Streiten will gelernt sein

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

Wie hatte ich mich auf meinen Cappuccino mit Sahne gefreut. Der richtige Einstieg ins Wochenende nach getätigter Arbeit. „Prego – der Cappuccino!“ sagte die freundliche Bedienung in meinem Lieblingscafe hinter ihrer Corona-Maske und war sogleich am nächsten Tisch, um eine weitere Bestellung aufzunehmen. Mein Blick wendete sich erwartungsfroh dem Tablett mit der Tasse zu. - Ich zuckte innerlich zusammen. Statt der gewünschten Sahne zierte eine elegante Schaumkrone meinen Cappuccino. „Hallo, Sie haben mir …!“ – Ach, was soll’s. Ist jetzt der Moment, sich rumzuärgern? Ich verstummte im Ansatz. Niemand hatte etwas gehört. – Wie oft ist mir das schon widerfahren: Ich sage klar und deutlich, was ich will – und dann kommt es ganz anders? Und wie reagiere ich? Ich nehme hin, was leicht zu ändern wäre. Rede mir ein: „Ach, das arme Mädchen ist so überlastet. Und dann bei der Sommerhitze noch mal laufen - das will ich ja auch nicht.“ So gehe ich einer möglichen Auseinandersetzung aus dem Weg. Vielleicht habe ich mich ja auch missverständlich ausgedrückt? Ich nippe am Milchschaum-Cappuccino. Von genießen kann jetzt keine Rede sein. Ich beginne, mich über mich selbst zu ärgern. Weil ich nicht in der Lage war, bestimmt und freundlich zu reklamieren: „Hallo, ich hatte einen Cappuccino mit Sahne bestellt!“ – Sie hätte dann wahrscheinlich erwidert: „Mi dispiace, es tut mir sehr leid. Ihr Cappuccino mit Sahne kommt sofort.“ Von Auseinandersetzung keine Spur. Weil ich von Natur aus ein friedliebender Mensch bin, schweige ich meistens in solchen Situationen. Dabei weiß ich, dass es gut ist, ja oft geradezu notwendig erscheint, Situationen zu bereinigen – wenn auch dabei eine Auseinandersetzung oder Streit riskiert wird. Einfach mal Dampf ablassen oder Grenzen setzen. In der Familie, in Freundschaften, im Kollegium ist es doch auch möglich, sich auseinanderzusetzen, ohne dass die Beziehung darunter leidet. Aber Streiten will auch gelernt sein – zu Hause, in der Politik, in der Kirche. Eine Grundlage dafür ist sicherlich die Kunst des aufmerksamen Zuhörens. „Wer Ohren hat zu hören, der höre“, sagt schon die Bibel. Allzu häufig ist unsere Devise aber auch: „Zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus!“ Das ist eine unserer leichtesten Übungen: Wir werden ja auch ständig genervt. Wollen einfach mal unsere Ruhe haben. Abschalten. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Manchmal ist das wirklich nur Selbstschutz – und der muss auch sein. – Oft erlebe ich aber auch Menschen, die sich tatsächlich über jede Kleinigkeit auseinandersetzen müssen und sich damit ihr Leben und das ihrer Mitmenschen schwer machen. Es ist durchaus menschlich, verstanden werden zu wollen, aber manchmal lässt uns das unnötig leiden. Zur Kunst des Streitens gehört eben auch die Fähigkeit, einschätzen zu können, wann eine Auseinandersetzung tatsächlich der Mühe wert ist. Wann sie unnötig Energie kostet. Wie eine Legende beschreibt, ist diese Fähigkeit erlernbar:

 

Der chinesische Weise Konfuzius sah, wie sich einer seiner Schüler mit einer Biene über die Anzahl der Jahreszeiten stritt. „Es gibt vier Jahreszeiten“ versuchte der Schüler der Biene zu erklären. „Es gibt nur drei Jahreszeiten“, sagte diese. „Nein, es sind vier!“ – „Blödsinn, es sind drei!“. So ging es ping-pong-mäßig einige Zeit hin und her. Konfuzius spürte, wie die Wut in seinem Schüler aufstieg und mischte sich ein: „Meine Dame, Sie haben vollkommen recht, es gibt nur drei Jahreszeiten. Mein Schüler ist noch unwissend. Ich werde ihn eines Besseren lehren.“ – Wohlgemut flog die Biene davon. Der Schüler explodierte: „Frühling, Sommer, Herbst und Winter! Diese Jahreszeiten kennst du doch auch, lieber Meister! Warum hast du mich vor der Biene lächerlich gemacht?“ – „Mein Lieber, du weißt doch, dass Insekten wegen der Kälte im Herbst sterben und folglich den Winter nicht kennen. Wie kannst du darauf bestehen wollen, dass es für die Biene eine vierte Jahreszeit gibt?“ Und Konfuzius fügte hinzu: „ Mir war es wichtig, euren Streit rasch zu beenden, weil ich spürte, wie er dich schmerzlich berührt hat. Mir ist lieber, du sparst dir deine Energie für interessantere Streitgespräche auf.“ –

 

„Scusi, ich glaube, ich habe ihnen den falschen Cappuccino gebracht!“ unterbrach die freundliche Stimme der jungen Bedienung meine Gedanken . „Ich bringe ihnen gleich ihren Cappuccino mit Sahne!“ Und auf einmal war die Welt für mich wieder in Ordnung. Einfach so. - In diesem Sinne wünsche ich Dir und Euch ein gesegnetes Wochenende!

 

 Alles Liebe,

Gert Holle

 

 

 

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