Papstbesuch in einer der kleinsten katholischen Gemeinden Europas

Lettland und Estland: Franziskus reist in katholische Diaspora, wo Kirche auf Hilfe angewiesen ist

Wallfahrt nach Aglon. Foto: Bonifatiuswerk
Wallfahrt nach Aglon. Foto: Bonifatiuswerk

Text: Alfred Herrmann

 

 

 

Eine der „kleinsten katholischen Gemeinden Europas“ nennt Bischof Philippe Jourdan seine katholische Kirche in Estland. In Lettland dagegen lebt die Kirche zwischen Diaspora und Volksfrömmigkeit. Wenn Papst Franziskus am 24. und 25. September die beiden Länder am nordöstlichen Rand der Europäischen Union besucht, trifft er auf Kirche mit vielen Eigenheiten.

 

 

Eierfest, Frühlingsfest oder Schaukelfest – es gibt in Estland viele Namen für Ostern. Sie kreisen um Bräuche und den Frühlingsbeginn. Der christliche Ursprung steht für den Großteil der Gesellschaft nicht an erster Stelle. Vielen ist er gar nicht mehr präsent. Denn über 70 Prozent der Esten leben religionsungebunden. Sie gehören weder einer christlichen Konfession noch einer anderen Religion an. Neben Estland gibt es weltweit nur noch in Ostdeutschland und Tschechien eine solch säkularisierte Gesellschaft.

 

Früher evangelisch geprägt, bildet die lutherische Kirche in Estland mit etwa zehn Prozent der rund 1,32 Millionen Einwohner mittlerweile nur noch die zweitgrößte christliche Konfession. Gut 13 Prozent der Bevölkerung gehört der russisch-orthodoxen Kirche an, die Kirche der großen russischen Minderheit in der ehemaligen sowjetischen Teilrepublik.

 

Die katholische Kirche ist in Estland nicht viel größer als eine exotische Splittergruppe. Die rund 6.500 katholischen Christen, etwa 0,5 Prozent der Gesamtbevölkerung, leben in der Diaspora. Neun Pfarreien, davon eine mit griechisch-katholischem Ritus, erstrecken sich über das ganze Land, das größer als die Niederlande ist. Ein Bistum gibt es nicht. Bischof Jourdan steht einer Apostolischen Administratur vor.

 

Die Mehrzahl der Katholiken lebt in den großen Städten, in Tallinn, Tartu und Narwa. Die Sonntagsmessen werden auf Estnisch, Russisch, Polnisch und Englisch gefeiert, denn die Gläubigen kommen zum Großteil aus dem Ausland, traditionell aus Polen und Litauen. Die einheimischen Kirchenmitglieder finden sich sowohl in der estnischen Bevölkerungsmehrheit als auch in der russischen Minderheit.

 

 

 

Zwischen Diaspora und Volkskirche

 

Feiertag in Lettland: wenn Papst Franziskus am 24. September den baltischen Staat besucht, haben die Bürger offiziell frei. Das beschloss das lettische Parlament mit großer Mehrheit. Die Einwohner sollen die Zeit haben, an dem historischen Ereignis teilzunehmen.

 

Der lettische Staat zeigt sich nicht nur im Fall dieses spontanen Feiertags aufgeschlossen gegenüber den christlichen Kirchen, bestätigt Rigas katholischer Erzbischof Zbigņev Stankevičs: „Unsere politische Kultur hat in den vergangenen 30 Jahren einen tektonischen Wandel vollzogen“. Er weiß, wenn die drei großen christlichen Konfessionen des Landes, die evangelisch-lutherische, die russisch-orthodoxe und die katholische Kirche an einem Strang ziehen, werden sie von den staatlichen Institutionen gehört. Gemeinsam repräsentieren sie rund zwei Drittel der Bevölkerung. Mit rund 418.000 Gläubigen gehören gut 21 Prozent der Bevölkerung der katholischen Kirche an. Vier Diözesen erstrecken sich über den Staat an der Ostsee, Liepāja, Jelgava, Rezekne-Aglona und Riga.

 

Aufgrund der historisch-konfessionellen Prägung leben in weiten Teilen Lettlands katholische Christen in der Diaspora. Sie bilden eine kleine religiöse Minderheit. Im Südosten des baltischen

Staates, in der Diözese Rezekne-Aglona, gibt es dagegen volkskirchlich geprägte Regionen. Denn war Kurland durch deutschen Einfluss traditionell evangelisch-lutherisch geprägt, beeinflusste das katholische Polen-Litauen die südöstliche Lettgallen.

 

Katholiken finden sich in allen Bevölkerungsteilen. Ob Letten, Russen oder Migranten, die katholische Kirche versteht sich als Brücke zwischen den Ethnien. Rund ein Drittel der Bevölkerung zählt zur russischen Minderheit. In der katholischen Kirche im Osten des Landes wird daher mehrheitlich Russisch gesprochen, neben Lettisch die zweite Gottesdienstsprache im Land. „Wir sind eine universale Kirche und versuchen alle zu vereinigen“, betont Erzbischof Stankevičs, „das gibt uns eine gewisse moralische Autorität im Land.“

 

 

 

Solidarität aus Deutschland

 

Trotz hoher Akzeptanz, finanzielle Unterstützung vom Staat gibt es für religiöse Gemeinschaften in Lettland und Estland nicht. Die katholische Kirche lebt von Kollekten und Spenden, die oft nur für das Nötigste reichen. Für die Instandsetzung oder den Neubau von Kirchen und kirchlichen Einrichtungen bleibt dagegen kaum etwas übrig. Dabei galt es, nach dem Untergang des Sowjetregimes die Kirche wieder aufzubauen. Die kirchliche Infrastruktur war marode oder fehlte ganz.

 

Doch Dank der Solidarität von katholischen Christen vor allem aus Deutschland konnte der Neuaufbruch gelingen. So ermöglicht das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken bis heute, dass kirchliches Leben in den beiden baltischen Staat wachsen kann. Allein in den vergangenen sechs Jahren unterstützte das Spendenhilfswerk rund 90 Projekte mit vier Millionen Euro. Kirchen wurden gebaut, katholische Schulen gegründet, Klöster und ein Exerzitienhaus errichtet, soziale Projekte unterstützt. Damit der Glaube gelebt werden kann.

