DER DENKANSTOSS

Blind 

Foto: Archiv
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Wär’ ich blind

könnt’ ich nicht sehen
wie Kinder springen, hüpfen, gehen
wie Schwalben segeln über Dächer
wie feine Damen halten Fächer
wie Blätter aus den Knospen drängen
wie Kirschen an den Bäumen hängen
wie Blumen stehen in bunter Pracht
vom großen Schöpfer schön gemacht.

Wär’ ich blind

könnt’ ich nicht sehen
wie die Kleinen lernen Stehen
wie sich Katzen waschen, lecken
wie sich Turner recken, strecken
wie die Sterne funkeln bei Nacht
wie der Hund das Haus bewacht
wie Schneeflocken tanzen Reigen
wie im Sturm sich Bäume neigen
wie die Vögel treiben im Wind
wie geboren wird ein Kind
wie die Menschen stehen Schlange
nach Wasser und Brot – stundenlange.

Wär' ich blind

könnt' ich nicht sehen
wie bei Wind die Haare wehen
wie die Sonne strahlt hernieder
wie geschlossen sind die Lider
wie die Wolken ziehen weiter
wie am Hausdach steht die Leiter
wie Kinder mit den Bällen spielen
wie Kanonen auf Menschen zielen
wie die Mutter wiegt ihr Kind
wie die Mäuse laufen geschwind
wie der Hase spitzt die Ohren
wie es aussieht wenn das Eis gefroren
wie im Wasser Leute baden
wie beim Stricken läuft der Faden
wie Hunde laufen um die Ecke
wie so langsam kriecht'ne Schnecke.

So könnt’ es lange weitergehen,
was Blinde alles könn’n nicht sehen.
Wer Augen hat
der möge es schätzen
und nicht blind durch's Leben hetzen.


Autorin: Heidrun Gemähling ; Foto: Archiv - 25.11.2015