E-Mail, SMS oder doch ein Brief?

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

„Was brauche ich eigentlich dazu, um gut zu leben?“ Vielleicht hast Du Dir diese Frage schon einmal gestellt und in Dir reifte dann eine Vorstellung darüber, was Du anders machen solltest: Irgendwie muss sich mein Leben ändern – aber alles komplett umkrempeln? Womöglich eine Auszeit nehmen? Das wäre dann doch zu viel des Guten. Was ist das schon, „das Leben?“ - Und auf einmal fängt man an, anders hinzuschauen – „auf sein Leben“. Da kann so manches an Bedeutung gewinnen, was bislang unbedeutend neben her lief. Was nie beachtet wurde – weil es so nahe lag, so unmittelbar war. Da wird vielleicht so manches wieder entdeckt, was lange im Verborgenen schlummerte. Gegenstände. Nie verwirklichte Vorhaben. Alltägliches und Selbstverständliches. Kürzlich dachte ich beispielsweise darüber nach, dass es eben nicht egal ist, was wir essen und freute mich über ein Mitbringsel meines Freundes – ein Glas frisch zubereitete Erdbeermarmelade. In der Folge zog ich ernsthaft in Erwägung, ihm einen Dankesbrief zu schreiben – nein, keine SMS, keine E-Mail. Tatsächlich, ich dachte darüber nach, ein Blatt Papier zur Hand zu nehmen und ihm ein von Hand geschriebenen Dank zu senden. Und mir wurde in diesem Moment klar, wie sich diese für Dich vielleicht nicht einmal erwähnenswerte Selbstverständlichkeit aus meinem Leben geschlichen hatte. Wann hatte ich zuletzt einen Brief an einen Freund mit der Hand geschrieben? –
Du wirst jetzt sicher denken: „Was will er denn? Mit E-Mail oder SMS geht das doch viel schneller.“ Klar, das dachte ich natürlich auch. Aber irgendwie kamen mir auch die Briefe in den Sinn, die ich in der Vor-E-Mail-Zeit erhalten hatte und die in einer Schublade im Elternhaus seit nunmehr 30 Jahren gut gestapelt ihr Dasein fristen. Wie hatte ich mich über jeden einzelnen gefreut – Nachrichten von Freunden aus der ganzen Welt, Briefe zu freudigen Ereignissen wie Hochzeiten oder zur Geburt eines Kindes. Zum Teil persönliche und bewegende Geschichten. Alle handgeschrieben. Jede Zeile zig Mal gelesen, manches Wort heute nicht mehr zu entschlüsseln, weil meine Tränen die Tinte verwischt hatten. Vielleicht deshalb umso wertvoller für mich. Erinnerungen blau oder schwarz auf weiß – manche kunstvoll verziert. Gewiss, diese Briefe, gestapelt und zusammengebunden in einer Schublade, sind keine Weltliteratur – aber sie beinhalten wichtige Episoden meines Lebens. Und die Handschrift jedes einzelnen Briefes erzählt mir auch heute noch mehr, als so manche Worte. Hatte der Autor oder die Autorin Druck, diesen Brief zu schreiben, konnten sie Zeit für Sorgfalt aufbringen? –
Ja, einen Brief mit der Hand zu schreiben macht Mühe. Und dann ist er ja noch nicht fertig. Er muss dann noch zur Post, kostet Geld. Und je nach dem, wohin er geht, bleibt eine Restspannung. Wird er auch ankommen? - Ich weiß noch, wie ich im Alter von 15 Jahren einige Briefe an eine Freundin in Minnesota geschickt hatte, wo sie ein Auslandsschuljahr verbrachte, und ich erst beruhigt war, als ich Wochen später ihre Rückantwort in einem rot-blau gemusterten Luftpostumschlag in den Händen hielt. Natürlich, jede E-Mail, jede SMS ist heute schneller. Aber Geschwindigkeit ist eben nicht alles. Briefe mit der Hand zu schreiben ist auch so etwas wie ein Innehalten, ein „etwas von sich selbst Hineinlegen“. Man muss sich schon sehr genau überlegen, was man schreibt. Denn die Löschtaste des Computers gibt es da nicht – und ausstreichen oder überschreiben sieht gar nicht gut aus. So macht man sich schon mehr Gedanken: Was ist eigentlich gerade von Bedeutung? Und so finden sich in handgeschriebenen Briefen doch so manche Episoden und Gedanken, die auch Jahre später nichts von ihrem Wert verloren haben. –
Hätte ein Paulus gedacht, dass seine wohlformulierten Briefe an die verschiedenen Gemeinden im Mittelmeerraum für die sich gründende und wachsende Christengemeinschaft von so immenser Bedeutung sein würden? Wohl kaum. Oder Martin Luther - seine Briefwechsel füllen 18 Bände der 127 Bände umfassenden und 80.000 Seiten starken, sogenannten Weimeraner Ausgabe und geben Auskunft über gut 45 Jahre seines Lebens. Hätte er gedacht, dass die meisten seiner Schreiben gesammelt und über Jahrhunderte aufbewahrt werden? Sicher nicht. - Nicht jeder Brief an einen lieben Menschen ist vergleichbar mit Kafkas „Brief an den Vater“, den er nie abgeschickt hat – ich meine nicht den Inhalt, sondern die 103 Seiten, die sicher wohlüberlegt waren. Aber darum geht es auch nicht. Ein persönlicher, handgeschriebener Brief ist vielleicht gerade in Zeiten mit unseren technischen Möglichkeiten ein besonderes Zeichen der Verbundenheit und Zuneigung. Ob schwungvolle Handschrift mit dem Füller oder eher ungeübt und ungelenk mit einem Kugelschreiber verfasst - vielleicht landet ja der eine oder andere Deiner Briefe auch in einer Schublade, um ein halbes Jahrhundert später Menschen zu berühren. – Mit den Worten eines paulinischen Briefschlusses wünsche ich Dir und Euch ein gesegnetes Wochenende: „Die Gnade des Herrn Jesus sei mit euch! Meine Liebe ist mit euch allen in Christus Jesus!“


Alles Liebe, Gert Holle

Kommentar schreiben

Kommentare: 0