Erdbeermarmelade und Holundersirup

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Wir erleben gerade Tage eines vorsichtigen Aufatmens. Kleine Schritte in so etwas wie eine „neue Normalität“. Doch was ist in diesen Zeiten schon normal? Maske auf und Abstand halten. Diese Vorkehrungen erlauben es uns, wieder shoppen zu gehen, uns für einen Cappuccino ins geliebte kleine Café zu setzen, vielleicht in den Urlaub zu fahren – auch wenn uns nach wie vor Vieles surreal, ja geradezu gespenstisch vorkommen mag. Im Kampf mit und gegen Corona ist unser Leben ins Wanken geraten. Verschobene Träume. Angst um die eigene Existenz, um die Familie. Bei aller Sehnsucht nach ein bisschen Normalität, die durch die Lockerungen wieder möglich scheint, stellen sich unweigerlich Fragen: Kann unser Leben nicht auch auf kleinerer Flamme funktionieren? Wie sieht die Zukunft des zivilen Miteinanders nach erlebter Solidarität aus? Wann können wir wieder in gewohnter Weise unseren Hobbys nachgehen? Unsere Lieben besuchen? Uns unbeschwert mit Freunden treffen? Gottesdienste feiern - und das nicht nur in abgespeckter Form? Unserem Job in gewohnter Weise nachgehen? - 

 

Ich merke, wie ich bescheiden werde, mir Gedanken machen, wie es wohl weitergehen kann. Was ich tatsächlich brauche, um gut zu leben? Oder was ich anders machen sollte?. Ja, was? –

 

Kürzlich las ich einen Satz der amerikanischen Dichterin und Essayistin Annie Dillard, der mir einen Anhaltspunkt schenkte, was denn gutes Leben ausmachen könnte: „So wie du deine Tage verbringst, so verbringst du dein Leben.“ – Auf wundersame Weise sollten seitdem für mich die bislang unbeachteten Dinge im Tagesablauf wieder eine Bedeutung gewinnen. Das unmittelbar Nächste. Die Minute, die gerade läuft. Das Jetzt und der morgige Tag. Vielleicht hatte der Satz auch deshalb eine so wirkungsvolle Kraft auf mich, weil unmittelbar nach der Lektüre das Telefon klingelte. Es war der Abend vor Fronleichnam und zu meiner Überraschung meldete sich mein alter Schulfreund Ekkehard, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er fand, es wäre an der Zeit, dass wir uns mal wieder treffen und ob er nicht am folgenden Tag vorbeikommen könnte. „Klar, ich freue mich, auch wenn wir nichts im Hause haben, um Dich angemessen zu bewirten“, sagte ich zu ihm. Das würde nichts machen, erwiderte er und nachdem wir uns noch kurz darüber ausgetauscht hatten, wie er am besten über die Autobahn zu uns kommen könnte, sah ich voller Freude diesem spontanen Besuch entgegen. „So wie Du die Tage verbringst, so verbringst Du dein Leben.“ 

 

Mit einem Strauß geschnittener Schwertlilien stand er an Fronleichnam vor der Tür. Nach einer Corona angemessenen Begrüßung ging er noch einmal zu seinem Wagen, um einen Johannisbeerkuchen und einen Nudelsalat zu holen - beides noch flugs am Vormittag zubereitet. Und dann zog er aus seiner Tasche ein Glas frischer Erdbeermarmelade heraus. „Ich habe vielleicht ein bisschen zu viel Zucker genommen, aber bestimmt wird sie euch schmecken“, sagte er fast entschuldigend. Und ich war traurig, dass ich ihn nicht wie früher in den Arm schließen konnte. Der Nachmittag verging wie im Nu mit Kuchen, Nudelsalat und wunderbaren Erinnerungen, die wir austauschten sowie intensiven Gesprächen über Vor- und Nachteile von Home-Office auf dem Land mit instabiler Internetverbindung. Bei der Verabschiedung drückte meine Frau ihm ein Fläschchen Holundersirup in die Hand, der ihm so gut geschmeckt hatte. Zumindest ein kleines Dankeschön für den Besuch, die Schwertlilien und die Erdbeermarmelade, die seitdem jeden Morgen auf unserem Frühstückstisch stand und meiner Frau und mir mundete - bis letzten Mittwoch. Die Lilien sind verblüht, das Glas leer. Doch die Freude über diese unverhoffte Begegnung und Ekkehards Herzlichkeit ist geblieben. „So wie du die Tage verbringst, so verbringst Du dein Leben.“ 

 

Es ist eben nicht egal, welche Bedeutung ich dem beimesse, was ich esse. Welchen Themen und Geschichten ich Aufmerksamkeit schenke, wie viel Zeit ich mir für die Menschen und Gott nehme. Denn alles, was ich nach außen tue, hat auch eine Wirkung nach innen. Betrifft mich selbst. Verändert und formt mich. In einer Zeit, in der wir uns mehr oder weniger mit der Krise arrangiert haben, lohnt es sich, in den kleinen Begebenheiten die größten Wunder zu entdecken. Denn oft sind die einfachen Dinge die kostbarsten – gleich, ob mit zu viel oder zu wenig Zucker. So ist es auch mit dem Senfkorn des Reiches Gottes. Mag es noch so klein und unscheinbar sein, immer trägt dieses Senfkorn die Möglichkeit in sich, eine Wohnstatt des Himmels zu werden. Wir müssen es nur erkennen und für uns annehmen. In diesem Sinne wünsche ich Dir / Euch ein gesegnetes Wochenende.

 

 

Alles Liebe,

Gert Holle

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