Glücklich, geliebt und anerkannt 

Foto: Archiv
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Nicht anerkannt ... ungeliebt … allein mit den Tränen – nur weil man anders ist. Nicht dem Bild entspricht, das sich andere von einem gemacht haben. Nicht angepasst. Deshalb vielleicht auch unbequem. Und es stört den Alltag, den die Anderen „normal“ nennen. Schlimmer geht’s nimmer. Sich verlassen zu fühlen – von Gott und der Welt! Wie „Borka“, die Wildgans.

Herr und Frau Platschmann, das Wildgänsepaar bekommen Nachwuchs: Hulda, Jonathan, Kasimir, Thusnelda, Aurelia. Und dann ist da noch das jüngste Geschwisterchen Borka. Die kleine Gans sieht anders aus als der Rest der Familie Platschmann: Sie hat keine Federn. „Ungewöhnlich“, sagt der Gänsedoktor, „aber nicht Besorgnis erregend. Bis auf die fehlenden Federn ist sie ganz gesund.“ Die Gänsemama strickt flugs auf Rezept für Borka eine warme Wolljacke aus unauffälliger grauer Wolle. Eigentlich könnte damit alles in Ordnung sein – aber die kleine Gans schämt sich, wird von den gefiederten Artgenossen ausgelacht. Mit ihrem Strickpulli kann sie von der schneidig-sportlichen Gänselehrerin weder Fliegen noch Schwimmen lernen. Alle versuchen, sie den anderen anzugleichen. Vergebens. Als der Winter naht, kommt es, wie es kommen muss: Die gen Süden aufbrechende Familie lässt Borka im herbstlich verregneten England zurück. Niemand merkt, dass sie fehlt. Als die Gänsefamilie am grauen Himmel verschwunden ist, rollen dicke Tränen über Borkas Schnabel. Was sollte sie jetzt nur tun? – Es beginnt eine aufregende Zeit, als sie sich wagemutig an Bord eines Schiffes begibt. Schnell freundet sie sich mit Hund Mingo und der Besatzung an. Und schließlich findet die federlose Wildgans nach großer Fahrt in Hamburg inmitten eines Tierparks unter einer munteren Schar bunter Vögel wahre Freunde. Und endlich auch ein neues Zuhause, wo sie ohne Vorurteile aufgenommen wird.

Die Geschichte, die der damals völlig unbekannte Illustrator und Autor John Burningham vor etwas mehr als 50 Jahren in England schrieb, bewegt auch heute noch junge und ältere Leser gleichermaßen. Die Geschichte der kleinen Wildgans Borka, die ohne Federkleid auf die Welt kommt, nimmt einen mit. Sie schickt einen von Hoch zu Tief und wieder zurück auf eine Gefühls-Achterbahn. Sie ist manchmal heiter ironisch und im nächsten Moment zerreißt sie einem das Herz, um es gleich wieder zu erwärmen. Und sie hat eine wichtige Botschaft: In ihrem neuen Zuhause fern der alten Heimat findet niemand etwas dabei, dass Borka anders aussieht. Hier lacht niemand sie aus. Alle sind gut zu ihr. Und das Wunder geschieht: sie lernt sogar schwimmen! Borka ist glücklich … geliebt … anerkannt. An einem Ort, wo sich Himmel und Erde begegnen.

Wir erahnen: Der Ort, an dem sich Himmel und Erde begegnen, wo Gott uns greifbar nahekommt, befindet sich immer dort, wo Menschen sich mit Respekt, mit Achtung und Liebe begegnen. Wo das Anderssein nicht zur Ablehnung führt, sondern zu einem liebevollen Miteinander und Verständnis für einander. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Wochenende. 


Autor: Gert Holle; Foto: Archiv - 11.7.2015