Diaspora-Sonntag – 18. November 2018

„Keiner soll alleine glauben. Unsere Identität: Christus bezeugen“

Foto: Bonifatiuswerk
Foto: Bonifatiuswerk

Christus bezeugen gehört zum Kern des christlichen Glaubens. Um dies deutlich zu machen, hat das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken in diesem Jahr das Leitwort "Unsere Identität: Christus bezeugen" für die bundesweite Diaspora-Aktion gewählt. Als Christen sind wir herausgefordert in der Welt von heute, eine Antwort auf die Frage zu finden, was unsere Identität ist, woran wir glauben oder wem wir vertrauen. Dabei ist Jesus Christus und seine Frohe Botschaft Mitte unseres Glaubens und Handelns.

 

 

 

In der Diaspora, wo Christen als Minderheit unter Anders- und Nichtgläubigen leben, stellt sich die Frage nach der christlichen Identität in besonderer Weise. Es braucht glaubhafte Zeugen der Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes: Menschen, die ausstrahlen, wovon sie überzeugt sind, die verkörpern, wovon sie reden, die überzeugen, weil sie selbst überzeugt sind. Indem wir Christus bezeugen und mit unseren Mitmenschen über die Frohe Botschaft ins Gespräch kommen, können wir aktiv in die Gesellschaft hineinwirken und unsere christlichen Werte als wichtiges Fundament für ein friedvolles Miteinander in unserer Gesellschaft untermauern.

 

 

 

Leitmotiv zur Diaspora-Aktion

 

Als Christen sind wir aufgefordert, uns die Frage nach unserer eigenen Identität zu stellen. Dazu gehört eine ständige Vergewisserung im Glauben, indem wir unseren Glauben an den Auferstanden durch Wort und Tat immer wieder neu bezeugen. Durch dieses konkrete Zeugnis geben wir unserer Kirche in der Gesellschaft ein erkennbares Gesicht. Das Motiv zur Diaspora-Aktion 2018 zeigt daher eine Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig fragen: „Wem vertraust Du?“ In dem sie miteinander über Gott ins Gespräch kommen, wird ihre Identität sichtbar. Ebenso ergeht es den Christen in der deutschen, nordeuropäischen und baltischen Diaspora, die ihren Glauben inmitten anders- oder nichtglaubender Mitmenschen leben und immer wieder aufs Neue herausgefordert sind, aussagefähig über die Inhalte des christlichen Glaubens zu sein und aus christlicher Sicht handeln. Ihr Glaubenszeugnis ist zugleich eine Ermutigung für die gesamte Kirche.

 

 

 

Eröffnung der Diaspora-Aktion

 

Die Eröffnung der Diaspora-Aktion findet vom 3. bis 5. November 2018 im Bistum Osnabrück statt. Gemeinsam mit Bischöfen, Partnern und internationalen Gästen aus den Diasporagebieten in Ostdeutschland, Nordeuropa und dem Baltikum feiert das Bonifatiuswerk am Sonntag, 4. November, um 10 Uhr im St. Petrus Dom Osnabrück ein Pontifikalamt.

 

 

 

Diaspora-Kollekte am 18. November 2018

 

Die Diaspora-Kollekte findet am Sonntag, 18. November, in allen Gottesdiensten (auch am Vorabend) statt. Die Verwendung der Kollekte ist ausschließlich für die Unterstützung der Diaspora bestimmt. Das Bonifatiuswerk ist seinen Spendern gegenüber dankbar und rechenschaftspflichtig.

 

Aufruf der deutschen Bischöfe zum Diaspora-Sonntag 2018

Liebe Schwestern und Brüder!

 

„Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“, heißt es in der Apostelgeschichte (Apg 4,20). Zu allen Zeiten gilt: Als Christen sind wir herausgefordert, eine Antwort auf die Frage zu geben, wer wir sind, woran wir glauben und wem wir vertrauen. Diesen Gedanken greift auch die diesjährige Diaspora-Aktion des Bonifatiuswerks der deutschen Katholiken auf. Ihr Leitwort heißt: „Unsere Identität: Christus bezeugen“.

