Wenn es ernst wird ...

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Von Gert Holle

 

„Graue Nebel wallen in den Gassen der Stadt. Herbstwinde wehen, bunte Blätter fallen.“ Diese Worte hatte ich vor fünfundzwanzig Jahren Schülerinnen und Schüler einer Grundschulklasse der Jahrgangsstufe 2 im Rahmen des Sachkundeunterrichts in einem Lied geschenkt. Was ein bisschen ernst und düster daherkam, bereitete den Kindern jedoch große Freude. Nicht zuletzt der Refrain mit „Huhuhuhuhuhuhuhu“ hatte es ihnen angetan - weil es ein bisschen Gespensteratmosphäre in den Schulalltag zauberte. „Herbstwinde wehen, Fensterläden klappern, bunte Drachen steigen“ - das mochten sie. Doch Herbstwinde können auch in so manchen Stunden ziemlich kräftig wehen und dann unsere Landschaft verändern. Und mit den stürmischeren Winden sind auch die Katastrophen gerade in den letzten Jahren häufiger geworden. Das Unglück kommt näher - so vermitteln es uns die Bilder und Berichte in den Medien zumindest. Es wird ernst. Überschwemmungen, Tornados - aber auch, wie aktuell auf der Urlaubsinsel La Palma, ein Vulkanausbruch - die Natur scheint verrückt zu spielen. Aber vielleicht fühlten wir uns auch nur allzu lange als „Herren der Schöpfung“? Meinten, alles „in den Griff zu bekommen“ und uns die Romantik leisten zu können: „Herbstwinde wehen, über den Dächern der Stadt, Herbstwinde wehen, bunte Drachen steigen.“ –

 

Nun scheint es aber wirklich bitterer Ernst zu sein und bunte Drachen steigen nur noch selten – wenn überhaupt. Wir erfahren, wie klein wir doch sind. Wie hilflos. Ausgeliefert. Dabei sind wir selber mitschuldig. Die „Warn-Zeichen der Zeit“ haben die meisten unter uns nicht rechtzeitig erkannt. Oder verträumt. „Macht euch die Erde untertan“ lesen wir in der Bibel. Sie meint damit: mit dieser Welt verantwortungsvoll umgehen. Ohne „Herren-Mentalität“. Damit auch in Zukunft noch Winde wehen, in denen wir bunte Drachen steigen lassen können – mit den Kindern oder Enkeln. Und damit neben dem Ernst um die Lage unserer Erde noch genug Raum bleibt für ein Lächeln.

 

„Mit Ernst, o Menschenkinder …“, heißt es in Lied Nr. 10 des evangelischen Gesangbuchs – ein Adventslied. Und – gleichsam, als ob sie auf etwas warten würden, laufen ja auch viele mittlerweile herum. Mit verhärteter Miene auf der Straße. Im Büro. Zu Hause. In der Kirche. Mit geschäftiger Verbissenheit. Als ob sie bei allem Ernst der Lage alle Sorge dieser Welt tragen müssten. Wie jener Vogel, der auf dem Rücken lag, die Beine starr gegen den Himmel gestreckt, um ihn zu stützen. Ein Blatt fiel leise raschelnd zu Boden. Erschrocken flog der Vogel davon. Der Himmel aber blieb an seinem Platz. – Um das richtige Maß, die richtigen Maßstäbe geht es also. Wir alle sind einmalig und wichtig, haben Verantwortung – für uns und unsere Erde und unsere Nachkommen. Aber wir sollten uns selbst weniger ernst nehmen. Wir müssen nicht perfekt sein, uns nichts gegenseitig vormachen. Wir dürfen Angst zeigen oder Unsicherheit. Auch mal Fehler machen. Gott sei Dank! Deshalb haben ja Engel Flügel: Weil sie sich leichtnehmen. Wenn wir es genauso tun, dann können wir auch über uns selbst lächeln. Auch dem oder der Anderen mit einem Lächeln begegnen. Vielleicht lächelt er oder sie ja zurück. - „Herbstwinde wehen, Fensterläden klappern, bunte Drachen steigen – huhuhuhuhuhuhuhu …!“ In diesem Sinne wünsche ich Dir / Ihnen ein gesegnetes Wochenende und besonders den Kindern weiterhin schöne Herbstferien. - Alles Liebe, Gert (Video erstellt mit Unterstützung vom canva.com / Worte & Musik von Gert Holle / Mörfelden-Walldorf im Herbst 1996)

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