Besinnlich und heiter

Warum nur?

Foto: Archiv
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Ein Christ (Vikar Herr Gottlieb Weber*),
ein Mann mit Herz und mit Verstand,
ward jüngst von seinem Brötchengeber,
der Kirche, auf das Land gesandt.

Zwar scheut er sich, dorthin zu gehen,
zumal er bisher Städter war.
Doch andrerseits ist einzusehen,
Bewerber für das Land sind rar

und irgendjemand muss es machen.
Auch hat er keine andre Wahl.
So packt er seine Siebensachen
und folgt dem Ruf nach Eichental*.

Der Propst in Gießen gibt den Segen
indem er Weber ordiniert.
Das Dorf, im Vogelsberg gelegen,
ist hübsch, das Pfarrhaus renoviert.

Die Menschen sind sehr nett und offen,
recht kirchlich auch und sehr beredt…
Drum geht des jungen Pfarrers Hoffen
dahin, dass er sie bald versteht!

Noch tut ers nicht. Zwar kann er sehen,
wenn einer seinen Mund bewegt,
doch leider meist kein Wort verstehen.
Schon manchmal hat er überlegt,

obs wohl an seinen Ohren läge?
Vielleicht auch, ob hier Frau und Mann
zur Lippenöffnung wohl zu träge,
sodass ein „R“ nur rrrollen kann

und die Vokale anders klingen.
Doch eins fällt ihm besonders auf:
Wann immer Worte zu ihm dringen,
erscheint in des Gespräches Lauf

dasselbe Wort. Es will so scheinen
(zumal davor stets „Herr“ gestellt),
dass sie damit den Pfarrer meinen,
ein Wort, das Weber nicht gefällt.

Er hört sie nämlich vor den Fragen,
den Klagen auch von Frau und Mann,
wie sie zu ihm „Herr Penner“ sagen,
was Weber nicht begreifen kann.

Die Sache gibt ihm viel zu denken.
Er ist doch jung und recht adrett.
Will man ihn wohl mit „Penner“ kränken?
Das wäre schlimm und gar nicht nett.

Die Lösung kann er nicht erkennen.
Er fragt, wie heut der Titel spricht:
„Warum“ sie ihn „nur“ Penner nennen?
Doch bleibts dabei: Er weiß es nicht. -

So sag ich ihm als alter Hase,
der lang die Vogelsberger kennt:
„Herr Pärrner“ heißt die Paraphrase,
mit der man hier den Pfarrer nennt.

So ists ein Hörproblem gewesen!
(Wie Weber ging es einst auch mir.)
Gehört klingts anders als gelesen.
Nicht Penner, Pärrner sagt man hier.



* Orts- und Eigennamen sind frei erfunden

* * Paraphrase = eine sprachliche Umschreibung



Autor: Manfred Günther; Foto: Archiv - 10.9.2014