 

 

Den Herrn zu bezeugen ist eine besondere Herausforderung für die kleinen katholischen Minderheiten in den Diasporagebieten in Deutschland, Nordeuropa und im Baltikum. Sie leben ihren Glauben unter oft schwierigen Bedingungen. Einer großen Mehrheit andersgläubiger oder nichtgläubiger Mitmenschen gegenüber sind sie gerufen, Zeugnis zu geben – im Wort und in der helfenden Tat. Dieses Bekenntnis der Diaspora-Katholiken ist eine Ermutigung für uns alle.

 

 

Die Kirche, die als Minderheit lebt, ist auf unsere Solidarität angewiesen – finanziell und ideell. Wir bitten Sie, liebe Schwestern und Brüder, deshalb anlässlich des Diaspora-Sonntags am 18. November um Ihr Gebet und Ihre großzügige Spende bei der Kollekte.

 

 

 

Ingolstadt, den ……………………. Für das (Erz-)Bistum………..

 

 

 

Dieser Aufruf ist in den Amtsblättern zu veröffentlichen. Er soll am Sonntag, dem 11.11.2018, in allen Gottesdiensten (auch am Vorabend) verlesen oder den Gemeinden in einer anderen geeigneten Weise bekannt gemacht werden. Die Kollekte am Diaspora-Sonntag, dem 18.11.2018, ist ausschließlich für das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken bestimmt und ohne Abzüge weiterzuleiten.

 

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Aufruf Diaspora-Sonntag 2018.pdf
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Im Gespräch mit Monsignore Georg Austen, Generalsekretär des Bonifatiuswerkes anlässlich der bundesweiten Eröffnung der Diaspora-Aktion 2018.

Kirche ist mehr als Skandal

Foto: Bonifatiuswerk
Foto: Bonifatiuswerk

 

Monsignore Austen, am 4. November wird in Osnabrück die Diaspora-Aktion 2018 eröffnet. Diaspora heißt, als Minderheit in einer Mehrheit Anders- oder Nichtglaubender zu leben. Gelangen wir durch die aktuelle Krise der Kirche immer mehr in eine Minderheitensituation?

 

Es stimmt, dass der Vertrauensverlust durch den Missbrauchsskandal die Kirche massiv erschüttert. Immer mehr Menschen, die der Kirche verbunden sind oder waren, verabschieden sich. Es ist für uns eine große Herausforderung und Notwendigkeit, dass Kirche sich erneuert und verändert. Auf allen Ebenen sind wir herausfordert, glaubwürdig, authentisch und wahrnehmbar unseren Glauben zu bezeugen.

 

Aber ich erlebe ebenso, dass Kirche mehr ist als Skandal, und genau das wollen wir auch deutlich machen. Ich sehe das große Engagement von Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen, die Zeugnis geben vom Gott Jesu Christi, die Anregungen geben, nach Gott zu fragen und seine Spuren in unserer Welt zu entdecken, die Räume und Zeiten anbieten, Gott zu begegnen und mit ihm ins Gespräch zu kommen. All das lässt vertrauen, dass unsere Kirche auch weiterhin die Kraft hat, zu einer christlichen Prägung der Gesellschaft beizutragen.

 

Ist es ein Focus Ihrer Arbeit als Glaubenswerk, dieses Engagement der Menschen zu unterstützen und ihnen Hilfen an die Hand zu geben?

 

Als Hilfswerk für den Glauben helfen wir einerseits, dass unsere Glaubensbrüder und –schwestern in Minderheitssituationen Glaubensgemeinschaft erfahren. Zum anderen wollen wir dazu beitragen, dass Menschen, die „religiös unmusikalisch“ sind oder denen der Glaube fremd geworden ist, etwas über Inhalte unseres Glauben erfahren können. Dazu gibt es zahlreiche Initiativen, Projekte und Materialien, die durch das Bonifatiuswerk unterstützt oder entwickelt werden.

 

 

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

 

Zum Beispiel unsere Erstkommunion- und Firminitiative, sie gibt Gemeinden Unterstützung, Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg des Hineinwachsens in den Glauben zu begleiten. Unsere Reihe „Kirche im Kleinen“ versucht, auf leicht zugängliche und interessante Weise Inhalte des Glaubens zu vermitteln. Wir haben im vergangenen Jahr über 800 Projekte in Nord- und Ostdeutschland, in Nordeuropa und im Baltikum gefördert und unter anderem zwei Millionen Euro für Projekte der Kinder- und Jugendhilfe aufgewandt.