 

 

Bischof Philippe Jourdan über die kleine katholische Kirche und die estnische Gesellschaft

„Alle wollen den Papst in Estland sehen“

Bischof Jourdan. Foto: Bonifatiuswerk
Bischof Jourdan. Foto: Bonifatiuswerk

Am 25. September reist Papst Franziskus nach Estland. Dort trifft er auf eine sehr kleine Kirche, die in der Diaspora lebt. Über 70 Prozent der Bevölkerung gehören weder einer christlichen Konfession noch einer anderen Religion an. Mit dem Franzosen Philippe Jourdan, seit 2005 Bischof für Estland, sprach Alfred Herrmann.

 

 

 

Frage: Papst Franziskus kommt im September für einen Tag nach Estland. Was bedeutet dieser Besuch für die Kirche dort?

 

Bischof Jourdan: Der Besuch von Papst Franziskus stellt für uns eine größere Herausforderung dar wie sein Besuch die Kirche in Lettland oder Litauen. Dort gibt es eine etablierte katholische Tradition, während Estland von der religiösen Situation her eher Ostdeutschland gleicht. Papst Franziskus besucht mit Estland eines der am wenigsten religiösen Länder der Welt. Nur etwa 25 Prozent der Einwohner gehören einer Religion an. Und mit einem halben Prozent, rund 6.500 katholischen Christen bildet die katholische Gemeinde eine der kleinsten in Europa. Dieser Papstbesuch zeigt, dass die Evangelisierung bereits im Herzen Europas beginnt.

 

 

 

Frage: Was erwartet den Papst?

 

Bischof Jourdan: Der Papst absolviert in Tallinn ein straffes Programm. Er feiert auf dem Freiheitsplatz die heilige Messe, wird mit armen und kranken Menschen zusammen kommen und auf Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft treffen. Zudem soll es auf Wunsch von Papst Franziskus ein ökumenisches Jugendtreffen geben, sein vermutlich letztes mit jungen Menschen vor dem Beginn der Jugendsynode in Rom.

 

 

 

Frage: Was erhoffen Sie sich von diesem Besuch?

 

Bischof Jourdan: Das Motto für den Papstbesuch lautet „Mu süda, ärka üles“ – zu Deutsch „Wach auf, mein Herz“. Das sind die ersten Worte eines bekannten estnischen Volksliedes – eine Bearbeitung des Paul-Gerhardt-Liedes „Geh aus mein Herz“ durch den estnischen Komponisten Cyrillus Kreek. In diesem Motto zeigt sich eine Parallele zu den Worten, die Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch 1993 in Estland geprägt hat: „Ärge kartke!“, „Habt keine Angst!“. 27 Jahre nach der Befreiung hat Estland keine Angst mehr vor der Zukunft. Offensichtlich ist jedoch, dass es eine Erweckung der Seelen und Herzen braucht. Sie sind zerrissen, oft durch einen exzessiven Materialismus. Wir erhoffen uns daher vom Besuch des Papstes ein echtes Erwachen im Glauben, ein echtes Erwachen in unseren Herzen – und das nicht allein bei den Katholiken, sondern bei allen Esten.

 

 

 

Frage: Trotz dieser stark säkularisierten Gesellschaft nennt sich Estland auch „Maarjamaa“, „Land Mariens“…

 

Bischof Jourdan: Auch für den Papst wird es bedeutsam sein, dass Estland auch als „Maarjamaa“ bezeichnet wird, als „Land Mariens“. Papst Innozenz III. weihte diese Region vor 800 Jahren der Gottesmutter. Die Idee von Estland als Land Mariens blieb auch nach der lutherischen Reformation immer Teil der estnischen Kultur und Sprache. Auch Nichtgläubige kennen und benutzen dieses Wort „Maarjamaa“ als einen weiteren Namen für Estland.

 

 

 

Frage: Wie hat sich die Kirche seit dem Ende der Sowjetherrschaft entwickelt?

 

Bischof Jourdan: Auch wenn sie immer noch klein und schwach ist, die katholische Kirche in Estland wächst. Im Jahr 1991 schätzte man die Zahl der Katholiken auf 2.500. Heute sind es zwischen 6.500 und 7.000. Dabei gilt es zu beachten, dass in Estland wie in den anderen baltischen Staaten nach der Befreiung vom Sowjetregime die Bevölkerungszahl stark gesunken ist und zwar um etwa 15 Prozent.

 

 

 

Frage: Wie ist die Kirche in Estland organisiert?

 

Bischof Jourdan: Wir haben insgesamt acht Pfarreien des lateinischen Ritus und eine des östlichen Ritus und verfügen über 14 Priester. Das erscheint für unsere kleine Herde ziemlich viel. Aber wir müssen Menschen in einem Land erreichen, das ungefähr der Größe der Niederlande entspricht, und das in mindestens zwei Sprachen, in Estnisch und in Russisch.

 

 

 

„Dieses Wunder trat ein.“

 

 

 

 

 

 

Birgittenkloster. Foto: Bonifatiuswerk
Birgittenkloster. Foto: Bonifatiuswerk

Frage: Was bedeutete der Umbruch 1991 für die Kirche?

 

Bischof Jourdan: Die katholische Kirche in Estland musste sich nach dem Sturz des Sowjetregimes fast vollständig neu aufbauen. Es gab am Ende nur noch zwei Kirchen und einen Priester. In den 80er Jahren dachte man, nur ein Wunder Gottes kann uns Freiheit und Religionsfreiheit bringen. Und dieses Wunder trat ein! Allerdings: Wunder bedeuten nicht, dass Gott alles tut und der Mensch nichts beizutragen hat. Ohne die Großzügigkeit und Solidarität der katholischen Kirche in Deutschland wäre die Wiedergeburt der Kirche nicht nur in Estland, sondern in vielen Ländern Osteuropas nicht möglich gewesen.

 

 

 

Frage: Ein großes Zeichen der Solidarität…

 

Bischof Jourdan: Der Niedergang des Sowjetregimes war ebenso Vorsehung wie die Hilfe vieler deutscher Katholiken. Der Einfluss des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken auf das Glaubensleben in unserem Land ist in diesem Licht zu betrachten. Es ist wichtig für das Selbstverständnis künftiger Generationen, zu wissen, dass die Kirche nicht allein durch unsere eigenen Anstrengungen wieder aufgebaut wurde, sondern als eine gemeinsame, solidarische Anstrengung von Katholiken verschiedener Länder.

 

 

 

Frage: Inwieweit ist die Kirche in Estland heute unabhängig von Hilfsgeldern aus dem Ausland?

 

Bischof Jourdan: In solch einer extremen Diasporasituation ist die materielle Hilfe katholischer Organisationen aus anderen Ländern, insbesondere aus Deutschland, immer noch entscheidend. Natürlich müssen wir das Risiko der Abhängigkeit vermeiden, aber diese Solidarität ist ein Zeichen der Einheit der Kirche.

