Reportage: "Das zweite Zuhause"

Das St.-Josef-Haus in Berlin-Neukölln bietet eine neue Heimat für Kinder

Das Haus in Neukölln besteht seit 1905. (Foto: Markus Nowak)
Das Haus in Neukölln besteht seit 1905. (Foto: Markus Nowak)

Text und Fotos: Markus Nowak 

 

„Nae ileum-eun Kimi. Das ist Koreanisch für >mein Name ist Kimi<“, sagt die 15-Jährige, während sie sich den langgewachsenen Pony mit der Hand aus dem Gesicht wischt. Mit ihren pinken Strähnen auf blondem Haar könnte sie von einem der vielen Plakate, die in ihrem Zimmer bis zur Decke hängen, entsprungen sein. Auf ihnen ist die koreanische Boyband BTS zu sehen. „Mir hilft ihre Musik beim Abschalten. Dann bin ich in meiner eigenen Welt“, schwärmt Kimi und so wie sie denken sicher viele andere in ihrem Alter, denn BTS ist derzeit die am meisten angesagte Musikgruppe unter Teenagern.

Wenn Kimi zu den Beats der Boy-Band tanzt, dann kann sie ihren Stress abbauen. Seit sie ein Baby ist, hatte sie keinen Kontakt mehr zum Vater. Auch die Bindung zur Mutter ist gerissen. „Sie hat sich nie wirklich um mich gekümmert“, sagt die 15-Jährige.

Kimi ist eine von 30 Bewohnerinnen und Bewohnern des Kinder- und Jugendhaus St. Josef in Berlin-Neukölln. Und wer die Internetseite der Caritas-Einrichtung besucht, sieht das heranwachsende Mädchen auf vielen Bildern lächeln. Seit sieben Jahren ist sie „Heimkind“, wie sie sagt und mag es nicht, wenn ihr andere mit Stereotypen über Kinderheime begegnen. „Sie fragen dann, ob wir Fernsehgucken dürfen oder raus dürfen.“ Dann entgegnet sie, es fühle sich an, wie in einer großen Familie zu wohnen.

 

„Kindern eine Heimat geben“

 

Paris, London und Wilhelmshaven heißen die Wohngruppen für Kinder vom Schul- bis ins Jugendalter, zusätzlich gibt es einen Verselbstständigungsbereich für Jugendliche ab dem 16. Lebensjahr. Das Wort Kinderheim werde im Sprachgebrauch heute kaum gebraucht, wie Einrichtungsleiterin Monika Kießig konstatiert. „Wobei ich benutze es gerne, weil es davon kommt, Kindern eine Heimat zu geben. Das ist das, was wir machen“ - und zwar schon seit 1905, als die Karmelitinnen vom göttlichen Herzen Jesu das Kinderheim inmitten des heute bunten Kiezes von Berlin-Neukölln gründeten. Für Unterstützung ist das St.-Josef-Haus dankbar. Das weiß auch das Bonifatiuswerk, das mit seiner diesjährigen bundesweiten Erstkommunionaktion das Haus beispielhaft fördert. „Diese Einrichtung zeigt auf beeindruckende Weise, was es heißt, sich füreinander einzusetzen. Passend zum Leitwort unserer Erstkommunionaktion 2022 „Bei mir bist du groß!“ erfahren die Kinder und Jugendlichen in der Haltung der christlichen Nächstenliebe Hilfe und Unterstützung, die sie brauchen - denn jeder Mensch zählt“, würdigt der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen, die Arbeit in dem Kinder- und Jugendhaus.

Schicksalsschläge prägen die jungen Bewohner

„Wir sind das Zuhause der Kinder, denn ihre Eltern sind nicht in der Lage, ihnen ein gutes Zuhause zu bilden“, sagt Sozialpädagogin Kießig und präzisiert: „Ein zweites Zuhause, das wir versuchen, familienanalog für sie zu gestalten.“ Die Kinder suchten sich Einrichtungen wie St. Josef selten selbst aus. In der Regel seien es die Jugendämter, die feststellen, dass die Kinder bei den Eltern nicht bleiben sollten, weil sie etwa ihrer Entwicklung nicht guttun, weil Gewalt oder Missbrauch im Spiel sei. Der zwölfjährige Justin lebt seit 2020 in St. Josef und hat den Boxraum

gleich für sich entdeckt. „Wenn ich sauer bin, kann ich hie meine Wut auslassen“, erklärt der Fünftklässler und beginnt, auf den Boxsack einzuhauen. Seine Mutter lebt in einer Einrichtung in Lichtenberg. Diese sieht er nur am Wochenende. Früher, so erzählt der Blondschopf, sei er oft ausgerastete. „Ich habe oft um mich geschlagen.“ Mittlerweile habe er das unter Kontrolle. „Ich habe mich gebessert, damit ich zu meiner Mutter zurückkann.“

Ob das bald geschehen wird? Sozialpädagogin Monika Kießig hat die Erfahrung gemacht, dass sie die Kinder eine lange Zeit in der Einrichtung „begleitet“, wie sie es bezeichnet. Sieben und mehr Jahre, wie bei Kimi, sind keine Seltenheit. „Die Kinder wachsen einem ans Herz, denn sie verbringen einen Großteil ihrer Kindheit hier“, sagt die Einrichtungsleiterin. Es entstehen ganz enge Bindungen und viele halten auch nach ihrem Auszug regelmäßigen Kontakt.

 

Auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unter den Bewohnern

Wie lang das St.-Josef-Haus Assanat in ihrer Kindheit begleiten kann, steht noch in den Sternen. Die Achtjährige ist ein aufgewecktes Mädchen, das mit Puppen spielt und in ihrem Bett gerade eine Höhle gebaut hat, in der sie schläft. Was sie in ihrer Kindheit bereits durchgemacht hat, ist ihr nicht anzumerken und sie selbst erinnert sich kaum daran. Auch kann man ihr nicht anhören, dass sie als Flüchtlingskind erst vor knapp drei Jahren nach Deutschland gekommen ist. „Die Großen und die Kinder haben immer geredet und ich habe es einfach gelernt“, sagt sie salopp. Ihre afghanischen Eltern sind in Griechenland, Kontakt hält sie über WhatsApp.

 

 

„Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind letztendlich auch Kinder, die nicht Zuhause groß werden können“, stellt Monika Kießig fest. Von ihnen lebten einige in St. Josef. Ihre Eltern bleiben entweder im Heimatland und schicken die Kinder allein auf die Flucht oder sie werden auf dem Fluchtweg voneinander getrennt, wie im Fall der achtjährigen Assanat. Die anfänglichen Sprachprobleme seien schnell überwunden, beobachtet Kießig. Was bleibt sei aber oft eine Traumatisierung durch die Flucht. Diese versucht das Haus – neben Therapieangeboten – auch durch die Atmosphäre vor Ort aufzufangen. Was Assanat sich für die Zukunft wünscht: „Ich wünsche mir, dass alle auf der Welt füreinander da sind.“

Video über das St.-Josef-Haus in Berlin-Neukölln

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Text und Fotos: Markus Nowak - zusammengestellt von Gert Holle - 9.03.2022