 

 

Sie selbst kennen die Situation der Kirche in den nordischen und baltischen Ländern gut. Kann die Kirche in Deutschland von den Katholiken in den Diasporagebieten etwas lernen?

 

Wir können viel von den Menschen in unseren Fördergebieten lernen, ohne jedoch die dortigen Probleme zu verschweigen. Was mich immer wieder fasziniert, ist die junge, lebendige, internationale Kirche in den nordischen und baltischen Ländern. Die Teilnahme am Gottesdienst ist ihnen trotz großer Entfernung wichtig. Obwohl die Katholiken in der Diaspora mit wenig finanziellen Mitteln auskommen müssen, lassen sie trotz widriger Umstände eine Gestalt von Kirche lebendig werden, die mehr und mehr in die säkulare Gesellschaft hineinwirkt. Auch von ihrer Herzlichkeit und Gastfreundschaft können wir lernen. Am meisten beeindruckt mich, dass die Kirche sich in diesen Ländern in einem Aufbruch befindet und sich geistlich getragen weiß. Davon können wir in unseren oft schwierigen Situationen sicherlich lernen.

 

 

Haben es die Katholiken dort leichter als hier in Deutschland?

 

Nein, vieles verbindet uns in den europäischen Ländern. Überall ist eine wachsende Entchristlichung der Gesellschaft zu spüren, in der die Frage nach Gott eine immer geringere Rolle spielt. Die Katholiken im Norden haben es vielleicht in der Hinsicht leichter, dass sie weniger Ballast mittragen müssen.

 

 

Was meinen Sie mit „Ballast“?

 

Wir stehen vor vielen Strukturreformen der Kirche. Es geht dabei auch um die Frage, wo wir uns umorientieren müssen. Denn wir haben uns in Deutschland und Europa auf die veränderte Situation in Kirche und Gesellschaft einzustellen, die beide durch die Migranten und Flüchtlinge internationaler und bunter werden. Es geht darum, wo wir von manchem Ballast an liebgewordenen Gewohnheiten und Anschauungen Abschied nehmen müssen. Und wir müssen auf die Stimme des Heiligen Geistes hören, um zu erkennen, welche neuen Wege er uns zeigen will. Ebenso ist es höchste Zeit, die wirklichen und existentiellen Fragen der Menschen von heute mehr wahrzunehmen und durch Ehrlichkeit, Transparenz und gelebte Nächstenliebe den Blick auf das Evangelium nicht zu verdunkeln.

 

Auf die veränderte Situation sind Sie in den letzten drei Jahren eingegangen mit den Leitworten der Diaspora-Aktion des Bonifatiuswerkes. 2016 hieß das Leitwort „Unsere Identität: Barmherzigkeit“, 2017 „Unsere Identität: Segen sein“ und dieses Jahr „Unsere Identität: Christus bezeugen“. Was bedeuten diese Aspekte der christlichen Identität?

 

Ohne Barmherzigkeit gibt es kein Christsein. Es ist Grundkern der christlichen Botschaft, anderen Menschen barmherzig zu begegnen und barmherzig zu wirken. Wir sind Gesegnete von Gott und sollen auch selbst ein Segen sein. Wir können segensreich in die Welt hinein wirken, und die Menschen spüren lassen, dass der Glaube auch für sie persönlich ein Segen ist. Aber Glaube kann nur in Gemeinschaft gelebt werden. Und das geht nur, wenn er von Menschen bezeugt wird, die wahr und wahrhaftig leben, was sie glauben: durch ihr Reden, Handeln und Beten.

 

 

Ist es heute angesichts der Vertrauenskrise in der katholischen Kirche schwieriger, den Glauben zu bezeugen, oder ist es eher eine Chance?

 

Natürlich wird es schwieriger, weil wir angefragt und angeklagt werden und weil Missstände und Verbrechen Gott sei Dank aufgedeckt wurden. Aber ich sehe gleichzeitig auch eine Chance darin, dass wir mit den Menschen, mit denen wir in der Kirche unterwegs sind und mit Impulsen von außen suchen, wie wir das Evangelium heute leben können, gerade auch in Diasporasituationen, in denen die Rahmenbedingungen noch schwieriger sind.