 

 

 

Frage: Ein Gebiet, größer als die Niederlande, gut 6.000 Katholiken, acht Pfarreien – Was bedeutet das, in solch einer Diaspora zu leben?

 

Bischof Jourdan: Wenn Priester nach Estland kommen, um hier zu arbeiten, sage ich ihnen: Estland ist ein Missionsland „im engeren Sinne“. Hier predigen sie nicht vor Menschenmassen, wie in Afrika oder Südamerika. Hier gibt es auch keine zahlreichen Einwanderer aus katholischen Ländern, die sich nach geistlicher Nahrung sehnen, wie in anderen Ländern Europas. In Estland bedeutet Mission, jeden einzelnen Menschen individuell zu erreichen, in Demut zu helfen und ihnen so viel Zeit zu geben, wie sie brauchen, ohne etwas zu erwarten. Es ist eben so, wie Papst Franziskus sagt: die Kirche muss nach draußen zu den Menschen gehen.

 

 

 

Frage: Was heißt das hier?

 

Bischof Jourdan: Mein Vorgänger, Erzbischof Eduard Profittlich SJ, ist ein gutes Beispiel und Vorbild. Er stammte aus Trier und starb 1942 in einem sowjetischen Konzentrationslager. Als Erzbischof nahm er sich die Zeit und traf sich in Tallinn mit Einzelpersonen, um diese zu Hause oder am Arbeitsplatz im katholischen Glauben zu lehren und zu begleiten. Ich bin sehr glücklich darüber, dass der Seligsprechungsprozess für Eduard Profittlich gut läuft. Die diözesane Phase dürfte bald abgeschlossen sein und die römische beginnen.

 

 

 

„Mich besorgt die Situation von Ehe und Familie“

 

 

 

Frage: Ein Viertel der estnischen Bevölkerung stammt aus Russland. Welche Herausforderung bringt das mit sich?

 

Bischof Jourdan: Wir stehen vor vielen Herausforderungen. Die Nationalitätsfrage ist natürlich eine von ihnen. Die katholische Kirche in Estland, besteht zu gleichen Teilen aus estnisch- wie aus russischsprachigen Gläubigen. Da sie sich weder über Nationalität noch Ethnie definiert, kann die Kirche etwa zur Integration und Einheit des Landes beitragen. So hat zum Beispiel unsere Caritas hunderte russischsprachige Kindern einen Sommer lang in estnischen Familien vermittelt, damit sie die Sprache lernen. Wenn du in einer Familie mitlebst, verstehst du, dass die anderen nicht so schlecht sind, wie dir gesagt wurde!

 

 

 

Frage: Wo sehen Sie weitere Probleme in der Gesellschaft?

 

Bischof Jourdan: Mich besorgt die Situation von Ehe und Familie. Laut EU-Statistik ist Estland das Land, in dem sich die Institution Ehe – und übrigens auch die der Familie – am stärksten auf dem Rückzug befindet. Daher ist es sehr gut, dass es in Tallinn und in Tartu eine christliche und eine katholische Schule gibt, in denen die Eltern die Werte erfahren, die sie sich für ihre Kinder wünschen. Aber das ist nur ein Tropfen im Ozean dessen, was alles getan werden müsste, um diese Situation zu ändern.

 

 

 

Frage: Wie ist die kleine katholische Diaspora-Kirche ökumenisch eingebunden?

 

Bischof Jourdan: In der Ökumene mache ich sehr positive Erfahrungen. Die zehn Kirchen, die in Estland vertreten sind, formulieren gemeinsame Positionen zu zentralen Fragen zum Beispiel zu Familie, Ehe, Lebensschutz oder Migration. Auch sandten der lutherische Erzbischof und ich dem Heiligen Vater eine gemeinsame Einladung. Der Papst wird also nicht nur von Katholiken, sondern auch von Lutheranern und vielen anderen Christen erwartet.

 

 

 

Frage: Welche Stimme hat die katholische Kirche in Estland? Wie wird sie gehört?

 

Bischof Jourdan: Als Kardinal Pietro Parolin, Staatssekretär im Vatikan, Estland besuchte, staunte er: „Alle, von den Schulkindern bis zur Regierung, wollen den Papst in Estland sehen.“ Daher: die Stimme unserer kleinen Gemeinschaft bildet nicht die einzige Stimme der katholischen Kirche in Estland, sondern die Stimme der Universalkirche, die Stimme des Papstes gehört auch dazu. Und diese Stimme ist wesentlich größer als unsere bescheidene Größe.

Informationen zur Katholischen Kirche in Estland

Tartu: Foto: Bonifatiuswerk
Tartu: Foto: Bonifatiuswerk

 

 

Apostolische Administratur Tallinn

 

Fläche:                                                45.339 Quadratkilometer (ganz Estland)

Katholiken:                                           6.500

Anteil an der Gesamtbevölkerung:       0,5 Prozent

Pfarrgemeinden:                                  9

Priester:                                               14

Riten:                                                    2

Ordensgemeinschaften:                        5

Bischof:                                               Philippe Jourdan

 

 

 

 

 

 

 

Hilfen des Bonifatiuswerkes in Estland

 

Das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken unterstützt seit 1995 die katholische Kirche in Estland. Das Spendenhilfswerk fördert den Bau, den Kauf und den Erhalt von Kirchen und Gemeindehäusern. Es nimmt sich der Weitergabe des Glaubens an Kinder- und Jugendlichen sowie innovativen, missionarischen Projekte an. So unterstützte das Bonifatiuswerk in der Zeit seit 2012 zehn Projekte mit fast 700.000 Euro, darunter die Erweiterung der katholischen Schule in Tartu, die Renovierung des Bildungshauses in Kodasema, die Instandsetzung des Gemeindehauses in Narva und die Sanierung der Bischofskirche St. Peter und Paul in Tallinn.

 

Spenden an: Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken, Bank für Kirche und Caritas

Paderborn eG, BIC GENODEM1BKC, IBAN DE46472603070010000100

 

Weitere Informationen unter: www.bonifatiuswerk.de.

 

 

 

 

 

Der Papst in Estland

 

Im Zentrum des Papstbesuches am 25. September in Estland steht die Messfeier am Freiheitsplatz in Tallinn am Nachmittag. Am Vormittag kommt es zunächst zu einer Begegnung mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens im Präsidentenpalast. Im Anschluss isst Papst Franziskus im Kloster der Birgittenschwestern zu Mittag und kommt dann in der Bischofskirche St. Peter und Paul mit armen und kranken Menschen zusammen. In der lutherischen Karlskirche soll es vor dem zentralen Gottesdienst ein ökumenisches Jugendtreffen geben.

