Gott ist barmherzig

Foto: Andrea Stevens / Martin Vorländer - Quelle: FUNDUS
Foto: Andrea Stevens / Martin Vorländer - Quelle: FUNDUS

Von Gert Holle

 

Die Gefühle, die eine Mutter empfindet, die ihr Neugeborenes zum ersten Mal in den Händen hält, kommen der eigentlichen Bedeutung des Begriffs 'Barmherzigkeit' im Sinne von 'zärtlichem Erbarmen' am nächsten. So lässt sich auch das Verhältnis des himmlischen Vaters zu seinen Kindern am besten beschreiben. Gott als Vater, Gott als Mutter – es läuft auf dasselbe hinaus, wenn Jesus Im Lukasevangelium spricht: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Die Menschen umdrängen ihn. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Gründen: Weil sie neugierig sind. Weil die anderen auch hingehen. Weil sie gehört haben, dass dort ein Heiler ist, der noch heilt, wo andere längst aufgegeben haben. „Denn es ging eine Kraft von ihm aus“, schreibt Lukas, „und er heilte sie alle.“ Sie kommen, um das mit eigenen Augen zu sehen. „Wer Jesus begegnet, erfährt Heil und Rettung im Hier und Jetzt“, das haben sie gehört. Hoffnung macht sich breit unter ihnen. Und was erfahren sie? „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist!“, ruft er ihnen zu, will sie gleichsam aus ihrem Dornröschenschlaf aufwecken. „Gott ist barmherzig und so sollt auch ihr sein. Gott ist groß- und weitherzig und erbarmt sich seiner Kinder. Gottes Barmherzigkeit sucht tagtäglich nach der Entsprechung unter den Menschen.“

 

„Gott ist barmherzig“, bekennen Juden, Christen und Muslime auch heute noch – zweitausend Jahre danach. Aber: Wer ist schon Gott für die vielen in einer sich rasant verändernden Gesellschaft? Mit Solidarität wissen die Menschen etwas anzufangen, aber mit einer Forderung nach Barmherzigkeit? „Black lives matter“, „Me too“ – das sind die Weckrufe unserer Tage. Dass „Seid barmherzig!” eine Rolle spielen könnte? Eher unwahrscheinlich. Auch nicht, wenn man verenglischt „Mercy matters“ rufen würde. - Lukas erzählt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, ein Sinnbild barmherzigen Handelns. Jeder mag es kennen. Der Samariter lässt sich anrühren von der Not und dem Leid eines fremden Menschen und wird sogleich aktiv. Er lässt sich unterbrechen in seinem Alltagsfluss. Ist da, wo er gebraucht wird. Da orientiert er sich auch nicht an denen, die vermeintlich Besseres zu tun haben. - An wie vielen Menschen haste ich tagtäglich vorbei? Auch an Menschen in Not. Auf dem Lebensweg Gestrauchelte, ausgeraubt, nackt, unfähig aufzustehen. Im Jahresrückblick sah ich Bilder, weit weg und doch so nah, die einmal mehr aufzeigten, wie es mit unserer Barmherzigkeit tatsächlich steht: Tausende Bewohner lebten in Moria, im lebensunwirtlichstem Flüchtlingslager Europas, unter unmenschlichsten Bedingungen - bis am Abend des 8. September 2020 mehrere Brände das Lager verwüsteten und unbewohnbar machten. Im Mittelmeer ertrinken Menschen. Die Kinderarmut in Deutschland nimmt zu. – „Von dreien gehen zwei vorbei“, erzählt Lukas. Wann beeile ich mich, wann bleibe ich stehen? Wann lasse ich mich aufhalten? Von wem? Und was geschieht, wenn ich stehen bleibe? Wann erweise ich mich als barmherzig? Warum blättere ich die Seiten der Zeitung einfach weiter, schalte die Nachrichten aus? Wann und wieso sehe ich weg?

 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“. Dieser Vers, der als Leitspruch für das Jahr 2021 gleichsam eine Handlungsanweisung für jeden Christenmenschen darstellen könnte, fragt danach, welche Rolle Gott in unserem Leben spielt. Fühlen wir wie Gott mit den anderen Menschen, mit unseren Nächsten oder lässt uns menschliches Elend weitgehend unberührt? Hat Gott das Sagen in unserer Welt oder orientieren wir uns an Anderem? „Gott ist barmherzig“, behauptet Jesus. Maßgeblich sei allein Gottes leidenschaftliche Barmherzigkeit, die uns durch seine Gnade und Treue einfach so und „unverdient“ widerfährt. Ist das nicht ein ungeheurer Schatz, der uns gegeben ist? Und was machen wir damit? Was tun wir mit der unzerstörbaren Barmherzigkeit Gottes, die, wenn wir sie nur verstünden, die Welt verändern könnte? - Echtes Mitgefühl fordert zum Handeln heraus, und Gott selbst gibt dafür den Anstoß. Das ist die Kernbotschaft der Jahreslosung für 2021: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6,36). Damit lädt er uns ein, unser Leben verändern zu lassen. Ich fühle mich gefordert und möchte immer wieder neu erkennen, wann, wo und wie ich „Nächster“ sein kann. Ich fühle mich motiviert, zu handeln, mich zu bewegen. Barmherzigkeit ist eine Notwendigkeit, gerade in unserer Zeit der Pandemie. Weil mir in Jesus Gottes Barmherzigkeit begegnet, kann ich es auch aushalten, dass ich so Vieles von Gott nicht verstehe. Wie gut, dass auch Gott mich mit meinen Fragen und Zweifeln aushält und ich ihn Vater nennen darf. Ich bete, dass seine Nähe und Liebe mich verändern und zu einem barmherzigen Menschen machen. Dass Gott eingreift, wo ich, bewusst oder unbewusst, mich selbst oder andere zum Maßstab meines Handelns mache. Gott möge mir Beherztheit und Mut schenken, da wach und präsent zu sein, wo ich gefordert bin. Ohne krampfhaften Druck, die Welt, und sei es auch nur meine kleine Welt, retten zu müssen. Es darf mich jedoch nicht länger kalt lassen, wenn jemand ins Abseits gerät, egal aus welchem Grund. - Mit diesen Gedanken wünsche ich Dir / Euch einen gesegneten Jahresausklang und ein friedvolles Jahr 2021. - Alles Liebe, Gert

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