 

 

Sie erwähnen die Nöte der Welt von heute. In Deutschland begeht die katholische Kirche am dritten Sonntag im November den Diasporasonntag mit der bundesweiten Sammlung für die Diasporagebiete. Der Papst hat diesen Sonntag zum Welttag der Armen ausgerufen. Diese beiden Gedenken am gleichen Tag scheinen für Sie gut miteinander vereinbar zu sein. Können Sie uns dazu ein Beispiel nennen?

 

Wenn Menschen durch die Diaspora-Aktion Solidarität und finanzielle Hilfe erfahren, verlieren wir die Option für die Armen, für die, die am Rand stehen, nicht aus dem Blick. Ich bin den Spendern und allen in der Diaspora Engagierten sehr dankbar, dass sie ein konkretes Glaubenszeugnis geben. Sie sind für Kranke im Hospizdienst da, bauen Suppenküchen auf, bieten Jugendlichen in sozial prekären Situationen Lebensperspektiven an. Diese Beispiele und viele andere finde ich in den von uns unterstützten Projekten. Sie machen deutlich, wo heute unser Auftrag als Christen liegt.

 

 

Das Interview führte Sr. Theresita M. Müller

 

Meditation zum Motto: „Unsere Identität: Christus bezeugen“

Zeugen gesucht


 

Zeugen gesucht.
Gefragt sind Frauen und Männer,
die überzeugen,
weil sie überzeugt sind von dem,
was sie verkünden.
Gefragt sind Menschen,
die das ausstrahlen,
was sie sagen und verkörpern,
wovon sie reden,
die einfach glaub-würdig sind.
 
Zeugen gesucht.
Gefragt sind Frauen und Männer,
die Zeugnis geben
von der Hoffnung, die sie trägt,
vom Vertrauen, das sie prägt,
von der Sehnsucht, die sie bewegt,
von Gott, der zu uns steht.
 
Zeugen gesucht,
so fing es an.
Damals in der Apostelgeschichte.
So geht es weiter.
Heute in der Kirche.
So bleibt Gottes
Schöpferischer Geist
am Werk,
in und durch uns Menschen.

 

 

 

Paul Weismantel

 

80.000 Essensportionen an Bedürftige pro Jahr – In der Suppenküche in Berlin-Pankow geht ohne Ehrenamtliche nichts

Zeugnis und Herzensantwort

 

Text und Fotos: Alfred Herrmann

 

 

12:45 Uhr in der Wollankstraße in Berlin-Pankow: Eine lange Schlange bildet sich vor der Essensausgabe. Einer nach dem anderen bekommt von Bruder Andreas und Maximilian eine Schüssel Suppe sowie ein belegtes Brot. Mehr als 80.000 Essensportionen gibt die Suppenküche der Franziskaner pro Jahr an Bedürftige aus.

 

„Wir leben zu 100 Prozent von Spenden, von Geld-, Lebensmittel- und Kleiderspenden und vor allem von Zeitspenden.“ Der Leiter Bernd Backhaus unterstreicht die Unabhängigkeit der katholischen Ordenseinrichtung, zu der auch Hygienestation, Kleiderkammer und Sozialberatung zählen. Konkret heißt das: ohne das Engagement der fast 90 Ehrenamtlichen kein Essen – ein Zeugnis lebendigen Glaubens, das Christen wie Nicht-Christen durch ihren unermüdlichen Einsatz mitten in Berlin Tag für Tag geben.

 

9:00 Uhr: Ilka, Ralf und Norbert sitzen im Arbeitsraum hinter der Küche und schmieren Brote. Maximilian, Jan und Rüdiger pellen Zwiebeln und schälen Gurken. „Heute brauchen wir 200 Brote“, gibt Norbert vor, nimmt zwei Scheiben vom Stapel und belegt sie mit Bierschinken. Norbert hilft bereits neun Jahre jeden Dienstag. „Mit zunehmenden Alter wächst das soziale Gewissen“, lächelt der 74-Jährige verschmitzt.

