DER DENKANSTOSS

Kein Ponyhof

Foto: Heidrun Gemähling
Foto: Heidrun Gemähling

Von Friedrich Fuchs

 

 

 

Tine wollte wissen, ob ich die Predigt für die Konfirmation schon fertig habe. Geht so, sagte ich. Also noch nicht, konterte sie und fragte, worüber ich denn predigen müsse. Das Thema der Konfirmationspredigt ist traditionell die Warnung vor der Welt. Früher machte das mehr Sinn. Gleich nach der Konfirmation wurde für die meisten das Leben noch ein ganzes Stück ernster. Heutzutage ändert sich ja erst einmal so gut wie nichts. Tine schlug vor, ich könnte zur Abwechslung vor der Kirche warnen. Dafür gäbe es doch einige gute Gründe.

 

 

 

Vor einiger Zeit hat sich Andreas ziemlich kritisch über die Kirche geäußert. Er beobachtet scharf. Ihm sei aufgefallen, dass es irgendwann eine deutliche Kehre in Botschaft und Verkündigung gegeben haben müsse. Früher sei es doch sehr eindrücklich um die Frage nach Leben und Tod gegangen. Heute wohl eher nicht mehr so, sagt er. Es gäbe da auch nicht viele Unterschiede zwischen evangelischen Gemeindeboten und katholischen Bistums-News. Die Themen und Angebote ließen nicht ahnen, dass es in der christlichen Religion um letzte, unbedingte, allerwichtigste Angelegenheiten gehen könnte.

 

 

 

Ich bin dieser Kritik nachgegangen. Bei jeder Kirchenbesichtigung achte ich darauf. Die Skulpturen und Bilder in alten Kirchen handeln tatsächlich in aller Regel von der Brisanz des Glaubens. Über vielen Eingangsportalen ist ein Weltgericht zu sehen: der wiedergekommene Christus auf dem Richterstuhl, die Gräberöffnung, die Selektion, die himmlische Versorgung der Erlösten, die höllische Entsorgung der Verdammten. Im Innern zeigen Gemälde diverse Qualen, die Menschen wegen ihres Glaubens ertragen haben. Biblische Geschichten handeln von existentiellen Hochdrucksituationen. Und der Gottessohn am Kreuz sowieso.

 

 

 

Meine kleine Gemeindebriefsammlung hat überwiegend sanftere Inhalte. Die Krabbelstube, der Bastelkreis für bis Zwölfjährige, der Ausflug des Frauenteams, der Pilgertag für Männer, der Kaffeenachmittag für Senioren. Es ist gut, lebensdienlich, gemeinschaftfördernd, wenn Menschen miteinander ins Gespräch kommen, sich austauschen, zusammen etwas tun. Doch ich kann Andreas verstehen, wenn er sagt, dass die Lebensbegleitung zwar wichtig wäre, die christliche Religion aber ganz anders angetreten sei. Willst du denn, dass ich die Schrecken der Hölle predige, fragte ich ihn. Nein, das will er natürlich nicht.

 

 

 

Das Leben ist kein Ponyhof. Diesen Spruch höre ich in der letzten Zeit immer öfter. Ich habe ihn gegoogelt: So heißt eine CD der Punkrockgruppe Die Schröders von 2001. Die Kirche ist auch kein Ponyhof. So könnte ich eine warnende Rede beginnen. Ich muss dazu nicht die alten Höllenbilder bemühen. Die täglichen Nachrichten bieten Höllenschrecken übergenug. Es geht um Leben und Tod! Der Anspruch und das Versprechen meiner Religion bestehen darin, dass sie eine „gute Botschaft“ dagegen setzt. Ihre Geschichten handeln von Machtlosigkeit und Qualen, von mühsamen Lebenswanderungen und höchsten Gefährdungen. Der Gott in diesen Geschichten ist oft nicht sanft – aber er rettet. Das möchte ich sagen.

 

 

 

Ich habe noch nicht die richtigen Worte. Die Notizen lege ich erst einmal weg. Die Predigt mit der Warnung vor der Kirche wird bis auf weiteres ungehalten bleiben. Ich danke Tine und Andreas für ihre Hilfe. Im Übrigen steht jetzt der Himmelfahrtstag vor der Tür. Nach alter Tradition ist es der Tag, an dem Jesus Christus alle Macht im Himmel und auf Erden bekam.

 

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Friedrich Fuchs

 

Pfarrer in Aulendiebach, Rohrbach und Wolf, 24.05.2017