Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert

Stephen Greenblatt: Der Tyrann

Foto: Siedler
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Wie kann es sein, dass eine große Nation in die Hände eines Tyrannen fällt? Warum akzeptieren Menschen die Lügen eines Mannes, der ihrem Land so offensichtlich schadet? Und gibt es eine Chance, den Tyrannen zu stoppen, ehe es zu spät ist? Pulitzer-Preisträger Stephen Greenblatt führt uns in seinem neuen Buch die erschreckende Aktualität von Shakespeares Dramen vor Augen.

 

William Shakespeare beschäftigte sich durch sein gesammtes Schaffen hindurch mit einer zutiefst beunruhigenden Frage: Wie ist es mögich, dass ein ganzes Land einem Tyrannen in die Hände fällt? In seinen Dramen – von »Richard III.« bis »Julius Cäsar« – hat Shakespeare immer wieder vom Aufstieg der Tyrannen, von ihrer Herrschaft und ihrem Niedergang erzählt. Stephen Greenblatt, Pulitzer-Preisträger und einer der renommiertesten Shakespeare-Experten unserer Zeit, zeigt uns, wie präzise und anschaulich der Dichter aus Stratford das Wesen der Tyrannei eingefangen hat – und wie erschreckend aktuell uns dies heute erscheint.

 

»Shakespeares Worte reichen weit über ihre Entstehungszeit hinaus. Sie sprechen uns direkt an. In bedrohlichen, verwirrenden Zeiten können wir uns auch heute noch an Shakespeare wenden und fundamentale menschliche Wahrheiten bei ihm finden. Wie diese: Glaubt nicht, so etwas kann nicht passieren. Schweigt nicht. Nutzt eure Wählerstimme.«

 

Stephen Greenblatt

 

 

 

 

 

Stephen Greenblatt ist Professor für Englische und Amerikanische Literatur und Sprache an der Harvard Universität. Er ist einer der angesehensten Forscher zu Shakespeares Werk sowie zur Kultur und Literatur in der Renaissance. Greenblatt ist Herausgeber der Norton Anthology of English Literature sowie Autor mehrerer Bücher, darunter die hochgelobte Shakespeare-Biographie »Will in der Welt« (2004). Für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen geehrt, u.a. mit dem National Book Award und dem Pulitzerpreis für sein Werk »Die Wende« (2012). Bei Siedler erschien zuletzt »Die Geschichte von Adam und Eva. Der mächtigste Mythos der Menschheit« (2018).
 

 

 

 

Stephen Greenblatt

 

Der Tyrann

 

Shakespeares Machtkunde für das 21. Jahrhundert

 

Aus dem Englischen von Martin Richter
Originaltitel: Tyrant
Originalverlag: W. W. Norton

 

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 224 Seiten, 13,5 x 21,5 cm

 

ISBN: 978-3-8275-0118-9

 

€ 20,00 [D] | € 20,60 [A] | CHF 28,90* (* empfohlener Verkaufspreis)

 

Verlag: Siedler

 

 

 

 

Drei Fragen an Stephen Greenblatt

 

 

Was lässt Shakespeares Beschreibung von Aufstieg, Herrschaft und Sturz der Tyrannen so zeitlos erscheinen? Und dabei so aktuell?

Stephen Greenblatt: Shakespeare ist nicht deshalb ein großer Dichter, weil er relevant ist; er ist relevant, weil er ein großer Dichter ist. Er ging den Dingen auf den Grund.

Sie schildern Shakespeares Strategie, seine Kritik indirekt zu äußern, mittels „schräger Perspektive“ – hat Sie das angeregt, es ihm gleich zu tun?

Shakespeare hatte keine Wahl. Er lebte in einer Gesellschaft ohne freie Meinungsäußerung oder demokratische Öffentlichkeit. In meinem Fall gibt es keine solche Beschränkungen. Aber der ohrenbetäubende Lärm der täglichen Nachrichten, die endlosen Lügen, die bösartigen Ausfälle, die planmäßige Verbreitung von Fake News verbunden mit dem aggressiven Ignorieren der Realität – all dies ist deprimierend und verstörend. Shakespeares unübertroffene Fähigkeit, die Wahrheit indirekt auszusprechen, war für mich insofern ein Vorbild, eine Möglichkeit, all dem Lärm zu entkommen.

In einem Artikel für die „New York Times“ haben Sie beschrieben, wie uns Shakespeare eine Erklärung für den Wahlausgang 2016 liefern kann (in dem er vor allem auf die „selbstzerstörerischen Reaktionen“ der Menschen rund um den Kandidaten abhebt) – glauben Sie, dass Shakespeare auch für die Zeit nach Donald Trumps Wahl recht behält?

Shakespeare erkannte klar, dass der pathologische Narzissmus und schrankenlose Ehrgeiz eines Einzelnen nicht reicht, damit dieser die Macht an sich reißt, dazu kommt nämlich noch das Heer an Helfershelfern – aus ganz unterschiedlichen Motiven unterstützen sie jemanden, von dem sie genau wissen, dass er ins Unheil führt. Für mich besteht im Moment kein Anlass, an dieser Deutung zu zweifeln.

 

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Autor: Siedler Verlag; zusammengestellt von Gert Holle – 18.09.2018