 

„Als einen Wink des Himmels“ empfand Maximilian die Suppenküche, als er ein paar Straßen weiter in seine neue Wohnung zog. Der 29-Jährige ist als Industriekletterer viel unterwegs und versucht sich wenigstens einmal in der Woche für andere einzusetzen: „Mir geht es gut und da möchte ich etwas zurückgeben.“ Ilka begann vor fünf Jahren als Ein-Euro-Jobberin. Sie blieb und macht nun einmal die Woche ehrenamtlich mit. „Ja, man will natürlich helfen“, erklärt Ilka ihr Engagement, „aber es ist auch diese Gemeinschaft hier.“

 

Christliche Nächstenliebe oder Glauben nennt niemand als Motiv. Die meisten Helfer gehören keiner Kirche an, was in Berlin wenig verwundert, in einer Stadt, in der Konfessionslosigkeit und Religionsungebundenheit der Normalfall ist. Christen und insbesondere Katholiken leben in der deutschen Hauptstadt in der Diaspora. Sie sind in der Minderheit.

 

10.15 Uhr: Rosi Skupin rührt mit einem langen Holzlöffel die Suppe um. Reiseintopf mit Möhren, Lauch und Blumenkohl. Seit 27 Jahren ist Skupin verantwortlich am Herd. Fast zweieinhalb Millionen Portionen hat sie in dieser Zeit zubereitet. „Hier geht es nicht um Umsatz, sondern darum, die Leute satt zu machen und mit den Spenden verantwortungsvoll umzugehen.“ Skupin bildet als Köchin das Herz der Suppenküche und ist eine von nur fünf hauptberuflichen Mitarbeitern. „Diese Menschlichkeit, diese Arbeitsbedingungen, diese Dankbarkeit – das hier ist kein normaler Arbeitsplatz“, unterstreicht die Berlinerin. Kurz und knapp formuliert sie: „Ich bin getauft, ich bin katholisch, ich gehe zur Messe.“

 

Auch Suppenküchenleiter Backhaus ist Katholik. Als sich der Erzieher aus dem Südoldenburgischen um die Leitung bewarb, waren Konfession und Glaube keine Anstellungsvoraussetzung. Dennoch bekennt er: „Für mich ist meine Arbeit eine Anfrage an meinen Glauben. Ich treffe hier auf die Armen unserer Gesellschaft.“ Gerade deshalb bleibt er Realist.

 

Rund 400.000 Euro muss er jährlich an Spenden sammeln, damit der Betrieb gesichert ist. Große Investitionen sind noch nicht eingepreist. Daher ist Backhaus über die Unterstützung des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken froh. Das Spendenhilfswerk springt der Suppenküche immer wieder zur Seite. So müssen jetzt die 15 Jahre alten Industriespül- und -Waschmaschinen erneuert werden. Rund 30.000 Euro. Backhaus weiß um das Zeugnis: „Die Suppenküche ist Hoffnungszeichen für die Gäste aber auch für die Ehrenamtlichen und die zahllosen Spender.“

 

„Wir sind dort, wo sich uns die geöffnete Hand für eine Schnitte Brot, die leere Suppenschüssel für etwas Warmes entgegenstreckt, wo der Mensch, der sich in die Hose gemacht hat, eine Dusche, Waschzeug und etwas Frisches zum Anziehen braucht“, sieht Bruder Andreas Brands in der Suppenküche eine Antwort auf den Auftrag Jesu Christi. Der Franziskaner ist sich bewusst, dass dieses gelebte Glaubenszeugnis nur möglich wird, weil so viele daran mittun, Christen wie Nicht-Christen.

 

„Wir Franziskaner hier machen das aus einem fundamentalen christlichen Verständnis heraus. Andere möchten aus einem humanen Ansatz etwas für Notleidende tun, wieder andere, weil sie etwas im Herzen bewegt.“ Allen öffnet die Suppenküche einen Raum. Sie schenkt gläubigen Christen wie auch jenen, die nicht mit Kirche und Christentum in Berührung sind, die Möglichkeit, ihre Herzensantwort zu geben. Bruder Andreas: „Auch so wirkt Jesus Christus hinein in unsere Welt.“

 

Auf Island leben 13.000 Katholiken – Sie alle leben ihren Glauben in einer absoluten Minderheitensituation

Mit Feuer im Herzen - katholisch sein auf Island

 

Text und Bilder: Theresa Meier

 

 

