Eine Reportage aus dem Caritas Baby Hospital in Bethlehem

„Ein Kinderleben ist immer das Wichtigste“

„Kinderliebe und Geduld mit den Eltern sind für den Arztberuf wesentlich“,  sagt Chefärztin Dr. Hiyam Marzouqa.  Foto: KHB/Meinrad Schade
„Kinderliebe und Geduld mit den Eltern sind für den Arztberuf wesentlich“, sagt Chefärztin Dr. Hiyam Marzouqa. Foto: KHB/Meinrad Schade

Seit 30 Jahren arbeitet Dr. Hiyam Marzouqa im Caritas Baby Hospital. Als Chefärztin trägt sie Verantwortung für die medizinische Ausrichtung des Kinderkrankenhauses in Bethlehem. Für diese oft schwierige Aufgabe findet sie Kraft in ihrer Familie und im Glauben.

 

Obwohl sie damals noch ein Kind war, erinnert sich Hiyam Marzouqa gut an die regelmäßigen Busfahrten zu ihrer palästinensischen Kinderärztin in Jerusalem. In den siebziger Jahren war, anders als heute, die Strecke von Bethlehem nach Jerusalem problemlos zu bewältigen. Kein Checkpoint, keine Kontrollen. Als Älteste von sieben Kindern war es Hiyams Aufgabe, ihre Mutter bei diesen Fahrten zu begleiten, wenn eines ihrer Geschwister krank war. Sie machte es gerne, denn sie war fasziniert von der besonnenen Art der Kinderärztin und der sauberen Praxis. „Die Ärztin hatte die Gabe, meiner Mutter die Sorge um uns Kinder zu nehmen.“ Zudem spürte Hiyam Marzouqa in ihrem Elternhaus, dass Medizin etwas besonders Wichtiges sein muss. „Wir hatten wenig Geld. Aber an guter medizinischer Versorgung und ausreichend Essen, daran sollte es nie mangeln.“

Jeden Tag einen Brief

 

In Hiyam Marzouqa wuchs früh der Wunsch, selbst auch Kinderärztin zu werden, so wie ihr Vorbild aus Kindheitstagen. Mit Bestnoten machte sie an der deutschsprachigen Schule in Bethlehem ihren Abschluss und erhielt ein Stipendium für ein Medizinstudium in Würzburg. Mit nur 19 Jahren flog sie nach Deutschland. Ihre erste Reise überhaupt, ganz auf sich gestellt,  fernab von ihrer Familie. „Anrufe nach Hause waren teuer“, erinnert sich Marzouqa, E-Mails gab es noch nicht und Post nach Bethlehem brauchte oft Wochen. Fast täglich verfasste sie Briefe an ihre Eltern, berichtete ausführlich vom anstrengenden Studium und vom Alltag in Deutschland. Nur von ihrem Heimweh schrieb sie nichts. Sie wollte die Eltern nicht beunruhigen. „Sonntags war es am schlimmsten“, erzählt Hiyam Marzouqa. Statt wie gewohnt im Kreis der Großfamilie, aß sie jetzt allein. Zwar wohnte sie bei einer älteren Dame zur Untermiete, die sich nett um sie kümmerte, aber „eine Familie ist halt doch etwas anderes“. Weihnachten hätte sie in diesen Jahren am liebsten aus dem Kalender gestrichen. Bis zum Heiligabend freute sie sich an den pittoresken Weihnachtsmärkten und gönnte sich gelegentlich ein Glas Glühwein. „Aber den 24. Dezember konnte ich kaum ertragen. Immer ging es mir durch den Kopf: Jetzt zieht der

 

Patriarch durch die Straßen von Bethlehem; jetzt beginnt die Mitternachtsmesse in der Geburtskirche; jetzt sitzt die Familie zusammen und beschenkt die Kinder.“ Noch heute findet sie die Adventszeit in Europa wunderschön – aber nichts geht über Weihnachten in Bethlehem.

Neue, medizinische Herausforderungen

 

Vor genau 30 Jahren schloss Hiyam Marzouqa ihr Studium ab und machte, zurück in Bethlehem, ein Praktikum im Caritas Baby Hospital. Bald wurde sie Assistenzärztin und merkte rasch, dass ihre Ausbildung sie zwar optimal für den medizinischen Alltag in Europa vorbereitet hatte, sich im Westjordanland aber ganz neue Herausforderungen stellten. Dort gab es Krankheitsbilder, die sie bisher nur aus Lehrbüchern kannte: genetisch bedingte Missbildungen, schwerste Unterkühlungen oder lebensgefährliche Unterernährung. Auch die Ausrüstung im Caritas Baby Hospital war damals nicht mit jener zu vergleichen, die sie vom Studium her kannte. „Früher“, so erinnert sich Hiyam Marzouqa, „hatten wir nicht einmal ein Beatmungsgerät.“

 

Wenn die Kinderärztin auf diese Zeit zurückblickt, wird ihr bewusst, wie sehr sich die medizinische Versorgung in Palästina im Allgemeinen und im Caritas Baby Hospital im Speziellen weiterentwickelt hat. „Wenn es um Kinderheilkunde geht, sind wir heute einer der ersten Ansprechpartner im Land“, erklärt die Chefärztin. Pro Jahr werden in der einzigen auf Pädiatrie spezialisierten Gesundheitseinrichtung 53.000 Untersuchungen durchgeführt. Das Krankenhaus verfügt über 74 Betten, ein in Region hoch anerkanntes Labor sowie ein gut ausgebildetes Pflege- und Medizin-Team. Darauf ist die dynamische 57-Jährige stolz. Als Chefärztin legt sie großen Wert auf Aus- und Weiterbildung. „So bleibt man auf dem neusten Stand. Das rettet Leben.“

