Neues schaffen

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

"Alles neu macht der Mai,
macht die Seele frisch und frei.
Lasst das Haus, kommt hinaus,
windet einen Strauß! …“

 

Der Lehrer, Heimatkundler und Schriftsteller Hermann Adam von Kamp packte vor etwas mehr als 200 Jahren seine Freude über den Wonnemonat in diese Zeilen, die Dir womöglich bisher unbekannt waren. Umso vertrauter ist Dir aber bestimmt die Melodie, nach der der Text gesungen wird. Sie stammt aus Frankreich und genießt in dem Kinderlied „Hänschen klein“ bis heute allergrößte Popularität. – „Alles neu macht der Mai.“ Vorbei der Winter, der Sommer schickt seine ersten Vorboten voraus. Hinter uns das alte – Neuland vor uns. Mit vielversprechenden Möglichkeiten. Nun kann sich alles zum Guten wenden – hoffen wir – aber: alleine schaffen wir es nicht. Wir brauchen Hilfe. Die wird uns scheinbar direkt vor die Haustür gelegt: Verlockende Angebote in Werbeblättern. Produkte im Sonderangebot, Urlaubsziele in exotischen Ländern. Patentantworten fürs Glück – ob im Supermarkt, in Reiseprospekten oder auf großflächigen Plakaten zur Europawahl. … Wir müssen nur noch zugreifen! Unsere geheimen Sehnsüchte und Schwachstellen werden angetippt, ausgenutzt. Man spielt mit uns. Und wir lassen das zu, bis die Ernüchterung kommt: Alles bleibt beim Alten. Nur im neuen Gewand. Wie wir mit unserer Sehnsucht nach einem „neuen Leben“. Wir drehen uns nur noch um uns selbst. Und dabei gäbe es doch tatsächlich so viel Neues zu entdecken, in mir und um mich herum: Ein aufmunterndes Wort vielleicht, ein Sonnenstrahl zwischen dunklen Wolken. Oder gar eine kleine Blume. Vielleicht unten im Hof zwischen Steinen und Asphalt?

 

Ich sehe sie vor mir, sie wächst. Mitten in einer unwirtlichen Umgebung. Sie überlebt, sie gibt nicht auf, sie widersteht. Hoffnung keimt auf und wird Wirklichkeit, macht mir wieder Mut. Sie blüht in mein Leben hinein: Nur nicht aufgeben, nur nicht resignieren. Nicht alles hinwerfen, weil alles hoffnungslos erscheint. Trotz allem weiterwachsen, nicht verkümmern. Die kleine Blüte verduftet. Es folgen die Samen. Es geht weiter. Ich darf nur nicht die Hoffnung verlieren, auch wenn es manchmal schwerfällt. „Der Glaube hofft, wo es nichts zu hoffen gibt“, ermutigt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom. Selbst allem Tod zum Trotz: Da ist ein Lichtstrahl im Dunkel, der aufweckt und die Richtung angibt. Ein Stück Leben im Tod, über den Tod hinaus. Etwas Sinn im Sinn-losen, der hält und auffängt. Ich lasse mich nicht länger leiten von schlechten Erfahrungen, sondern von guten Erwartungen. Denn: ohne Hoffnung kann ich nicht leben. Sie macht zuversichtlich, neugierig auf das Neue, das immer faszinierend ist. Doch wenn die Hoffnung allein bleibt, erlahmt sie. Gott sei Dank findet sie Hilfe im „Du“, im hoffnungsfrohen Aufeinanderzugehen. So können wir gemeinsam und mit fröhlichem Herz die letzte Strophe von Hermann Adam von Kamps Gedicht nach der Melodie von „Hänschen klein“ anstimmen:

 

„Hier und dort, fort und fort,
wo wir ziehen Ort für Ort,
alles freut sich der Zeit,
die verjüngt, erneut.
Widerschein der Schöpfung blüht
uns erneuernd im Gemüt.
Alles neu, frisch und frei,
macht der holde Mai.“

 

In diesem Sinne wünsche ich Dir / Euch ein gesegnetes erstes Maiwochenende.

 

Herzliche Grüße
Gert Holle

Kommentar schreiben

Kommentare: 0