Tassengeklimper, eine angenehme Geräuschkulisse und ein wohliger Duft von Kaffee und frischem Gebäck erfüllen das Gemeindezentrum Landakot im Norden von Reykjavík. Eine Szenerie, die sich dort jeden Sonntag nach dem Gottesdienst in der katholischen Christ-König-Kathedrale abspielt. Das Kirchencafé ist fester Bestandteil des Gemeindelebens in der isländischen Hauptstadt, das unter Kennern auch als 8. Sakrament bezeichnet wird. Hier treffen sich Jung und Alt, Isländer, Deutsche, Filipinos, Litauer und Polen. Die Gemeinde ist jung, lebendig und international. Ein Sinnbild für die katholische Kirche, die sich auf Island in einer Minderheitensituation wiederfindet.

 

Von den rund 350.000 Einwohnern der Insel sind aktuell 13.000 Katholiken registriert. Für die Gläubigen stehen insgesamt dreizehn Priester zur Verfügung. Darunter befindet sich jedoch kein Isländer. Eine besondere Situation, „denn so spiegelt sich die Internationalität nicht nur unter den Gemeindemitgliedern, sondern auch bei den Geistlichen wider“, verdeutlicht Kanzler Séra Jakob Rolland aus dem Bistum Reykjavík.

 

 

Isländisch zu lernen ist für viele polnische und slowakische Priester keine Selbstverständlichkeit. Sie richten die Aufmerksamkeit auf ihre Landesleute und zelebrieren die Messen in ihrer jeweiligen Sprache. Dass sie gut besucht sind, steht außer Frage. Da reicht der Platz in der Christ-König-Kathedrale bei einer polnischen Messe nicht aus. Einige Gläubige feiern den Gottesdienst vor der Tür mit, sei es auch noch so kalt und stürmisch.

 

 

„Doch wir möchten, dass die Gemeinde zusammenwächst, dass sich die Polen integrieren, sowohl in der isländischen Gesellschaft als auch unter den 2.800 registrierten isländischen Katholiken, denn es ist auch eine enorme Chance für uns. Sie bringen eine äußerliche Frömmigkeit mit, die auch die Isländer fasziniert und anzieht“, bekräftigt Séra Jakob. Doch damit dies funktioniere, sei es erforderlich, die isländische Sprache zu erlernen.

 

 

Unabhängig davon ist es für die wachsende katholische Gemeinschaft immer wieder herausfordernd, ihren Glauben angemessen zu leben, denn obwohl Island sich zu einem wohlhabenden Staat entwickelt hat, ist die katholische Kirche materiell arm. „Da reichen auch die 90 Euro, die der Staat jedem registrierten Katholiken pro Jahr zu Verfügung stellt, nicht aus“, gibt Séra Jakob zu bedenken. Mit Blick auf den Unterhalt der Kirchen, Kapellen, Pfarrhäuser und Klöster entstehen hohe Kosten, denn auf Island setzen besonders die Witterungsverhältnisse den Gebäuden zu.

 

 

Umso wichtiger und notwendiger ist daher die Unterstützung des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken, das den katholischen Christen auf der Insel im Nordatlantik seit 1974 helfend zur Seite steht. Sei es mit BONI-Bussen, um die weiten Strecken zum nächsten Gottesdienst oder zum Kommunionunterricht zurückzulegen oder bei der Anschaffung von Materialien für die Katechese, die zum Beispiel die Schwestern vom Orden „Die Dienerinnen unseres Herrn und der Jungfrau Maria von Matará“, auch bekannt als die „Blauen Schwestern“ in Stykkishólmur dringend benötigten. „Es ist uns ein großes Anliegen, dass die Kinder schon von klein auf in ihrem Glauben gestärkt werden. So müssen wir auch alle Möglichkeiten nutzen, um sie zu erreichen, denn auf dem Stundenplan in der Schule ist ein entsprechender Religionsunterricht kein Thema“, erzählt die 33-jährige Missionsschwester Sabiduria.

 

 

Einen Ort für ihre Katechesearbeit finden die gebürtige Argentinierin und ihre philippinische Mitschwester Birhen Ng Ngiti im grundlegend saniertem Exerzitien-, Bildungs- und Gästehaus „Fransiskus Hotel“, in dem auch ihr Konvent untergebracht ist. Dort gibt es  neben Priesterwohnungen und Gästezimmern einen funktional ausgestatteten Unterrichtsraum mit Lehrbüchern, Spielen und Heiligenbildern an den Wänden.

