Ein Heiliger mit sechs Buchstaben

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Von Gert Holle

 

 

Vielleicht sind Sie (bist Du) auch so ein Gewohnheitsmensch wie ich? Während der Woche aufstehen, fast immer zur gleichen Zeit. Der Gang ins Bad. Danach in die Küche. Kaffeewasser aufsetzen, die Butter aus dem Kühlschrank nehmen, Teller auf den Tisch. Na, Sie kennen (Du kennst) es. Das Brot in den Toaster, der ausführliche Blick in den Kreis-Anzeiger. Alles wie immer. Gut, die Kaffeetasse variiert. Mal die gestreifte, mal die mit dem Elch. An manchen Tagen auch die violette mit der Aufschrift: „Ich gehöre zu Gottes Bodenpersonal.“ Völlig undenkbar, dass ich aus einem der anderen rund zwanzig Becher trinke, die in unserem Schrank stehen. Ob ich noch alle Tassen im Schrank habe? – Ich hoffe es zumindest. Eine dieser genannten Tassen gehört auf jeden Fall zu meinem festen Morgenritual. Und sollten mal die Gestreifte, der Elch oder die Violette gemeinsam in der Spülmaschine sein, bleibt ja – Gott sei Dank – noch das absolut hässliche Exemplar, das merkwürdigerweise immer versteckt ganz hinten im Schrank steht. Ein Teepot, den mir vor vielen Jahren ein russischer Freund aus St. Petersburg als Gastgeschenk mitgebracht hat. „Wieso wirfst du den nicht mal in den Müll?“ fragt meine Frau regelmäßig an solchen Tagen. „Nein, tue ich nicht!“, erwidere ich dann grummelnd. Schließlich sind schöne Erinnerungen mit dem unansehnlichen Teil verbunden. Und dieser Becher ist ebenso wie die drei anderen Bestandteil meines Morgenrituals, das mir hilft, dem Chaos, das im Laufe des Alltags sowieso unweigerlich über mich hereinbrechen wird, entgegenzutreten. Es erleichtert das Leben ungemein, wenn alles seinen geregelten Gang geht. Der Tag, der Abend, die Woche. Rituale können Halt geben. Meine Frau, zum Beispiel, greift sich, sobald sie ihren Tee aufgebrüht hat, den von mir schon gelesenen Teil der Zeitung, blättert wie wild durch: „Hast du die Seiten mit dem Sudoku und dem Kreuzworträtsel gesehen?“ Ehrlich gesagt achte ich nicht so darauf, aber in dem Moment reiche ich flugs einige Seiten rüber, nippe an meinem Kaffee und sauge weiter die Sportergebnisse vom Vortrag auf. Nachdem das Sudoku gelöst ist – das geht nach jahrelangem Training erstaunlich schnell – kommen dann manchmal so Fragen wie „Kennst du einen alttestamentlichen Propheten mit sieben Buchstaben - und einem „J“ am Anfang?“ „Jesaja“ murmle ich, wohlwissend, dass der nur sechs Buchstaben hat. „Stimmt nicht!“ – „Na, dann nimm Jeremia“ - und die Dankbarkeit ist mir gewiss. „Du, kennst du auch den Berg im Riesengebirge mit elf Buchstaben?“ „Schneekoppe“, antworte ich souverän. Solange keine Nebenflüsse von irgendwelchen Nebenflüssen gefragt werden, die nie ein Mensch je zuvor gehört hat … Na, ich übertreibe jetzt. Aber es gibt ja immer Gebiete, in denen man nicht so bewandert ist. „Du, ein Heiliger mit sechs Buchstaben?“ Das ist wieder mein Metier. „Wie wäre es mit Martin. Genauer Sankt Martin!“. Dann lasse ich noch beiläufig einfließen, dass der als 18-Jähriger in Amiens stationierte Soldat im Winter des Jahres 334 vor den Toren der Stadt einem frierenden, nur spärlich bekleideten Mann begegnet war, dem er die Hälfte seines Offiziersmantels überließ. „Lass gut sein, dass weiß ich doch.“ – „Aber dass dieser Martin in der folgenden Nacht von einer Begegnung mit Jesus träumte, der wie der arme Mann den halben Mantel trug, ist dir vielleicht nicht bekannt. Und dass er sich dann taufen ließ und der 11. November Martins Gedenktat ist, da er an diesem Tag im Jahr 397 beigesetzt wurde…“ – Natürlich ist auch dies meiner Frau vertraut. Schließlich hat sie viele Jahre als Erzieherin in einer Kindertagesstätte gearbeitet, wo der Laternenumzug an St. Martin ein fester Bestandteil im Jahresrhythmus war – geradezu ein klassisches Ritual, ein ökumenischer Brauch, denn einer der beliebtesten Heiligen der katholischen Kirche ist auch in der evangelischen Tradition von großer Bedeutung. Kinder erkennen in der Geschichte, ohne dass viele Worte nötig wären, dass es Sinn macht, den Machtlosen, Friedlichen und Unterdrückten, den Fremden und Letzten beizustehen, zu teilen. Wir Erwachsen merken, dass wir uns durchaus auch in der Rolle des Bettlers wiederfinden könnten. – Und dann kommt das Signal zum Aufbruch: „Nebenfluss der Seine mit sieben Buchstaben?“ Ich zucke mit den Schultern, stehe auf. Noch ein Kuss – der muss bis zum Abend reichen. Und in meinem Kopf ein Spruch von Jesaja, von dem wir es ja gerade hatten: „Hört auf Böses zu tun, lernt, Gutes zu tun! Sorgt für Gerechtigkeit, helft den Unterdrückten!“ – In diesem Sinne wünsche ich Ihnen / Dir ein gesegnetes Wochenende und einen fröhlichen Martinsumzug!

 

Ihr / Dein Gert Holle

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