Zweifel zwischen den Zeilen

Foto: Gert Holle
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Von Gert Holle

 

Manchmal ist die menschliche Entscheidungsfreiheit mehr als rätselhaft. Ich erinnere mich an Worte des Apostels Paulus, die er an die Gemeinde in Rom schrieb: Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ Manchmal wissen wir in dem Moment, in dem wir uns für den einen oder anderen Weg entscheiden, nicht, wohin er uns führen wird. Und bei aller Achtsamkeit, die wir an den Tag legen, sind Zweifel angebracht, ob wir über den ausgesuchten Pfad unser Ziel erreichen werden. Ich gebe zu: ich bin ein Zweifler. Ich hinterfrage Entscheidungen. Ich schaue zwischen die Zeilen: „Ist das wirklich so gemeint, wie es da steht?“ Andere haben es nicht leicht mit mir. Manchmal erleben sie mich als Bremser, der hartnäckig zweifelt. – Zweifel und Zweifler haben keinen guten Ruf. Und das, obwohl wir in Wahrheit alle zweifeln. Wir geben es nur nicht gerne zu. Denn wer stellt sich schon gerne außerhalb der herrschenden Meinung? Viel einfacher ist es ja, mit dem Strom zu schwimmen – oder? Ich meine, dass uns Zweifel, sofern sie richtig eingesetzt werden, nicht nur vor fatalen Fehlern bewahren können. Sie eröffnen uns auch neue Chancen. Zweifel bringen Kreativität und Innovationen auf die Straße – im besten Sinne, wie bei den jungen Leuten, die sich in der Bewegung „Fridays for Future“ engagieren. Oder wie damals vor gut 40 Jahren, als Schüler und Studenten in Fußgängerzonen standen und sich die Plastiktüte als Feindbild ausgeguckt hatten. Zweifel am Lebensstil, an der Ausbeutung der Ressourcen wurden laut. Und sie riefen: „Jute statt Plastic“. Der grobe, kratzige Beutel wurde zum Inbegriff eines alternativen Lebensstils, zum Symbol für die Forderung nach Gerechtigkeit. Jute stand für ein nachwachsendes Naturprodukt. Plastik dagegen war und ist nach wie vor Sinnbild für die kapitalintensive, rohstoffverschlingende Produktion der Industriegesellschaft. Die Träger der Jutetaschen demonstrierten ein neues Verantwortungsgefühl. Zunächst ging es um die Wechselwirkungen zwischen der sogenannten ersten und dritten Welt. Denn mit dem massenhaften Gebrauch der Plastiktüte sank der Bedarf an Jute. Eine Katastrophe für die Menschen in Bangladesch, die vom Juteverkauf abhängig waren. Denn plötzlich gab es keine Arbeit mehr, vor allem für die Frauen. Durch die Aktion „Jute statt Plastic“ sollte ihr Überleben gesichert werden. Die GEPA, die „Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt“, war Initiator. Im Auftrag ihrer kirchlichen Eigentümer, darunter die Entwicklungshilfswerke Misereor und Brot für die Welt, baute die Organisation den Handel mit Genossenschaften und sozial engagierten Privatbetrieben in Lateinamerika, Afrika, Asien und Europa auf – unter dem Motto „fair und nachhaltig“.

 

„Jute statt Plastic“ wurde zum Weckruf einer ganzen Generation, die sich gegen die Wegwerfgesellschaft und die Ausbeutung der Dritten Welt wandte. Bis weit in die 80er Jahre hielt der Boom an. Und das, obwohl die Jutetasche kaum elegant war, an den Griffen ausfranste und zudem noch unangenehm roch. „Atomkraft? Nein Danke!“ stand auf meiner Tasche. Wie konnte es auch anders sein, wenn man in direkter Sichtlinie zu den Atommeilern von Biblis aufwuchs. Freunde aus einer kirchlichen Jugendgruppe bevorzugten Aufdrucke wie „Frieden schaffen ohne Waffen“ oder „Schwerter zu Pflugscharen“. Heute erinnert mich eine auf Jute gedruckte Landkarte von Bangladesch an diese Zeit. Sie hängt in meinem Büro. Und sie erinnert mich an die Zweifel, die ich trotz aller Begeisterung für die Bewegung als junger Mensch hatte: „Konnte etwas gut sein, dass so penetrant stank?“ – Heute weiß ich, dass die Beutel, mit denen die Jugend die Welt verbessern wollte, hochbelastet waren. Denn Jute wurde auf mit dem Insektizid DDT verseuchten Feldern geerntet. Die Farben, die aufgetragen wurden, waren hochgiftig, und die Taschen mussten damals über den Seeweg nach Europa gebracht werden. Um diesen Seetransport zu überstehen, wurden Fäulnisprozesse mithilfe von Chemikalien verhindert. Container durften teilweise nur unter der Bedingung des Tragens von Schutzmasken geöffnet werden. - In der Rückschau sehen wir die engagierten Bemühungen vor der Frage nach der Ökobilanz sicher mit anderen Augen. Nichtsdestotrotz war „Jute statt Plastic“ eine der erfolgreichsten Solidaritätskampagnen, in deren Folge sich so manches gebessert hat. Der Klimawandel indes wurde nicht aufgehalten. – Wenn sich heute schon der eine oder andere von uns nicht mit dem Anliegen der Jugend und ihrer „Fridays for Future“-Bewegung solidarisieren möchte, so wäre es doch angesagt, an der Art und Weise zu zweifeln, wie wir mit unserer Umwelt umgehen – und zwar bevor es noch mehr zu spät ist, als jetzt schon. Sei bitte mutig und zweifel! In diesem Sinne wünsche ich Dir ein gesegnetes Wochenende.

 

Herzlichst

 

Gert Holle

 

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