 

Interview mit Erzbischof Zbigņev Stankevičs, Erzbistum Riga

„Wir versuchen alle zu vereinigen“

Rigas Erzbischof Stankevičs . Foto: Bonifatiuswerk
Rigas Erzbischof Stankevičs . Foto: Bonifatiuswerk

Rigas Erzbischof Stankevičs über den bevorstehenden Papstbesuch, die katholische Kirche und die Gesellschaft in Lettland

 

 

 

Seit acht Jahren leitet Erzbischof Zbigņev Stankevičs das Erzbistum Riga. Der 63-Jährige ist damit auch als ranghöchster Bischof Lettlands Metropolit der drei weiteren lettischen Diözesen Liepāja, Rēzekne-Aglona und Jelgava. Am 24. September empfängt er Papst Franziskus in seiner Bischofsstadt. Mit Erzbischof Stankevičs sprach Alfred Herrmann.

 

 

 

Frage: Herr Bischof Stankevičs, am 24. September besucht Papst Franziskus Lettland. Was bedeutet dieser Besuch für die katholische Kirche?

 

Bischof Stankevičs: Der Papstbesuch zeigt uns und der ganzen Gesellschaft: wir katholische Christen in Lettland, wir sind nicht allein. Wir sind Teil dieser universalen Kirche und haben eine über 800jährige Geschichte in diesem Land. Unser erster Bischof, der heilige Meinhard, kam aus Segeberg und damit aus Deutschland. Wir stehen also von Beginn an mit der universalen Kirche in Beziehung. Das ist die menschliche, die horizontale Dimension. Aber wir spüren durch diesen Besuch auch die vertikale Dimension: wir gehören zu Jesus Christus. Er ist unser Vorbild und unser Erlöser.

 

 

 

Frage: In welche Kirche kommt der Papst?

 

Bischof Stankevičs: Gut 20 Prozent der Bevölkerung Lettlands ist katholisch. In der Diözese Liepāja leben gerade einmal knapp 28.000 Katholiken, keine zehn Prozent der Bevölkerung. Sie leben in der Diaspora. Das Bistum Rezekne-Aglona zählt dagegen rund 103.000 Katholiken, ein Drittel der Bevölkerung. Dort gibt es Regionen, da ist das katholische Leben traditionell eher volkskirchlich geprägt.

 

 

 

„Wir versuchen alle zu vereinigen“

 

 

 

 

 

Frage: Wie wird die Kirche in der Gesellschaft wahrgenommen? Welche Stimme hat sie?

 

Bischof Stankevičs: Wir befinden uns in einer guten Situation. Verglichen mit den anderen Kirchen wird die katholische am stärksten wahrgenommen. Die Lutheraner sind zwar zahlenmäßig mehr – sie liegen bei etwa 35 Prozent – haben aber große innerkirchliche Probleme. Der orthodoxen Kirche – rund 10 Prozent der Bevölkerung – gehören vor allem Russen an, denen die Gesellschaft aufgrund der Vergangenheit reserviert gegenübersteht. Die katholische Kirche befindet sich hingegen in einer besonderen Situation. Ein großer Teil unserer Kirchenmitglieder sind Letten, aber es gehören ihr auch Russen, Polen und andere Nationalitäten an. Wir sind eine universale Kirche und versuchen alle zu vereinigen. Das gibt uns eine gewisse moralische Autorität.

 

 

 

Frage: Welche Rolle spielt dann die Ökumene für die katholische Kirche in Lettland?

 

Bischof Stankevičs: Die Ökumene ist für uns zentral. Eine christliche Konfession allein kann kaum etwas bewirken. Wir können nur gemeinsam Einfluss auf die säkularisierte Gesellschaft nehmen. Wir sprechen daher in ethisch-moralischen Fragen und zu politischen Prozessen mit einer Stimme. Ohne diese Einheit können wir Lettland nicht erneuern.

 

 

 

Frage: Sie sprechen von säkularisierter Gesellschaft: Wie gestaltet sich die gesellschaftliche Situation?

 

Bischof Stankevičs: Nach dem Ende der Sowjetzeit, 1991, herrschte zunächst großer Enthusiasmus und es zeigte sich auch eine religiöse Erneuerung. Seitdem ist ein Drittel der lettischen Bevölkerung ausgewandert. Heute erleben wir eine große Säkularisierungswelle. Unsere Gesellschaft hat zwar ihre Sensibilität für geistliche Fragen und Spiritualität nicht verloren. Allerdings ist sie von den neuen materiellen Möglichkeiten sehr eingenommen und stark konsumorientiert. Eine große Herausforderung für unsere Kirche: Wie können wir das Evangelium, unsere gute Nachricht in eine verständliche Sprache übersetzen? Wie können wir es als eine zentrale und sehr aktuelle Botschaft verkünden?

 

 

 

Frage: Und wie übersetzen Sie das Evangelium in die heutige Zeit?

 

Bischof Stankevičs: Wir machen das auf unterschiedlichen Ebenen: einmal in unseren Kirchen mit unserem liturgischen Angebot, der Feier der heiligen Messe, der Spendung der Sakramente. Zudem beteiligen wir uns an ökumenischen Gottesdiensten und Veranstaltungen. Schließlich haben wir die Möglichkeit, geistliche Impulse in den Medien zu setzen. Wir werden zu Konferenzen eingeladen und zum Meinungsaustausch angefragt. Die säkularisierte Gesellschaft ist durchaus an unserer Botschaft interessiert. Ich sehe da eine Offenheit und bin optimistisch.

 

 

 

„Die Scheidungsrate ist sehr hoch“

 

 

 

Frage: Wo liegen die sozialen Herausforderungen?

 

Bischof Stankevičs:  Es gibt hier viele Obdachlose, Drogensüchtige und Alkoholabhängige. Wir erleben schlimme Altersarmut, insbesondere bei kinderlosen Frauen und Männern. Sie bekommen nur eine kleine Rente und die Heizkosten sind sehr hoch. Bei meiner Einführung als Bischof habe ich daher die Priester meines Bistums gebeten, Caritasgruppen in ihren Pfarreien zu gründen. Langsam beginnt diese Arbeit Früchte zu tragen. Wir sind im Prozess.

 

 

 

Frage: Wie engagiert sich die Kirche konkret?

 

Bischof Stankevičs: Wir haben in Zusammenarbeit mit der Stadt Riga ein kleines Rehabilitationszentrum für Drogenabhängige aufgebaut. Außerdem haben wir ein Familienzentrum gegründet, in dem wir Ehevorbereitungskurse anbieten und zwar nicht nur für katholische Paare, sondern für alle. Mittlerweile werden wir sogar vom Justizministerium unterstützt.

