuerst“. Stattdessen fordert Paulus auf, die Bedürfnisse, Ängste und Sorgen des Gegenübers wahrzunehmen. Dabei geht es nicht um die Erfüllung eines Wunschkonzerts, sondern um den Respekt gegenüber den notwendigen Bedürfnissen des Gegenübers. Dies ist der erste Schritt, um Lösungen zu finden, die alle Beteiligten zufrieden stellen. Das Recht liegt nicht auf der Seite des Stärkeren, sondern dort, wo Menschen einander als gleichwertig achten und sich gegenseitig unterstützen, gut leben zu können. - Mahatma Gandhi sagte einst: „Es gibt keinen Weg zum Frieden. Der Frieden ist der Weg.“ Christus selbst verkörpert einen solchen Weg. Bei jedem und jeder einzelnen von uns liegt die Entscheidung, diesem Weg zu folgen oder nicht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen / Dir ein gesegnetes Wochenende!

 

Ihr / Dein Gert Holle - 21.09.2018

 

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