Besinnlich und heiter

Die erste Predigt - (Der Herr Vikar muss ran!)

Foto: Archiv
Foto: Archiv
Ein Christ (Vikar in Ober-Seemen*)
bekam genau drei Wochen Zeit,
den „Sündenfall“ sich vorzunehmen
zur Predigt. Heute ists soweit.

Die Kirche platzt aus allen Nähten.
Vikare gabs hier lange nicht.
Zwar hat der Pfarrer Qualitäten,
doch schön, wenn mal wer andres spricht!

Doch wo mag der Vikar nur stecken?
Die Glocke schlug, er kommt nicht bei...
(Er sitzt bei Karl, voll Angst und Schrecken,
dem Küster in der Sakristei.

Der hat als guter Christ Erbarmen
und weiß, wie der Vikar sich fühlt,
hat grad zusammen mit dem Armen
die Angst mit Doornkaat weggespült.)

Da endlich öffnet sich die Türe:
Ein Herr Vikar, der ziemlich schwankt.
Zur Seite geht, dass er ihn führe,
der Küster Karl. - Gott seis gedankt,

jetzt kann die Liturgie beginnen,
was der Herr Pfarrer übernimmt,
der übrigens mit wachen Sinnen
bemerkt, dass irgendwas nicht stimmt!

Schon gibt er dem Vikar ein Zeichen,
indem er auf die Kanzel zeigt,
worauf - wem kann man es vergleichen? -
der wie ein Huhn nach oben steigt.

Es folgt, wir wolln es Predigt nennen
(zum Text, der fern im Garten spielt,
den Bibelfeste „Eden“ nennen),
die auf das Thema „Sünde“ zielt.

Am Ende hat es gut gefallen,
was der Vikar vom Sündenfall
gepredigt hat, trotz starkem Lallen.
Man rühmt im Dorf ihn überall.

Nur der Herr Pfarrer hat Bedenken,
bestellt am Abend den Vikar,
um seinen Blick auf das zu lenken,
was morgens nicht ganz richtig war:

„Man sagt ein Grußwort, eh man startet,
und nicht ‚Hallo, ich fang jetzt an!‘
Auch wird vom Hörer stets erwartet,
dass er sich drauf verlassen kann:

das, was er hört, steht in der Bibel,
ist Gottes Wort, vom Geist berührt.
Doch wars zum Beispiel keine ‚Zwiebel‘
womit die Frau den Mann verführt.

Der Mann gewann die ‚Herzensdame‘
nicht etwa in der ‚Tombola‘!
Auch ist der ersten Menschen Name
nicht ‚Romeo und Julia‘!

Und dann: Als Schlange kam der Böse
und nicht als ‚großes Krokodil‘!
Auch machte Gott dann kein ‚Getöse‘ -
so reden, das ist schlechter Stil!

Noch eins: Als sie vertrieben waren,
da weinten Adam und die Frau,
doch sicher trank man keinen ‚Klaren‘
und war danach ‚haubitzenblau‘.

Am Schluss der Predigt kams noch toller,
ich dachte: Ist der noch bei Trost?
Es klingt doch wohl viel würdevoller,
schließt man mit ‚Amen‘, nicht mit ‚Prost‘!“


* Die Predigt wurde wegen des Reims in Ober-Seemen gehalten!

Autor: Manfred Günther; Foto: Archiv - 14.5.2014