Gedanken zum Jahreswechsel: Denn Gott ist den Menschen nah

Manfred Günther. Foto: M. Günther
Manfred Günther. Foto: M. Günther

Von Gert Holle

 

Es waren nicht die großen politischen Ereignisse, nicht das Wehklagen über das Schlimme in der Welt. Klimakatastrophe, Flüchtlingskrise, Konjunkturabschwung. Vielleicht habe ich mich deshalb immer besonders auf die Briefe meines Freundes an Weihnachten gefreut. Mit spürbarer Freude teilte er mit seinen engeren Freunden die kleinen und größeren Begebenheiten, die im Laufe des Jahres in seiner Familie geschehen waren: Ein weiteres Enkelkind, das zur Welt kam. Eine Tochter, die wieder in Deutschland lebt. Aber auch der eine oder andere menschliche Verlust war darunter. Das ganz normale Leben eben, das ein jeder von uns selber kennt. Manchmal heiter, manchmal besinnlich. Mal traurig, mal froh. Über viele Jahre nahm ich auf diese Weise Anteil am Leben von Menschen, die ich eigentlich nur aus der Ferne kannte. Und ich freute mich, wie die Familie Jahr um Jahr wuchs. Es war stets ein Jahresrückblick der besonderen Art. Ich freute mich für Manfred, weil ich spürte, wieviel Kraft er aus seiner Familie schöpfte. Seit Jahrzehnten litt er an einer chronischen Erkrankung, die ihn allzu früh zum Ausscheiden aus dem aktiven Pfarrdienst gezwungen hatte. Klar, auch das war hin und wieder Thema in seinen kleinen Chroniken – aber immer hoffnungsfroh, positiv auf die Zukunft gerichtet. Vor dem vorangegangen Weihnachtsfest ging es ihm schon nicht gut, so dass er seinen Brief auch erst Anfang Januar auf den Weg bringen konnte – diesmal sehr kurz, aber dennoch genauso herzlich und humorvoll. Und mit der Zusage: „Das nächste Mal kriegt ihr einen besonders langen Weihnachtsbrief!“ - Trotz seines angeschlagenen Zustands hatte er damals sein Gedicht zur Jahreslosung verfasst und mitgeschickt. Und wie in den über zwanzig Jahren zuvor, hatte er auch in diesem Jahr seine Gedanken zu den Wochensprüchen in Verszeilen gegossen und seine Sonntagspredigten für Zeitungen und Internetportale geschrieben. Das war sein Ding. Darin kam sein tiefer Glaube zum Ausdruck – stets kritisch, auf starkem Fundament. Darin war er ein Vorbild.

 

Seit Tagen warte ich mit innerer Ungeduld auf einen Brief von ihm – wohlwissend, dass er nicht kommen wird. Vor drei Wochen war seine Trauerfeier  – und dennoch diese Hoffnung auf seinen Brief. Verrückt. Seine Gedanken zur Jahreslosung 2020 konnte er leider auch nicht mehr teilen: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Diese Zerrissenheit, die in diesem Satz des Vaters eines kranken Jungen, an Jesus gerichtet, zum Ausdruck kommt, war Manfred nicht zu eigen. Er spürte aber stets bei den Menschen, mit denen er zu tun hatte, dass es diese Zerrissenheit sehr wohl gibt: sich sicher in Gottes Hand geborgen fühlen und gleichzeitig einen Zweifel daran hegen, ob Gott sich für mein kleines Leben überhaupt interessiert. Ihm war durchaus bewusst, dass Gottvertrauen eine durchaus instabile Angelegenheit sein kann. Umso mehr war ihm daran gelegen, mit seinen Predigten, Gedichten und Liedtexten den Menschen Mut zu machen, ihnen nahe zu sein. Und das kam an. Er war einer der ersten, der im Internet anderen seine Texte zur Verfügung stellte. „Warum auch nicht?“ entgegnete er den Kritikern. Ja, warum auch nicht … - Einmal erzählte er mir, wie er im Urlaub an der Nordsee einen Gottesdienst besucht habe. Am Ausgang fragte ihn der Pfarrer: „Na, wie hat Ihnen der Gottesdienst gefallen?“ Und Manfred antwortete schmunzelnd: „Wenn Sie erwähnt hätten, dass die Predigt, die Sie vorgetragen haben, von mir gewesen ist, noch ein bisschen besser!“ – Über 8000 Mal wurde seine Predigt wöchentlich heruntergeladen, was ihm Bestätigung gab. „Die am meisten gelesene Predigt in Europa“, sagte er des Öfteren mit ein wenig Stolz. Gleichzeitig vermisste er die Anerkennung von Kollegen und seiner Kirche. „Brauche ich eigentlich nicht, aber schön wäre es doch“, pflegte er zu sagen, wenn das Gespräch darauf kam. Und er brauchte es auch nicht, so fest wie er im Glauben stand. Sein Glaube war ihm wichtig. Und seine Familie.

 

Sein Brief wird nicht mehr kommen. Doch sein Lied, das bei der Trauerfeier gesungen wurde, werde ich immer im Herzen tragen. Vielleicht können einige Zeilen daraus auch Dich / Sie durch das kommende Jahr begleiten – und darüber hinaus: Kannst ein Ton sein, oder eine Melodie, kannst ein Lied sein oder eine Symphonie, kannst ein Stein sein und ein Haus, nur ein Ziegel oder Dach, kannst ein Tropfen sein, ein Rinnsal oder Bach, kannst der Hinweis sein, der andre weiter führt, kannst die Zuflucht sein, wenn einer Ängste spürt, eine Hand, ein Weg, ein Licht, das warm und hell im Dunkel scheint, eine Rast, ein Halt, ein Trost, wenn einer weint. Kannst das alles sein auf Erden, denn Gott ist den Menschen nah; will dein Blühen, Wachsen, Werden, ist im Segen für dich da! Bist in Gottes guter Hand, keinen Augenblick allein, er wird hier und einmal ewig bei dir sein! - Mit diesen Worten von Manfred Günther wünsche ich Dir/Ihnen einen gesegneten Jahreswechsel und Gottes gutes Geleit für 2020.

 

Gert Holle

 

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