Vergoldete Bruchlinien

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Es tat einen dumpfen Schlag. Der Ball hatte mich um Haaresbreite verfehlt und die Glaskaraffe vom Wohnzimmerschrank zu Boden gerissen. Mein Bruder stand bleich in der Zimmerecke. Ich hob die Karaffe auf. „Fast nichts passiert“, rief ich ihm erleichtert zu. Doch der Glasstopfen war entzwei. In Gedanken sah ich schon das entsetzte Gesicht unserer Mutter vor mir. Die Tränen, die unweigerlich fließen würden. Das gute Erbstück ihrer Mutter, die vor nicht einmal sechs Monaten bei uns in diesem Zimmer gestorben war, zerdeppert. Was würde das für ein Theater nach sich ziehen ... – Nein, dazu durfte es erst gar nicht kommen. Wir waren ja geübte Meister im Reparieren und Vertuschen solcher Schäden. Was hatten wir nicht schon alles wieder gekittet. Hier schien der Fall zwar heikel, aber nicht unlösbar. Während mein Bruder weiterhin starr in der Ecke kauerte, eilte ich zur Schublade, die uns schon so manches Mal aus der Patsche geholfen hatte. Besser gesagt: ihr Inhalt. Mit dem Spezialkleber in der Hand kehrte ich zum „Unfallort“ zurück. Und im Nu hatten wir die Bruchstücke wieder zusammengefügt. Wir atmeten tief durch. Natürlich war die Bruchkante noch zu sehen – aber wenn der Stopfen erst einmal wieder in der Karaffe steckte … Zumindest würde es nicht gleich auffallen. Und wenn dann erst einmal Gras drüber gewachsen wäre - . Ja, wenn …

 

Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir gar nicht allzu lange danach aufgeflogen waren. Wir kamen aus der Schule und kaum saßen wir am Esstisch, hielt meine Mutter wortlos und mit versteinerter Miene den geklebten Glasstopfen hoch. Leugnen war zwecklos, die Schuld auf andere schieben war nicht unser Ding. Ja, es war dumm und wir hätten es gleich sagen sollen. Nichts, worauf wir stolz sein konnten. Wir redeten und redeten, während meine Mutter schwieg. „Besser hätte ich es auch nicht hinbekommen“, wurden wir schließlich unterbrochen. Und dann fing meine Mutter an zu lachen. „Ich konnte das Ding sowieso nicht leiden und hätte es sicherlich bald entfernt. Aber nun soll es stehen bleiben und euch daran erinnern, dass Brüche und Risse im Leben wichtig sind und dass sie oftmals nicht das Ende bedeuten, dass sie vorzugeben scheinen. Mit diesem Riss im Stopfen ist die Karaffe zu etwas Einzigartigem geworden, ein Unikat.“

 

 

 

Als Kinder haben wir vielleicht alle einmal davon geträumt, irgendwann ein gutes, ein perfektes Leben zu führen: mit einem erfüllenden Beruf, einer glückliche Familie, mit tollen Freunde. Doch spätestens als Erwachsene mussten wir feine Risse wahrnehmen: Träume schwanden, brachen durch irgendein Ereignis entzwei. Wie der Glasstopfen. Und dann versuchten wir zu kaschieren, dass unser Leben nicht perfekt ist. Wir hielten eine Fassade aufrecht. Vielleicht, weil unsere Leistungsgesellschaft Druck auf uns ausübt. Doch was wäre, wenn wir die Narben, die uns das Leben zugefügt hat, nicht weiter verstecken müssten? Wenn unser vermeintliches Scheitern keine Schwäche darstellte, sondern die Gelegenheit, einen neuen Blick auf das Leben zu gewinnen? Nicht gekittet oder geklebt. Sondern: einzigartig. Einzigartig in den Rissen, den Bruchstellen. Einzigartig im liebevollen Umgang mit diesen Rissen.

 

Vielleicht bleiben die Scherben auch manchmal einfach das, was sie sind: Scherben. Eben nicht zu kitten. Dann bleibt ein Schmerz oder eine tiefe Verletzung. Oder ein Sprung in der Schüssel – im übertragenen Sinne. Manchmal schwer zu ertragen, aber einzigartig. Tröstlich finde ich, dass es einen gibt, dem wir unsere Bruchstücke hinhalten dürfen. So wie ein Psalm uns zusagt: „Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.“

 

Im November werden wir am Ewigkeitssonntag der Menschen gedenken, die gestorben sind, die sich dennoch weiterhin in unserem Herzen befinden. Gerade wenn eine nahestehende Person stirbt, scheint etwas zu zerbrechen. Doch es muss nicht das Ende sein. In Japan gibt es eine traditionelle Art, zerbrochene Keramik zu reparieren. „Kintsugi“ heißt die Methode und bedeutet auf Deutsch „mit Gold reparieren“. Dabei ist man nicht so sehr darum bemüht, das alte, zerbrochene Gefäß wieder so herzustellen, als wäre es neu. Ganz im Gegenteil. Durch das in den Klebstoff eingestreute Gold sollen die Bruchlinien dauerhaft sichtbar werden. So entsteht aus Scherben, Klebepaste und Goldstaub ein einzigartiges, veredeltes Gefäß. Im wirklichen Leben geht es oft nicht um schnelle Reparatur, nicht ums „Scherben-des Lebens-mal-schnell-kitten. Denn Vieles verheilt eben nicht einfach mal im Handumdrehen. Wenn das Leben auseinanderbricht, wenn wir Verluste oder schmerzhafte Krisen erleben, geht es um so viel mehr: Um unsere Gemeinschaft. Trost, Fürsorge, Nächstenliebe, Gebet füreinander in Verbundenheit. Vielleicht können wir im Füreinander-Dasein unsere menschlichen Bruchlinien veredeln und unseren Schmerz einbinden, die Scherben des alten Lebens auflesen und daraus ein neues Leben erschaffen. In diesem Sinne können wir im nächsten Monat unserer Verstorbenen gedenken, ihre Namen nennen. Und wir können als Symbol der Hoffnung Kerzen anzünden und unsere Lieben Gott anvertrauen und ihm unsere Trauer ans Herz legen. – Ich wünsche Dir / Euch ein gesegnetes Wochenende.

 

 

 

Gert Holle, Herausgeber www.glaubeaktuell.net

 

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