 

 

 

Frage: Wie kommt das?

 

Bischof Stankevičs: Lettland hat eine sehr hohe Scheidungsrate, so dass sich auch die Behörden fragen, wie man diesem Problem begegnen kann. Unsere Vorbereitung für christliche Paare hat sie überzeugt. Wir haben daher unser Programm auf alle Paare ausgedehnt.

 

 

 

Frage: Wie finanziert sich die Kirche in Lettland?

 

Bischof Stankevičs: Wir sind nicht reich. Vom Staat bekommen wir nichts. Wir leben von Kollekten in den Sonntagsmessen und von Messintentionen, von Gaben für die Sakramente und von Spenden. Davon können wir meist nur die laufenden Kosten begleichen, oft nur Heizung und Strom. Wenn wir etwas renovieren müssen oder gar eine neue Kirche brauchen, wird es sehr schwer. Da sind wir auf die Unterstützung aus dem Ausland angewiesen, vor allem aus Deutschland, zum Beispiel durch das Bonifatiuswerk.

 

 

 

„Sei unsere Mutter!“

 

 

 

Frage: Vor 25 Jahren besuchte bereits Papst Johannes Paul II. das Land. Was hat sich seitdem verändert?

 

Bischof Stankevičs: Der Besuch damals hat die Kirche sehr gestärkt. Er hat ganz Lettland gezeigt, dass wir Katholiken keine Sekte sind. Wenn jetzt Papst Franziskus kommt, erinnern sich viele plötzlich wieder an den Besuch von Johannes Paul II. Der Weg ist für ihn also bereits bereitet, auch bei vielen Menschen, die nicht der Kirche angehören.

 

 

 

Frage: Gibt es ein Motto für den Papstbesuch?

 

Bischof Stankevičs: Ja, das Leitwort des Wallfahrtsortes Aglona: „Monstra te esse matrem“ „Zeige dich als Mutter“ oder auch etwas freier übersetzt: „Sei unsere Mutter!“

 

 

 

Frage: Was ist für den 24. September geplant?

 

Bischof Stankevičs: Am Vormittag soll es einen ökumenischen Gottesdienst in der lutherischen Domkirche in Riga, eine Begegnung mit alten Menschen in der katholischen Kathedrale und einen Besuch am lettischen Freiheitdenkmal geben. Am Nachmittag dann feiert der Papst die heilige Messe an unserem großen Wallfahrtsort Aglona. Dort erwarten wir viele Pilger, nicht allein aus Lettland, sondern zum Beispiel auch aus Weißrussland und Polen.

 

 

 

Frage: Was bedeutet Aglona für Lettland?

 

Bischof Stankevičs: Lettland wird auch als Terra Mariana bezeichnet, also als Land der Gottesmutter. Und Aglona, das ist Lettlands geistliches Herz. Zum jährlichen Wallfahrtstag, Mariä Himmelfahrt, pilgern mehr als 100.000 Menschen, um am 14. August abends am Kreuzweg oder tags darauf am zentralen Gottesdienst teilzunehmen. Zu diesem kommen sogar ganz offiziell der Staatspräsident, der Ministerpräsident und die Parlamentspräsidentin. Und auch die Vertreter der lutherischen und der russisch-orthodoxen Kirche sind da. Der Gottesdienst wird im Fernsehen übertragen. Das ganze Land blickt dann auf Aglona.

 

 

 

„Ja, wir haben natürlich Angst“

 

 

 

Frage: Welche Wirkung erhoffen Sie sich vom Papstbesuch?

 

Bischof Stankevičs: Natürlich erhoffe ich mir einen geistlichen Impuls für unser Land, vielleicht sogar den Beginn einer neuen Erweckungsbewegung. Dann feiert Lettland gerade 100 Jahre Unabhängigkeit. Wir sind direkte Nachbarn zu Russland und befinden uns nicht weit weg von den Auseinandersetzungen in der Ukraine. Der Papstbesuch kann uns im Frieden stärken. Lettland liegt zwar an der Peripherie der EU, aber es bildet eine wichtige Brücke nach Russland. Allein die Begegnung des Papstes mit der russisch-orthodoxen Kirche in Lettland kann eine Tür in diese Richtung öffnen, auch in der Hoffnung auf einen Papstbesuch dort. Zudem hoffe ich, dass der Papstbesuch die Beziehungen zwischen den drei baltischen Staaten stärkt und dem ökumenischen Dialog hilft.

 

 

 

Frage: Herrscht in Lettland große Angst vor Russland?

 

Bischof Stankevičs: Wir sind Nachbarn, Russland und Lettland, und zwar schon immer. Und: Ja, wir haben natürlich Angst, aber sie lässt uns nicht erstarren. Es ist unmöglich, jeden Tag über die Angst und die Gefahr nachzudenken, die von Russland ausgeht. Das Leben muss weitergehen. Wir wissen, wir sind Teil der EU und Mitglied der Nato, das lässt uns gelassen und ruhig unseren Weg weitergehen.

Informationen zur Katholischen Kirche in Lettland

Meinardinsel. Foto: Sr. Theresita M. Müller
Meinardinsel. Foto: Sr. Theresita M. Müller

 

 

 

Katholische Kirche in Lettland

 

Katholiken:                                  418.000

Anteil an der Gesamtbevölkerung: 21,4 Prozent

(Erz-)Bistümer:                           4 (Riga, Rezekne-Aglona, Jelgava, Liepāja)

Pfarrgemeinden:                         259

Priester:                                     161

Metropolit:                                  Erzbischof Zbigņev Stankevičs (Riga)

Bischöfe:                                    Jānis Bulis (Rezekne-Aglona), Edvards Pavlovskis    (Jelgava), Viktor Stulpins (Liepāja)

 

 

 

 

 

 

 

 

Hilfen des Bonifatiuswerkes in Lettland

 

Das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken unterstützt seit 1995 die katholische Kirche in Lettland. Das Spendenhilfswerk fördert den Bau, den Kauf und den Erhalt von Kirchen und Gemeindehäusern. Es nimmt sich der Weitergabe des Glaubens an Kinder- und Jugendliche sowie innovativen, missionarischen Projekte an. So unterstützte das Bonifatiuswerk seit 2012 über 80 Projekte in Lettland mit insgesamt fast 3,2 Millionen Euro – darunter den Neubau von Kirchen in Roja und Ugale, die Errichtung einer Suppenküche für Obdachlose und den Bau eines Familienförderzentrums in Riga, Weiterbildungskurse für Religionslehrer und religiöse Sommerfreizeiten für Jugendliche, den Bau eines Exerzitienhauses in Līvbērze und eines Karmel-Klosters in Ikšķile sowie die Sanierung eines katholischen Gymnasiums in Riga.

