Interview mit Bischof Dr. Helmut Dieser - Bistum Aachen

Erstkommunion trotz Krisenphänomenen beliebt

Foto: Bistum Aachen / Carl Brunn
Foto: Bistum Aachen / Carl Brunn

Was eine gute Vorbereitung auf die Erstkommunion ausmacht und wie sich Kinder bei Gott „groß fühlen“ können, erklärt Bischof Dr. Helmut Dieser im Interview mit dem Bonifatiuswerk.

 

Bischof Dr. Helmut Dieser, welche Erinnerungen haben Sie an Ihre eigene Erstkommunion und die damit verbundene Vorbereitungszeit?

 

Bischof Dr. Helmut Dieser: Gut kann ich mich daran erinnern, dass ich in der Grundschule Religionsunterricht bei unserem Ortspfarrer hatte. Als Hausaufgabe mussten wir öfter Szenen aus biblischen Geschichten malen. Das war für mich ziemlich dramatisch, weil ich bis heute nicht gut malen kann. Besonders groß war die Herausforderung beim Gleichnis vom Barmherzigen Vater: der Sohn, der sein Essen bei den Schweinen sucht … Da brauchte ich Unterstützung von der ganzen Familie!

Aber auch an den Erstkommuniontag habe ich noch guten Erinnerungen: Das ganze Wohnzimmer war leergeräumt, damit wir dort mit den vielen Gästen feiern konnten. Eine gute Köchin war engagiert, die das Festessen für mittags und abends in unserer Küche vorbereitete. Das ganze Haus im Ausnahmezustand! Und die vielen Menschen, die an der Tür klingelten und kleine Geschenke brachten.

Für mich als Neunjährigen war das etwas vorher nie Gekanntes, so sehr im Mittelpunkt zu stehen!

Auch erinnere ich mich gut, dass der Pastor uns gelehrt hatte, wie wir nach dem Empfang der Ersten Heiligen Kommunion mit Jesus reden sollten: zuerst danken, dann bitten für die Eltern und für die Familie, für Freunde und für Menschen in Not … Dabei knien und die Hände vor das Gesicht halten, um nicht abgelenkt zu werden. Das war schon ziemlich beeindruckend und bewegend für mich! Und ich habe das auch gerne alles genauso gemacht!

 

Durch die Pandemie musste über eine andere Art der Erstkommunionvorbereitung nach-gedacht werden, vielerorts wurde improvisiert. Was macht für Sie eine gute Vorbereitung auf die Erstkommunion aus?

 

Bischof Dr. Helmut Dieser: Die Vorbereitung muss eines besonders in den Mittelpunkt stellen: dass die Kinder die Gestalt Jesu als freundlich, liebenswürdig, glaubwürdig kennen lernen und Ansätze für eine eigene persönliche Beziehung zu Jesus entwickeln können.

Christentum ist vor allem eines: persönlich! Du und Jesus, Jesus und Gott, sein himmlischer Vater, du und deine Familie, deine Freunde. Alle diese Menschen gehören zusammen, mehr und tiefer, als wir selbst das hinbekommen. Jesus verbindet uns alle mit Gott, denn er liebt uns, er gibt alles für uns. Er schenkt sein Leben, sich selbst, er kommt wirklich zu dir!

Erstkommunionkatechese muss in die persönliche Gottes- und in die Jesusbeziehung der Kinder investieren. Alles andere baut darauf auf, das ganze Evangelium, jede Form der Nächstenliebe, das gesamte christliche Menschenbild!

 

Unser Leitwort zur aktuellen Erstkommunionvorbereitung lautet „Bei mir bist du groß!" ‚Sich groß fühlen‘, wie kann das Kindern in der aktuellen Krise der Kirche nahegebracht werden?

 

Bischof Dr. Helmut Dieser: Noch bevor die Katechese beginnt, ist es ja bereits das Anliegen der Eltern, ihr Kind groß zu sehen und groß zu machen. Deshalb ist dieses Fest mit seinen Ritualen so beliebt trotz aller Krisenphänomene der kirchlichen Sozialisation. Daran muss die Katechese anknüpfen, indem sie z. B. den Begriff des Heiligen in neuer Weise elementarisiert und plausibel macht: Ja, euer Kind ist etwas Heiliges, Gott schenkt es euch, traut euch zu, gute Eltern zu sein, er hilft euch dabei! Erstkommunion kann die Eltern-Kind-Beziehung stärken, indem sie darauf Wert legt, dass auch das erwachsene Umfeld, also mindestens eine erwachsene Bezugsperson des Kindes, mit einbezogen wird in einen erwachsenen-katechetischen Weg. Dann gehen Eltern und Kinder gemeinsam auf das Fest zu, dann können sie gemeinsame Erfahrungen machen, auch religiöse Erfahrungen!

Dann ahnt das Kind intuitiv: Gott ist wichtig, wir sind wichtig, ich bin wichtig! Das religiöse Empfinden stärkt das Ichempfinden und macht es groß, größer sogar als die Bedeutung der Eltern für das Kind, denn die wollen ja auch an Gott glauben und suchen ihn! Zum ersten Mal geht es im Zugehen auf die Erstbeichte und die Erstkommunion um eine eigene, unabhängige Beziehung des kindlichen Ich zu einem Anderen, Größeren, also zu Gott, und das kann eine erste kindliche Emanzipationserfahrung sein! Gott ist noch größer als meine Eltern und er liebt mich, sogar über alles hinaus, was meine Eltern mir geben wollen und können!

 

Wann fühlen Sie sich „groß"?

 

Bischof Dr. Helmut Dieser: Ich schöpfe bis heute aus der frühen gläubigen und kirchlichen Sozialisation in meiner Familie und durch meine katholische Heimatgemeinde. Beten ist mein Zugang zum Großen, die Betrachtung der Heiligen Schrift, die Kirche mit ihrem sakramentalen Geheimnis. Gott ist größer als jede Situation, die das Leben mir aufträgt. Ich hoffe, dass Gott mir hilft, diesen Glaubensweg bis zum Ende zu gehen, bis zum letzten Atemzug. Dann bricht das Allergrößte ja erst an: mein kleines Leben, das, so hoffe ich, vor Gott bestehen kann durch Jesus, der für mich gestorben und auferstanden ist, soll doch teilnehmen am vollendeten Reich Gottes, in dem es Kommunion mit allen gibt, die ich geliebt habe, aber auf Erden nie mehr wiedersehen werde!

 

Was möchten Sie den derzeitigen Erstkommunionkindern und ihren Familien mit auf den Weg geben?

 

Bischof Dr. Helmut Dieser: Lasst euch überraschen! Wer Jesus kennen lernt, wer seine Freundschaft spürt, gewinnt! An Gott glauben in der Weise, wie Jesus es möglich macht, stiftet Vertrauen: Ich bin gut, du bist gut, das Leben ist gut! Denn Gott ist so groß, dass er jedes Vertrauen verdient und einlöst, auch wenn wir oft im Leben Schweres aufgeladen bekommen. Keine Enttäuschung im Leben kann je größer sein als Gott, der uns liebt!

 

 

Das Gespräch führte Theresa Meier, Bonifatiuswerk.

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Autor: Bonifatiuswerk - zusammengestellt von Gert Holle - 9.03.2022