 

 

Das „Fransiskus Hotel“ wurde mit fast zwei Millionen Euro vom Bonifatiuswerk und dem Diaspora-Kommissariat der deutschen Bischöfe finanziert.  Es ist das einzige Haus dieser Art, das wie ein Leuchtturm in die isländische Diaspora strahlt. Zwischen der hauseigenen Gemeindekirche und dem nächstgelegenen katholischen Gotteshaus, dem Dom von Reykjavík, liegen 170 Kilometer.  „So ist das Gebäude ein bedeutendes Zentrum des Glaubens, das als Ort der Begegnung und des Austausches für die Katholiken in Island dient. Darüber hinaus trägt es eine große missionarische Chance in sich, denn Gäste aus aller Welt kommen hier mit dem Glauben und der katholischen Kirche in Berührung“, erklärt der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen.

 

 

Diese missionarische Chance wird in einer lebendigen und leidenschaftlichen Art von Schwester Sabidura verkörpert. Wenn es das Wetter auf Island mal wieder nicht zulässt, mit den Kindern vor Ort zu arbeiten, dann wird kurzerhand der Computer genutzt und ganz unkompliziert per Skype unterrichtet, auch wenn ihr auf der anderen Bildschirmseite nur ein oder zwei Kinder gegenübersitzen. „Bevor ich 2013 nach Island gekommen bin, war ich in Tansania tätig. Dort habe ich mit sehr vielen Kindern in der Katechese gearbeitet und hier ist es nur eine Handvoll. Da habe ich nicht gesagt: ‚Das mache ich nicht‘. Nein, genau dafür bin ich hier, das ist mein Auftrag“, sagt die junge Argentinierin voller Überzeugung.  Diese besonderen Bedingungen, die auf Island herrschen, bestärken die Ordensschwester in ihrem Handeln und Wirken.

 

 

So kommt es auch vor, dass sie abends in einem Restaurant in Stykkishólmur spontan ihre Gitarre auspackt und Lieder zu Ehren der Jungfrau Maria singt. Vom Glauben überzeugen, und das auf eine offene und unkomplizierte Art. Mit ihrem argentinischen Temperament und dem Feuer im Herzen wird sie auch zukünftig auf dieser steinigen und rauen Insel die Liebe zu Jesus Christus versprühen.

 

Die Hilfsorganisation SOLWODI hilft Frauen in Not – die meisten sind Afrikanerinnen, die durch Menschenhandel in der Zwangsprostitution gelandet sind

Hoffnung schenken und neue Perspektiven aufzeigen

 

Text und Bilder: Markus Nowak

 

 

„Bad experiences.“ Schlimme Dinge hat Peace erfahren müssen. Ihre Stimme wirkt zittrig, wenn sie davon erzählt. Als Teenager verließ die heute 35-Jährige ihre Heimat Nigeria. Polygamie, Gewalt in der Familie und die elende Armut. „Ich wollte nicht ein besseres Leben, sondern es ging um mein Überleben.“ Wie viele Frauen aus Westafrika fiel sie in die Hände von Menschenhändlern. Es folgte eine fast zehnjährige Odyssee durch mehrere europäische Länder, Zwangsprostitution und immer wieder Gewalt. „Dinge, über die ich noch vor einiger Zeit nicht offen sprechen konnte“, sagt Peace heute. Zu sehr war sie traumatisiert von ihren Erlebnissen. Auch ihrem Sohn Wisdom möchte sie das nicht erzählen. Der Siebenjährige  steht für ihr neues Leben, das mit seiner Geburt für sie begann.