 

Spenden an: Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken, Bank für Kirche und Caritas

Paderborn eG, BIC GENODEM1BKC, IBAN DE46472603070010000100

 

Weitere Informationen unter: www.bonifatiuswerk.de.

 

 

 

 

 

Der Papst in Lettland

 

Im Zentrum des Papstbesuches am 24. September in Lettland steht die Messfeier am Marienwallfahrtsort Aglona am Nachmittag. Am Vormittag wird Papst Franziskus zunächst im Präsidentenpalast empfangen und anschließend Blumen am lettischen Freiheitsdenkmal ablegen. Im lutherischen Dom ist dann ein ökumenisches Treffen geplant. In der katholischen Kathedralkirche St. Jakob kommt es zu einer Begegnung mit alten Menschen bevor Papst Franziskus nach dem Mittagessen mit den lettischen Bischöfen nach Aglona fliegt.

 

Ein Kommentar von Monsignore Georg Austen, Generalsekretär des Bonifatiuswerkes

Papstbesuch am Rande der Christenheit

Monsignore Georg Austen. Foto: Bonifatiuswerk
Monsignore Georg Austen. Foto: Bonifatiuswerk

Wenn Papst Franziskus vom 22. bis 25. September das Baltikum bereist, kommt er in drei sehr verschiedene Staaten. Besucht er mit Litauen zu Beginn ein durchweg katholisches Land mit einer traditionsreichen Kirche, trifft er zunächst in Lettland und am letzten Tag in Estland auf katholische Christen in der Diaspora.

 

 

 

In Estland begegnet er einer weltweit fast einmaligen Situation. Für über 70 Prozent der Bevölkerung ist Religion zweitrangig oder ganz egal. Sie gehören weder einer christlichen Konfession noch einer anderen Religion an. Gleichzeitig ist die katholische Kirche so klein, wie in anderen Ländern sonst nur religiöse Splittergruppen – 6.500 katholische Christen, 0,5 Prozent der Bevölkerung. Natürlich kann man sich fragen: was will dort ein Papst? Da hat doch fast jede deutsche Pfarrei mehr Mitglieder als die gesamte Kirche in Estland?

 

 

 

Papst Franziskus geht an die Ränder, also auch dorthin, wo Katholiken, ja wo Christen eine Randgruppe bilden. In diesem Fall, wo sie in einer stark säkularisierten Gesellschaft leben – in Estland zeigt sich eine dynamische Kirche, ganz im Sinne: wo Kirche ist, da ist Leben! Wir sollten die Chance nutzen, die das päpstliche Scheinwerferlicht uns bietet und in diese eigenartige religiöse Situation hineinhören: Was will uns Gott mit dieser säkularisierten Gesellschaft sagen? Wie und wo begegnen wir Gott in solch einer areligiösen Welt? Was heißt das für unser Glaubensleben hier, für die Wirklichkeit in unserer eigenen Pfarrei? Immerhin gibt es solch eine Situation nur noch zweimal auf dieser Erde: in Tschechien und in Ostdeutschland!

 

 

 

Mehr Hoffnungs- als Bedenkenträger

 

Noch am Nachmittag vor seiner Estlandvisite wird sich Papst Franziskus ein ganz anderes Bild bieten. In Aglona, dem internationalen Marienwallfahrtsort in Lettland, wird er vor tausenden Gläubigen die Messe zelebrieren. Sie gilt als ein Höhepunkt seiner Baltikumreise. Eine fast volkskirchliche Frömmigkeit erwartet ihn dort.

 

 

 

Und auch das ist eine besondere Situation. Denn in Lettland leben katholische Christen ebenfalls als Minderheit, in westlichen Landesteilen sogar in extremer Diaspora. Da ist es beeindruckend, wie sich die Kirche den großen Herausforderungen in dieser Gesellschaft stellt, mit wieviel ehrenamtlichem Engagement, mit wieviel mehr Hoffnungs- als Bedenkenträgern. Sie nimmt sich den sozialen Problemen an, der Armut, der Instabilität der Familien, der Drogensucht, und zeigt, dass auch mit wenig Mitteln und kleinen Schritten eine Menge in der Gesellschaft bewegt werden kann. Die katholische Kirche in Lettland lässt sich nicht entmutigen, sondern mischt sich ein und gibt dem Glauben ein erkennbares Gesicht.

 

 

 

Allerdings, ohne die Solidarität der katholischen Christen aus Deutschland könnte weder die Kirche in Estland noch in Lettland auskommen. Insbesondere in den nun fast drei Jahrzehnten nach dem Ende der Sowjetherrschaft galt es die Kirche in den beiden Staaten wieder aufzubauen. Als kleine Minderheiten fehlten und fehlen auch heute noch dazu oft die finanziellen Möglichkeiten. Wenn also Papst Franziskus die Diasporakirchen in Estland und Lettland besucht, ergreifen wir die Chance, uns mit der Kirche in diesen baltischen Staaten vertraut zu machen. Und hören wir nicht auf, uns im Geiste und ganz pragmatisch solidarisch zu zeigen mit unseren Mitchristen am äußersten Rand der Christenheit.

 

 

 

Beitrag über das Bethlehemhaus in Riga und seinen Rehabilitationsbauernhof

Eine Zukunft für Alkoholabhängige in Rigas Bethlehemhaus

 

Sr. Theresita M. Müller SMMP, Redakteurin beim Bonifatiuswerk Paderborn

 
 

 

„In unserem kleinen Bethlehem sollen Menschen am Rand ein Stück Licht und Heimat erleben, wie Maria und Josef sie in Bethlehem gefunden haben“, sagt Liga Roke-Reimate, Mitarbeiterin im Bethlehemhaus für Alkohol- und Drogenabhängige in Riga. Die junge Frau arbeitet seit der Gründung 2011 im Bethlehemhaus und auf dem Rehabilitationsbauernhof des Vereins „Nova Vita“. Leben kann sie von dieser Arbeit nicht; ihren Unterhalt verdient sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Riga.

 

Die benachbarte katholische Franziskusgemeinde hat das 200 Jahre alte, stark renovierungsbedürftige Haus im Jahr 2011 dem Verein ‚Nova Vita‘ (‚Neues Leben‘) zur Verfügung gestellt.