Kerzenanzünden in der Geburtskirche

Eine gute Ausbildung und moderne Ausrüstung allein reichen in der Medizin jedoch nicht aus. Davon ist Hiyam Marzouqa überzeugt. Für sie spielen Gottvertrauen und der Glaube eine wichtige Rolle. Dadurch fühlt sie sich getragen. Fast jeden Tag geht sie vor der Arbeit in die Geburtskirche in Bethlehem und zündet Kerzen an. Spaßend nennt sie dies „Blitz-Psychotherapie“. Dieses Ritual hilft ihr, Kinder mit schwierigen Diagnosen, „Gott anzuempfehlen.“ Das Gebet ist ihre persönliche Kraftquelle, der Austausch im Team die professionelle.

 

„In unserem Beruf gibt es sehr schöne Erlebnisse aber eben auch schwierige“, weiß sie aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrung. Gerade zu chronisch kranken Kindern, die fast ihr ganzes Leben lang medizinisch begleitet werden, entwickelt man eine besondere Beziehung, selbst wenn man um professionellen Abstand bemüht ist. Wenn so ein kleiner Patient trotz bester fachlicher Behandlung stirbt, ist das sehr schmerzhaft für das ganze Team. Dann ist der Austausch wichtig. Das Gespräch gibt Trost und Kraft. Es hilft zu wissen, dass man alles Menschenmögliche für das Kind und die Familie getan hat. Um auch in diesen bedrückenden Augenblicken weitermachen zu können, ist es wichtig, sich auf jene Kinder zu fokussieren, deren Schmerzen man lindern kann, auf Patienten, die dank des Krankenhauses gesund geworden sind. „Schatten und Licht liegen in unserem Alltag nah zusammen. In den schwierigsten Momenten ist ein Kinderlachen die beste Motivation.“

„Die Familie ist meine Heimat“

Noch heute sucht Dr. Hiyam Marzouqa das Gespräch mit ihrem  Vater, wenn ihr irgendwo der Schuh drückt. Der 82-Jährige ist trotz seiner altersgebrochenen Stimme eine Respektsperson. „Er kann gut zuhören, analysiert scharf und gibt mir immer weise Ratschläge“, beschreibt die Kinderärztin ihren Vater. Regelmäßig besucht sie ihre betagten Eltern. Auch das Verhältnis zu ihrer Mutter ist sehr herzlich. Mindestens zweimal im Monat trifft sich die gesamte Großfamilie zum gemeinsamen Essen, oft im Familienhotel, das Hiyam Marzouqas Eltern eröffneten, nachdem der Vater als Lehrer in Pension ging. „Die Familie ist meine Heimat, meine Wurzel. Ich kann und will nicht ohne sie sein“, erläutert die Kinderärztin. In den siebziger Jahren haben alle sieben Marzouqa-Geschwister dank Stipendien im Ausland studiert. Und bis auf eine Schwester leben heute alle wieder in und um Bethlehem. „Ich weiß nicht, wie meine Eltern es geschafft haben, die Familie so zusammenzuhalten“, fügt Hiyam Marzouqa nachdenklich hinzu. Ihre beiden erwachsenen Söhne studieren, wie einst sie selbst, im Ausland. Weder sie noch ihr Mann, ein Professor für physikalische Chemie, glauben, dass die beiden später einmal ins Westjordanland zurückkommen werden. Wie so viele junge, gut ausgebildete Menschen sehen sie kaum eine Lebensperspektive in der Region. Für Hiyam Marzouqa war immer klar, dass ihr Platz in Bethlehem ist. So kehrte sie auch nach der Facharztausbildung an der Universitätsklinik Würzburg nach Bethlehem zurück, „obwohl ich ein Stellenangebot an der Uniklinik hatte“. Sie fühlte sich dem Caritas Baby Hospital und der Kinderhilfe Bethlehem sehr verbunden, war dankbar für die Unterstützung und das Vertrauen, das man ihr entgegenbrachte. In den gesamten 30 Jahren hat sie nie ernsthaft in Betracht gezogen, eine andere Stelle anzutreten. Bis sie in etwa fünf Jahren pensioniert wird, möchte sie noch einige zukunftsweisende Projekte abschließen: So entsteht derzeit eine Beobachtungsstation für die kleinen Patienten, und das neurologische und pneumologische Angebot wird weiter ausgebaut.

Menschliche, nicht nur fachliche Kompetenz

 

Doch bauliche Maßnahmen und die inhaltliche Gewichtung sind nur ein Teil. Für Hiyam Marzouqa ist die menschliche Kompetenz ihres Teams ein besonderes Anliegen. „Liebe zu den Kindern und Geduld mit deren Eltern ist für den Arztberuf wesentlich“. Regelmäßig legt sie ihren Mitarbeitenden ans Herz, im Zweifelsfall externen Rat einzuholen, denn je komplexer die Medizin, desto hilfreicher sei ein großes Netzwerk von Spezialisten in der ganzen Welt. Die Essenz ihrer 30 Berufsjahre ist aber, dass ein Kinderleben immer das Wichtigste ist, – „alles andere im Klinikalltag kann warten.“

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Autorin: Livia Leykauf / Kinderhilfe Bethlehem im Deutschen Caritasverband e.V.; zusammengestellt von Gert Holle - 1.11.2019