 

 

Noch während sie mit ihm schwanger war gelang ihr der Absprung aus dem Menschenhändlerring. Da Peace - wie viele westafrikanische Frauen auch – nur wenige Schulklassen besuchte, musste sie erst Lesen und Schreiben lernen. Sie lernte Deutsch, machte eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Heute gehört auch Lachen und Freude wieder zu ihrem Leben. Bis hierhin war aber es ein langer und steiniger Weg. „Ohne die Schwestern hätte ich das nicht geschafft. Sie hat Gott geschickt.“ Die beiden Comboni-Missionarinnen Schwester Margit Forster und Schwester „Mabel“ Beatrice Mariotti leiten seit 2008 in Berlin die SOLWODI-Beratungsstelle für Frauen in Not und kümmern sich um Migrantinnen, die durch Menschenhandel in der Zwangsprostitution gelandet oder durch Zwangsheirat oder Gewalt in Not geraten sind. SOLWODI ist die englische Abkürzung für „Solidarität mit Frauen in Not“.

 

 

 „Solidarität bedeutet für uns, dass wir parteiisch und auf der Seite der Frauen sind“, erläutert Schwester Forster. „Die Frauen haben großes Leid erfahren und versuchen aus ihren Notlagen herauszukommen. Das kann mit unserer Hilfe gelingen.“ Ob Gespräche zur Traumabewältigung, Unterstützung bei Behördengängen oder kreative Angebote wie Tanz oder Malen zur Festigung der Persönlichkeit: Über 300 neue Frauen kommen jedes Jahr in das unscheinbare Erdgeschossbüro in Nachbarschaft der St.-Eduard-Kirche in Berlin-Neukölln. Vor allem Afrikanerinnen sind darunter, viele aus Nigeria, Guinea, Kamerun, Kenia oder der Elfenbeinküste. Immer häufiger klingeln auch Minderjährige an der Tür. Manche sind erst 15. Sie verlassen oft aus geschlechtsspezifischen Gründen ihre Heimat, beobachtet Schwester Forster. Etwa, weil sie vor der Zwangsheirat oder Genitalverstümmelung flüchten.

 

 

„Auf der Flucht werden sie oft Opfer des Menschenhandels“, weiß die Ordensfrau. 50.000 Euro oder mehr müssen die Frauen dann an die Schleuser zahlen und werden häufig in die Prostitution gezwungen. Seit  1987 hilft die überkonfessionelle Organisation SOLWODI diesen Frauen und anderen Migrantinnen, die in schwierigen Lebenslagen sind.  Die mittlerweile bundesweit bekannte Ordensfrau Lea Ackermann sah als Missionsschwester 1985 das Elend von Frauen in Kenia, die sich wegen ihrer Armut prostituierten. Mittlerweile hat SOLWODI in 18 deutschen Städten Anlaufstellen für Frauen in Not. Auch das Bonifatiuswerk unterstützt mit der Projektstelle von Schwester Forster die Arbeit der Menschenrechtsorganisation.

 

 

Ihre Arbeit habe eine starke religiöse Dimension, erzählt Schwester Forster. Viele der Frauen gehörten schon in ihrer afrikanischen Heimat einer christlichen Kirche an. Forster selbst war 12 Jahre lang als Missionarin in mehreren Ländern Afrikas tätig, spricht daher auch Suaheli. Aus ihrem Glauben heraus hilft sie mit ihrer Mitschwester „Mabel“ in der Berliner SOLWODI-Kontaktstelle den Frauen in Not und beobachtet, dass viele der Migrantinnen einen Anker im Glauben haben, aus dem sie Hoffnung schöpfen. „Die Frauen zeigen auch uns, wie Glauben funktionieren kann“, sagt die Ordensschwester. „Sie bringen sehr viel Lebensenergie und Kraft auf. Und Gott ist Leben.“

 

 

Auch die junge Peace sagt, ihr Glauben half ihr, schlimmen Erfahrungen durchzustehen. „Er hat mich durchgebracht“, sagt sie mit fester Stimme. Schwester Forster erzählt von einem Programm für Frauen, die wieder in ihre Länder zurückkehren möchten. Denn nicht immer sei der Verbleib in Deutschland die beste Lösung. Ihnen wird etwa eine Überbrückungshilfe in der Heimat gegeben sowie eine Existenzgründung ermöglicht. In der Regel können die Frauen aber in Deutschland bleiben, besuchen Sprachkurse und machen häufig auch einen Berufsabschluss nach. „Wir wollen den Frauen nach ihren Gewalterfahrung Hoffnung schenken und eine neue Perspektive aufzeigen“, resümiert die Ordensfrau. Peace blickt auf die Ordensfrau und nickt: „Das ist Euch gelungen.“