7.07.2017


Modi reist zu G20: Gesicht vertriebener Frau auf indischer Botschaft in Berlin

Protest-Aktion für indigene Rechte vor der indischen Botschaft in Berlin. Indiens Premierminister Modi reist heute zum G20-Gipfel nach Deutschland. © Survival
Protest-Aktion für indigene Rechte vor der indischen Botschaft in Berlin. Indiens Premierminister Modi reist heute zum G20-Gipfel nach Deutschland. © Survival

 

(London/si) - Aktivist*innen von Survival International haben das Gesicht einer indigenen Frau auf die indische Botschaft in Berlin projiziert. Die Frau wurde illegal von ihrem angestammten Land vertrieben. Damit schickt die Menschenrechtsorganisation einen Aufruf an die indische Regierung, die indigene Völker im Namen des Naturschutzes aus Tiger-Reservaten vertreibt.

 

Indiens Premierminister Narendra Modi reist heute zum G20-Gipfel nach Deutschland.

 

Die Aktivist*innen beleuchten mit der Aktion die Notlage von Zehntausenden Indigenen in Indien, die illegal aus ihren Dörfern in Tiger-Schutzgebieten vertrieben werden – und ein Leben in Armut am Rande der indischen Mainstream-Gesellschaft fristen.

 

Indiens Nationale Tigerschutz-Behörde (NTCA) hatte erst kürzlich eine Anweisung erlassen, dass die Rechte indigener Völker in kritischen Tiger-Habitaten nicht anerkannt werden sollten. Die NTCA hat keine rechtliche Befugnis für einen solchen Schritt, der eine schwere Verletzung des Forest Rights Act darstellt. Der Forest Rights Act garantiert das Recht indigener Völker auf ihrem angestammten Land leben zu dürfen.

 

Die Frau, deren Gesicht auf der indischen Botschaft zu sehen war, stammt vom Volk der Baiga aus Zentralindien. Tausende Baiga wurden illegal aus ihren Wäldern vertrieben.

 

In der Vergangenheit wurden einige von ihnen in mangelhafte Umsiedlungslager gebracht. In letzter Zeit haben die Vertriebenen überhaupt kein Land und keine Hilfe mehr erhalten, um ein Leben außerhalb der Schutzgebiete aufzubauen. Viele Familien berichten, dass sie nur einen Bruchteil der Entschädigung erhalten haben, die ihnen versprochen wurde.

 

Vielen weiteren Gemeinden im ganzen Land drohen ähnliche Vertreibungen. Doch während indigene Völker vertrieben werden, sind zahlende Reisende in den Schutzgebieten willkommen; in einem Tiger-Reservat wurde kürzlich die Uran-Suche genehmigt.

 

Stephen Corry, Direktor von Survival International, sagte: „Modis Regierung führt die illegalen und unmenschlichen Vertreibungen indigener Völker aus Tiger-Schutzgebieten fort. Die Regierung will die Rechte indigener Völker ignorieren und lieber Bergbau und ‚Entwicklungs-Projekte’ auf ihrem Land umsetzen, welches die Gemeinden seit Generationen hüten. Das ist Betrug. Es ist Zeit, dass die indische Regierung aufhört, ihre Bürger*innen zu attackieren und stattdessen beginnt, sich an ihre eigenen Gesetze zu halten.“

 


Indien: Indigener Aktivist stirbt in Haft; sein Volk kritisiert Einschüchterungen

Bari Pidikaka, ein Dongria-Aktivist, ist in Polizeihaft gestorben, nachdem er 2015 festgenommen worden war. © Survival
Bari Pidikaka, ein Dongria-Aktivist, ist in Polizeihaft gestorben, nachdem er 2015 festgenommen worden war. © Survival

Der Anführer eines indigenen Volkes in Indien ist in Polizeigewahrsam gestorben. Sein Volk hatte weltweit für Schlagzeilen gesorgt, nachdem es einen David-gegen-Goliath-Kampf gegen ein britisches Bergbau-Unternehmen gewonnen hatte. Zuletzt hatte die Polizei eine brutale Einschüchterungs-Kampagnen gegen die indigenen Aktivist*innen begonnen.

Bari Pidikaka vom Volk der Dongria Kondh, wurde im Oktober 2015, während er von einem Protest zurückkehrte, festgenommen und inhaftiert. Er starb diese Woche in Haft.

Die Dongria aus Zentral-Indien berichten über systematische Einschüchterungen, Entführungen und unrechtmäßigen Festnahmen ihrer Anführer*innen durch die Polizei. Die Dongria behaupten, dass die Sicherheitskräfte im Interesse von Vedanta Resources handeln, ein in Großbritannien ansässiges Bergbau-Unternehmen.

