DER DENKANSTOSS

Wie ein rollender Stein

Foto: Archiv
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„Wie fühlt es sich an, ganz alleine zu sein?
So ganz ohne Zuhause?
Als eine vollkommen Unbekannte?
Als eine Entwurzelte?“


50 Jahre ist es her, dass diese Zeilen in englischer Originalfassung aufgeschrieben wurden. Während einer Englandtour im Mai 1965 hatte der damals 24-jährige Bob Dylan die Geschichte eines verwöhnten Mädchens aus wohl reichem Hause in Gedichtform zu Papier gebracht und kurz darauf als Lied vertont. Sie hat kein gutes Bild von Herumtreibern und Obdachlosen. Als sie sich jedoch selbst auf der Straße wiederfindet, muss sie sich fast sarkastisch fragen lassen: „Wie fühlt es sich an, ganz alleine zu sein? So ganz ohne Zuhause?“ Der umgangssprachliche Begriff „Rolling Stone“ für Herumtreiber gab dem Song seinen Titel. Ein Mensch ohne Heimatverbundenheit, unstet, rastlos. Eine entwurzelte Person, die es vermeidet, dauerhaft einen Beruf oder einen gesellschaftlich anerkannten Lebensstil anzunehmen, und deshalb als leistungsunfähig und unzuverlässig charakterisiert wird.

* „Du hast über jeden gelacht, der so herumlungerte.
Nun bist du nicht mehr so vorlaut.
Nun scheinst du nicht mehr zu stolz zu sein,
Dir dein nächstes Essen zusammenschnorren zu müssen.
Wie fühlt sich das an, ganz alleine zu sein?
So ganz ohne Zuhause?
Als eine vollkommen Unbekannte?
Als eine Entwurzelte?
Als ein rollender Stein.“ 


„Like a Rolling Stone“ wurde am 15. Juli 1965 veröffentlicht und gilt als einer der bislang einflussreichsten Rocksongs. 2004 wurde er von der Musikfachzeitschrift „Rolling Stone Magazine“ zum besten Song aller Zeiten gewählt. Der Titel bezieht sich auf ein englisches Sprichwort: „A rolling stone gathers no moss – ein rollender Stein setzt kein Moos an.“ Eine Auslegung dieses bildhaften Wortes sagt: Ein Mensch, der rastlos umherirrt, keine Bindungen eingeht, sich nicht niederlässt, wird selten zufrieden sein. Ihm fehlt für eine gedeihliche Entwicklung die Verwurzelung. Wer stets in Bewegung bleibt, der meidet Verantwortung und Fürsorgepflicht, erscheint als unzuverlässig. So wie das verwöhnte Mädchen in dem weltberühmten Lied von Bob Dylan. „Wie fühlt es sich an, ganz allein zu sein?“

Wir wissen nicht, was das Mädchen geantwortet hat. Ob es noch die Kurve gekriegt hat. Ob es vielleicht dem großen Stein begegnet ist, der dem einen oder anderen von uns manchmal mitten im Weg liegt. Der Stein, um den wir einen Bogen machen. Ich stelle mir vor, wie das von ihrem Weg abgekommene Mädchen stehen bleibt und fragt: „Was machst Du da, großer Stein?“ Und er antwortet: „Ich liege auf der Erde“. Sie fragt weiter: „Und was ist, wenn die Nacht kommt, was tust du dann?“ „Dann liege ich auch da.“ – „Armer Stein“, sagt das Mädchen und streichelt den Stein. „Arm bin ich nicht“, ist die Antwort. „Ich bin genauso gerne Stein, wie Du ein verwöhntes Mädchen bist. Ich liege gerne still. Auch wenn du das nicht verstehst. Du springst doch ebenfalls gerne herum! Ich friere auch nicht in der Nacht, wenn es kalt ist. Ich bin wie ich bin. Deshalb musst du mich nicht bedauern. Jeder kann zu sich selber „JA“ sagen. Und zu den Anderen. Auch, wenn’s schwer fällt. Lass dich lieben, wie du bist, dann bist du nicht nur zufrieden, sondern kannst auch fröhlich sein und Wurzeln schlagen. Dann wird dein Licht für Andere leuchten.“ In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Wochenende und eine erholsame Ferienzeit.


Autor: Gert Holle; Foto: Archiv - 25.7.2015