 

 

95 Prozent der Menschen, die um Aufnahme in das Rehabilitationsprogramm bitten, sind Männer, die meisten seit 20 bis 25 Jahren abhängig, mit großen gesundheitlichen Problemen, geschieden oder alleinstehend, meist isoliert von ihrer Familie, 60 % waren schon einmal inhaftiert, 70 % haben schon andere Hilfsprogramme mitgemacht.

 

Jeder „Neue“ lebt und arbeitet zunächst zwei Monate lang auf dem Bauernhof. Die 16 Hektar große ehemalige Kolchose bei Olaine, 27 km südlich von Riga, gehört seit fünf Jahren zum Bethlehemhaus. Bislang haben 450 Personen das einjährige Rehabilitationsprogramm durchlaufen. Wie Maris, der vor einigen Jahren den Entzug mitgemacht hat und seitdem auf dem Bauernhof lebt. Ab und zu fährt er nach Riga, um seinem Kind und dessen Mutter ein wenig Geld zu geben. Maris verantwortet die landwirtschaftliche Arbeit. Es gibt Schafe, Ziegen, Hühner und einen Fischteich. Möhren, Tomaten, Radieschen, Gurken und Knoblauch werden angebaut. Alle arbeiten mit.

 

Das Ensemble und die hier wohnenden Männer wirken friedlich und entspannt. Doch die äußere Idylle ist nur eine Seite der Medaille. Die Schwierigkeiten des Entzugs und der völligen Isolierung der Abhängigen während ihres Aufenthaltes führen oft an die Grenze des Erträglichen. „Mit 25 war ich dem Alkohol und der Spielsucht verfallen. Ich wollte etwas ändern. Aber allein schafft man es nicht. Meine Mutter erzählte mir vom Bethlehemhaus. Morgen bin ich 100 Tage frei von Alkohol und Spielsucht“, erzählt Andris (Namen von der Redaktion geändert) stolz.

 

 

Die fünfzehn Männer im Bethlehemhaus und auf dem Bauernhof absolvieren ein strenges Programm: Mitarbeit im Haus und auf dem Hof, gemeinsame Gebetszeiten, viermal wöchentlich Therapie, einmal pro Woche ein Gespräch mit dem Seelsorger. Wer Alkohol oder Drogen konsumiert, wird sofort entlassen. Die Erfolgsquote liegt bei 20 Prozent, was im internationalen Vergleich überdurchschnittlich ist.

 

Gefördert wird das Bethlehemhaus vom Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken. Mitte Juni reisten 27 Vertreter der Diözesan-Bonifatiuswerke aus 15 deutschen Bistümern nach Lettland und informierten sich über die katholische Kirche vor Ort. „Unser Besuch gab uns einen guten Überblick über unterschiedliche Aspekte einer Kirche, die in ihrer Tradition mit einer leidvollen Geschichte während der Sowjetdiktatur leben muss. Es ist schön zu sehen, dass die Menschen vor Ort sich für ihren Glauben einsetzen und der kleinen Diasporakirche ein Gesicht in der Gesellschaft geben. Besonders beeindruckt hat mich, dass es mehr Hoffnungsträger als Bedenkenträger gibt“, sagte der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen.

 

Der Erzbischof von Riga, Zbigņevs Stankevičs, ist dankbar für die Entwicklung sozialer Projekte. „Das Erbe der Sowjetzeit ist bis heute spürbar. Bis zur Wende waren Gremien und soziale Gruppen innerhalb der Kirche verboten“, sagt der Erzbischof. Bischöfe wie Stankevičs und Edvards Pavlovskis aus dem Bistum Jelgava haben angefangen, Pfarrgemeinderäte und Caritasgruppen zu gründen. Das soziale Engagement von Laien in der Kirche wächst langsam.

 

Bis 1991 haben die Priester fast durchgängig allein gearbeitet. Sie wussten nicht, wem sie trauen konnten, hinter jedem hilfsbereiten Laien konnte sich ein Mitglied des „Komitees für Staatssicherheit“ (KGB) verbergen. Mittlerweile aber ist der Wille zur Einbindung von Ehrenamtlichen deutlich erfahrbar.

 

Die Kirche in Lettland ist eine materiell arme Kirche in einem armen Land. Sie erhält keinerlei finanzielle Unterstützung durch den Staat. Am Beispiel des Bethlehemhauses wird deutlich: Die Kirche lebt aus der Tradition und stellt sich mutig den Herausforderungen der Zeit. Die ist nur möglich durch das ehrenamtliche Engagement vieler Freiwilliger und der finanziellen Hilfe aus Deutschland.

 

Reportage über das Frauengefängnis „Iļğuciema cietums“ in Riga

Lebensqualität im Frauengefängnis „Iļğuciema cietums“ in Riga

 

 

Sr. Theresita M. Müller SMMP, Redakteurin beim Bonifatiuswerk Paderborn

 

 

„Dieses Haus ist mein Haus für zwei Jahre und sechs Monate“, sagt Marija* und spricht dabei vom Frauengefängnis „Iļğuciema cietums“ in Riga. 240 Frauen leben zurzeit im einzigen Frauengefängnis Lettlands; die älteste ist 73, die jüngste 15 Jahre. Sie sind inhaftiert wegen Totschlag, Betrug, Drogendelikten und Beschaffungskriminalität wie Raub und Einbruch.

 

Zwei bis sieben Frauen teilen sich eine Zelle. Der Tagesablauf ist streng geregelt: um 6 Uhr Aufstehen, 6:30 Uhr Frühstück, dann Arbeit. Für diejenigen, die einen Schulabschluss erwerben oder auch nur Lesen und Schreiben lernen wollen, ist von 8:30 bis 15 Uhr Unterricht. Daneben heißt es Kochen, Essen ausgeben und Gebäude reinigen. Zweimal täglich ist Appell, im Sommer auf dem Hof, im Winter im Gebäude. Manchmal dauert es bis zu anderthalb Stunden, bis die Anwesenheit aller Inhaftierten nachgewiesen ist; erst dann dürfen die Frauen sich wieder bewegen.

 

Man muss mancherlei bürokratische Hürde überwinden, um als unbeteiligter Besucher das Gefängnis betreten zu können. Hosen- und Jackentaschen müssen leer sein, kein Smartphone, Schreibblock oder Kugelschreiber gehen mit durch die streng kontrollierte Eingangstür, der Personalausweis wird einbehalten und auf die Richtigkeit der im Vorhinein gemachten Angaben überprüft.