Die lokale Polizei hatte auch Kuni Sikaka, eine 20-jährige Dongria-Aktivistin und Familienangehörige zweier prominenter Dongria-Sprecher festgenommen. Obwohl die Polizei keinen Haftbefehl hatte, wurde sie um Mitternacht aus ihrem Haus geschleppt.

Anschließend wurde sie vor Beamten und lokalen Medien als eine “kapitulierte Maoistin [Angehörige einer bewaffneten Widerstandsgruppe]” zur Schau gestellt, obwohl es dafür keine Beweise gibt.

Kuni Sikaka wurde festgenommen und vor den Medien zur Schau gestellt. Sie ist selbst Aktivistin und Familienangehörige zweier prominenter Dongria-Anführer. © Video Republic
Kuni Sikaka wurde festgenommen und vor den Medien zur Schau gestellt. Sie ist selbst Aktivistin und Familienangehörige zweier prominenter Dongria-Anführer. © Video Republic

Auch andere Dongria-Sprecher*innen haben brutale Einschüchterung erlebt. Dasuru Kadraka wurde ohne Verfahren für 12 Monte inhaftiert. Andere Dongria wurden geschlagen und mit Elektrokabeln gefoltert, um ihren Einsatz für ihre Rechte zu brechen.

Mit Unterstützung von lokalen Behörden hatte Vedanta versucht das indigene Volk dazu zu drängen, eine Bauxit-Mine auf ihrem angestammten Land in den Niyamgiri-Bergen zu akzeptieren. In einem historischen Referendum lehnte das Volk den Vorschlag 2013 jedoch einstimmig ab.

Viele Dongria wie Drimbilli (Foto) und Kuni werden systematisch festgenommen und als maoistische Guerilla beschuldigt, seit sie sich Vedantas Tagebau widersetzen. © Video Republic
Viele Dongria wie Drimbilli (Foto) und Kuni werden systematisch festgenommen und als maoistische Guerilla beschuldigt, seit sie sich Vedantas Tagebau widersetzen. © Video Republic

Aber die Dongria befürchten, dass die Bedrohung durch das Bergwerk bestehen bleibt, solange Vedantas Raffinerie am Fuß der Berge noch in Betrieb bleibt. Festgenomme Aktivist*innen erklärten, dass die Polizei sie aufgefordert habe, ihren Widerstand gegen die Mine aufzugeben.

In einem offenen Brief an den Präsidenten Indiens erklärten über 100 unabhängige indische Organisationen: “In den vergangenen 2 bis 3 Jahren wurden Jugendliche und Älteste der Dongria Kondh festgenommen, eingeschüchtert oder getötet. Einer hat Selbstmord begangen, nachdem er wiederholt Festnahmen und möglicherweise Folter durch Sicherheitskräfte erlebt hatte. In keinem dieser Fälle konnten sie Beweise dafür erbringen, dass die Betroffenen mit sogenannten Maoisten in Verbindung standen."

Vedanta Resources betreibt weiterhin eine Raffinerie am Fuß der Berge. Dies schürt die Sorge, dass Vedanta seine Pläne für ein Bergwerk in dem Gebiet noch nicht aufgegeben hat. © Survival
Vedanta Resources betreibt weiterhin eine Raffinerie am Fuß der Berge. Dies schürt die Sorge, dass Vedanta seine Pläne für ein Bergwerk in dem Gebiet noch nicht aufgegeben hat. © Survival

Dasuru Kadraka erklärte: “Ich wurde festgenommen und zum Leiter der Polizeistation gebracht. Dort wurde ich gefoltert mit festgebundenen Händen und (…) Elektroschocks, um mich zu zwingen aufzugeben, (…) und mich dazu zu bringen, die Save Niyamgiri-Bewegung zu verlassen. Aber ich weigerte mich (…) Die Bewegung ist mein Leben. Ich werde niemals aufhören die Niyamgiri-Berge und die Wälder zu schützen.”

Das Recht der Dongria Kondh auf ihr angestammtes Land ist im indischen und internationalen Recht anerkannt. Survival International ist führend an der globalen Kampagne zum Schutz ihres Landes beteiligt und wird weiterhin dafür kämpfen, dass die Dongria ihre eigene Zukunft ohne Einschüchterungen bestimmen können.

Stephen Corry, Direktor von Survival International, sagte: “Es ist jetzt glasklar, dass es eine brutale Kampagne gegen die Dongria Kondh gibt, bei der sie eingeschüchtert, belästigt und sogar ermordet werden, um ihren Widerstand gegen die Ausbeutung ihres Landes zu schwächen. Doch die Dongria sind absolut entschlossen ihre Berge zu schützen, die ihnen nicht nur Essen, Heimat und Kleidung geben, sondern die auch die Basis ihrer Identität und Zugehörigkeit sind.”

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Autor: Survival International; zusammengestellt von Gert Holle - 29.06.2017