Der ewige Protest - Reformation als Prinzip

Foto: Claudius Verlag
Foto: Claudius Verlag

 Das Reformationsjubiläumsrauschen erreicht seinen Höhepunkt. Grund genug für einen kritischen Zwischenruf: Wie viel Selbstgefälligkeit verträgt der Protestantismus? Welche Zukunft hat Religion überhaupt in der heutigen Gesellschaft? Radikale Entchristlichung auf der einen, entschlossener Fundamentalismus auf der anderen Seite, dazwischen klerikal hochkirchliche und kuschelreligiöse Rettungsinseln oder überpolitisiertes, moralisch anstrengendes Weltverbesserertum.


Erinnerung an die Reformation heißt, das Unzähmbare an der Kraft des Heiligen selbst zu verstehen.
Reformation ist Prozess und Prinzip, vor allem aber ein dem Christentum selbst innewohnender Antrieb. Jörg Lauster, einer der profiliertesten Vertreter der liberalen Theologie, plädiert für eine Überwindung der landeskirchlich und konfessionell erstarrten Gestalt des deutschen Protestantismus und für eine Ökumene, die wesenhaft mehr sein muss als dogmatische Übereinstimmungserzielung. 

 

 

 

Foto: privat
Foto: privat

 

Jörg Lauster

 

Jahrgang 1966, hat den Lehrstuhl für Systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Dogmatik, Religionsphilosophie und Ökumene an der LMU München inne. 2014 erschien sein vielbeachtetes Werk "Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums" (C.H.Beck).

 

 

Jörg Lauster

 

 

Der ewige Protest

 

Reformation als Prinzip

 

144 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 10 x 15,5 cm
1. Auflage März 2017
ISBN 978-3-532-62496-8

 

12,00 €

 

Inkl. MwSt. zzgl. evtl Versand
portofreie Lieferung innerhalb Deutschlands

***************************

Autor: Claudius Verlag; zusammengestellt von Gert Holle - 22.03.2017

 


Eine Religion für Freie Geister

Von Gert Holle

 

Um es gleich vorweg zu nehmen: Jörg Lauster hat das Ereignis "Reformationsjubiläum" hervorragend genutzt, über Herkunft und Zukunft des europäischen Christentums, besser gesagt, über die Entwicklungen, die mit Luthers Thesenanschlag in Gang gesetzt wurden, aus liberaler Perspektive nachzudenken. Dabei, so sagt er zu Beginn seines Buches, zielt er nicht auf Lautstärke, sondern eben auf Nachdenklichkeit und Tiefgang. Er ermuntert den Leser zur Besinnung auf das, was den Protestantismus auszeichnet: denkende Frömmigkeit und Mut zum Gestaltwandel. Dabei geht er wohltuend kritisch mit dem ins Gericht, was das Reformationsjubiläum an Seltsamkeiten hervorbringt. Der Aufwand der Feierlichkeiten sei immens, die Botschaft jedoch alles andere als klar.  In Playmobil-Luthers macht er den Geist eines Wohlfühl- und Wellnessprotestantismus aus, in der Infantilisierung biblischer Geschichten sieht er das Gegenteil von einer kindgerechten Darstellung religiöser Sachverhalte. "Vater Ananas und der verlorene Sohn Banane" und der Versuch, Kirchenprominenz von Protestantomaten auf ihre Protestantismushaftigkeit befragen zu lassen, seien Beispiele für ein didaktisches Missgeschick größeren Ausmaßes. Anzeichen für ein Hinüberdriften ins Seichte und Banale seien im deutschen Protestantismus gegenwärtig nicht zu übersehen. Der von Vertretern der Kirche vielfach erhobene moralische Zeigefinger stehe in einem eklatanten Widerspruch gegen die religiöse Freiheit des Individuums im Protestantismus.. Der Einzelne bedürfe keiner klerikalen Belehrung, sondern der pastoralen Begleitung, um sein Leben selbständig führen zu können. Neben der im gegenwärtigen Protestantismus auftretenden Übermoralisierung und Überpolitisierung als Strategie gegen den drohenden Bedeutungsverlust der Kirche gebe es eine Tendenz, christlichen Glauben als eine mentale, esoterisch angehauchte Wohlfühpraxis zu präsentieren. Diese ziehe sich allerdings aus der Kultur zurück in eine milieuverengte Rückzugsnische. Doch es gebe Hoffnung, es formiere sich Widerstand gegen die Ponyhof-Theologie. Die Verarmung der theologischen Mitteilungsfähigkeit und das ausschließliche Kreisen um sich selbst seien für Luther die gravierendsten Fesseln der babylonischen Gefangenschaft der Kirche. In der theologischen Gedankenverarmung und der institutionellen Verlustangst unserer Tage kehrten sie wieder. Lauster plädiert für eine Überwindung der landeskirchlich und konfessionell erstarrten Gestalt des deutschen Protestantismus und hofft dabei auf eine Ökumene, die wesenhaft mehr sein muss als dogmatische Übereinstimmungserzielung.

 

Mein Fazit: Es lohnt sich, den Zwischenruf Jörg Lausters zum Geist der Reformation und was dieser Geist für die Kirche heute bedeuten könnte, zu lesen und selbst seine Schlüsse zu ziehen. Die 12 Euro für die 144 Seiten aus dem Claudius Verlag sind gut angelegt. Dem Resümee im Schlusskapitel "Religion für freie Geister" kann ich mich uneingeschränkt anschließen:

"Die Reformation ist kein Ereignis, sie ist eine Haltung. Protestantische Gesinnung engagiert sich mit Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt für die Zukunft ihrer institutionellen Herkunft, sie ist darin jedoch frei von der kleingläubigen Sorge, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Die liberale und kulturprotestantische Haltung zeigt sich in der unermüdlichen Tapferkeit der Weltgestaltung, die im Vertrauen auf eine der Welt eingelassene Güte dem Absurden in der Welterfahrung widersteht. In dieser Tapferkeit und in dieser Überzeugung ist der Protestantismus als ewiger Protest eine Religion für freie Geister - und davon gibt es viele." Jörg Lauster