DER DENKANSTOSS

Zwei Geschichten vom Jenseits 

Foto: Archiv
Foto: Archiv

Die alte Marie Rosa Lietzmann will den jungen Pfarrer nicht an ihrem Sterbebett. Er soll nicht geholt werden, wenn es einmal „drauf und dran geht“ bei ihr. Das verfügt sie gegenüber ihrer Schwester, die ihrerseits die Angelegenheit wegwischt und behauptet, sie werde nicht sterben. Der Pfarrer hatte Marie Rosa an einem ihrer Geburtstage-nach-achtzig besucht. „Die allerherzlichsten Glück- und Segenswünsche, Gesundheit und Lebenskraft und Freude weiterhin“ hatte er gesagt. Von Anfang an ließ sie keinen Zweifel an ihrer Einstellung: „Der Geburtstag fällt aus!“ Ihr Alter mache ihr keineswegs Spaß. Der Pfarrer ging darauf nicht ein. Sein Anliegen für die Jubilarin war Lebensfreude im Hier und Jetzt: „Schöner Tag heute, herrlicher Sonnenschein, die Menschen sind ganz glücklich, die Schwimmbäder voll, die Fußgängerzone …“ Dann zählte er auf, was Marie Rosa alles noch (!) kann: „für sich alleine sorgen, Geige spielen, den Garten genießen, sich an der Sonne erfreuen, nicht wie viele Menschen ihres Alters im Pflegeheim im Bett liegen müssen“. Schließlich kamen Vorschläge: „öfter mal heraus, in die Fußgängerzone, auf die Terrasse im Park-Café.“ Marie Rosa bremste ihn aus. Ihrer Aufforderung kam er nicht nach: „Erzählen Sie mir was vom Jenseits!“

Die Erzählung von Marie Rosa und dem Pfarrer stammt von Gabriele Wohmann (1993). In einer Besprechung las ich, hier würden zwei unterschiedliche Konzepte aufeinander prallen: Lebensmut und Sterbensmut. Ach wie nett, fiel mir dazu ein. Die Geschichte geht mir ehrlich gesagt ziemlich unter die Haut. Der Pfarrer will Lebensmutmacher sein und macht angesichts der alten Dame nur eine schlechte Figur. Das kenne ich von mir selbst. Dabei wurde doch in der Kirche jahrhundertelang vom Jenseits geredet. Dieses Reden ist nicht verstummt, aber es ist leise geworden und höchst verschwommen. Gründe dafür könnte ich nennen. Vermutlich wäre meine Aufzählung unvollkommen. Vielleicht versuche ich mich ein andermal daran. Ich frage mich jetzt: Wie würdest du reagieren, wenn dich jemand bäte, vom Jenseits zu erzählen?

Kennen Sie den Mönch von Heisterbach? Was ihm geschah, wurde während des Mittelalters in ganz Europa immer wieder einmal auf den Kanzeln erzählt. Im deutschen Raum spielt die Geschichte im Rheinland. Ein Mönch ging in einer freien Stunde außerhalb des Klosters im Wald spazieren. Er bewegte dies und das im Herzen. Da bemerkte er ein Vögelchen, das von Ast zu Ast, von Baum zu Baum flog. Dabei sang es eine wunderschöne Melodie. Der Mönch war davon wie gebannt. Er beobachtete. Er lauschte. Er folgte dem Vögelchen durchs Gehölz. So ging es eine ganze Weile. Schließlich flog das Vögelchen davon, und der Mönch machte sich auf den Rückweg. Von weitem kamen ihm die Gebäude des Klosters seltsam verändert vor. Der Bruder Pförtner erkannte ihn nicht; und er selbst konnte sich nicht an ihn erinnern. Der Abt wurde geholt. Jetzt standen sich zwei völlig fremde Männer gegenüber. Das Rätsel blieb ungelöst. Nur in der Chronik gab es einen Hinweis. Etwa 300 Jahre bevor der fremde Mönch im Kloster erschien und behauptete, er gehöre hierher, sei ein Bruder von Spaziergang nicht mehr zurückgekehrt. Alles Suchen nach ihm sei vergeblich gewesen.

Das ist „meine“ Geschichte vom Jenseits. Der spazierende Bruder war glücklich. Das Vöglein hatte ihn sich selbst vergessen lassen; und doch ist er geblieben. Die Zeit war nicht da. So ist es wohl im Jenseits. Es ist keine unendliche Zeit; eher ein glücklicher Zustand ohne Zeit. Das Ende der Zeit sozusagen. Das ist unvorstellbar, aber kein Grund zum Schweigen. Vielleicht würde mir Marie Rosa den letzten Besuch gestatten.



Autor: Friedrich Fuchs (Pfarrer in Aulendiebach, Rohrbach und Wolf): Foto: Archiv - 28.11.2015