 

Die Haftanstalt in Riga ist in drei Einheiten gegliedert: 65 Frauen befinden sich in Untersuchungshaft, 163 in Strafhaft, in der dritten Abteilung leben derzeit 12 Mütter mit ihren kleinen Kindern. Bis zum Alter von vier Jahren dürfen die Frauen ihre Kinder bei sich behalten. Während dieser Zeit können die Väter sie zu Wochenenden oder Ferien abholen. Danach werden die Kleinen, wenn möglich, in die Familien gebracht, ansonsten in eine Pflegefamilie oder in ein Kinderheim. In den einzelnen Häusern bewegen sich die Frauen frei, für die Kinder gibt es Schaukeln und einen Sandkasten. Fast mutet es normal an, wäre da nicht überall und ständig das Wachpersonal. In vier Schichten haben jeweils 18 Wachleute Dienst. Niemand bewegt sich unbeobachtet, es gibt keinen Privatbereich, auch die Toilettentür hat keinen Schlüssel.

 

Bei allem Reglement, aller Kargheit und Strenge gibt es doch viel Mutmachendes, viel Sorge um jede einzelne, betont Daina Strelēvica. Sie arbeitet seit 23 Jahren als katholische Seelsorgerin im Frauengefängnis. Mittlerweile verrichtet sie ihren Dienst ehrenamtlich, denn der Staat finanziert für je 300 Gefangene eine Stelle in der Pastoral, die Anzahl der Inhaftierten ist aber durch eine Justizreform auf 240 gesunken. Strelēvica ist auch Vorsitzende des Vereins „Iļğuciema sievietes“ (Frauen von Iļğuciema), der seit 2002 unterschiedliche Angebote zur Rehabilitation und Resozialisierung organisiert. Das Geld hierfür kommt vom Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken, vom Staat Lettland und von lettischen Bürgerbündnissen.

Die Gefängnisseelsorgerin erfährt immer wieder: „Ich bin für die Inhaftierten Freundin, Mutter, Schwester, Großmutter und Lehrerin des Glaubens, zu der sie immer kommen können. Viele sind mit denen, die zu Hause warten, nicht sehr eng verbunden. Ich habe mir angewöhnt, die Frauen als Mitglieder meiner Familie anzunehmen, als solche, für die ich Sorge und Verantwortung trage. Mir ist wichtig zu erkennen, was ich dazu tun kann, die Lebensqualität verurteilter Frauen zu verbessern, ihnen zu helfen, Ihr Denken, ihr Verständnis und ihre Werteorientierung zu ändern, damit sie in ihrem derzeitigen Leben ein wenig glücklicher werden.“

Auf die Frage, was ihr helfe, diese Arbeit über einen so langen Zeitraum zu tun, antwortet die Seelsorgerin: „Mein Dienst im Gefängnis ist sehr eng mit der Liebe Gottes zu mir verbunden. Ich verstehe ihn als Gottes Vertrauen in mich“, antwortet die Seelsorgerin. „Wenn Gott selbst uns so akzeptiert und liebt, wie wir sind, dann muss auch ich diese Frauen und alle Menschen annehmen, so wie wir uns selbst annehmen müssen, wie wir sind. Aber wir lernen voneinander und lehren uns gegenseitig, besser sein zu wollen, als wir sind, um so gut zu sein, wie Gott uns sieht. Und das können wir nur lernen und lehren, wenn wir wirklich versuchen, einander zu lieben. Das Lernen dieser Liebe ist das Wesentliche meines Dienstes im Gefängnis, es ist der größte Wert in meinem Leben, für den ich Gott danke und für den ich auch den vielen Frauen danke, denen ich seit 23 Jahren im Gefängnis begegne.“

Lilija Lipora ist eine derjenigen, die durch Vermittlung von Daina Strelēvica regelmäßig in die Haftanstalt kommen. Normalerweise arbeitet sie als Tänzerin und Choreographin mit Profis. Im Frauengefängnis tanzt sie mit einer Gruppe inhaftierter Frauen. „Viele der Frauen hier gehen mit hängendem Kopf und hochgezogenen Schultern“, sagt die Tänzerin. „Für mich ist grundlegend, dass sie lernen, bei sich selbst anzukommen, in sich hineinzuhören und langsam ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln. Dazu helfen ein aufrechter Gang und tiefes, bewusstes Atmen.“

Dass Liporas Vision nicht unrealistisch ist, beweisen die meist jungen Frauen der freiwilligen Tanzgruppe bei einer Vorführung für die Vertreter der Diözesan-Bonifatiuswerke, die im Juni Lettland besucht haben. „Ich lerne hier, mich nicht nur physisch, sondern auch emotional auszudrücken. Ich lerne viel über mich selbst und merke, wie ich mein Leben nach der Entlassung gestalten will“, sagt Kristine mit sichtbarem Stolz.

 

„Durch die vielen Angebote empfangen wir den Schwung, uns in die richtige Richtung zu entwickeln“, ergänzt Iveta und meint damit auch die Kunsttherapie, den Unternehmerkurs, die Vorlesungen über psychologische Persönlichkeitsentwicklung und den täglichen Schulunterricht,  der von der Alphabetisierung bis zur mittleren Reife führt. Es gibt auch die Möglichkeit, den Beruf der Schneiderin, Friseurin, Floristin, Hauswirtschafterin oder Informatikassistentin zu lernen.

 

Schwester Diana und Schwester Nellija, lettische Ordensfrauen der Gemeinschaft der Dominikanerinnen von Bethanien, und Schwester Hannah, einzige Deutsche im Haus der Dominikanerinnen in Riga, kommen vierzehntägig ins Frauengefängnis. Sie basteln und meditieren mit kleinen Gruppen von Frauen. Sie trainieren soziale Fähigkeiten, Feinmotorik und Konzentration und lehren sie, die Stille auszuhalten, den eigenen Fragen und Sehnsüchten nicht auszuweichen und ein Unrechts- und Schuldbewusstsein zu entwickeln. In kurzen Wortgottesdiensten laden sie ein, miteinander und füreinander zu beten und die unterstützende Kraft von Gemeinschaft zu erfahren.

 

Ziel aller Angebote ist es, dass die Frauen „die ihnen auferlegte Strafe besser nutzen können, um sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren“, wie Oberst Inna Zlatkovska, die Leiterin der Haftanstalt, in ihrem Dankesbrief an das Bonifatiuswerk schreibt. Weiter heißt es in dem Brief: „Dank Ihrer selbstlosen Sorge kehren nur wenige Frauen in das Gefängnis zurück, da es ihnen nach ihrer Entlassung gelungen ist, ihr Leben zu ordnen und ihre Lebensqualität zu verbessern.“

 

Definiert man „Lebensqualität“ als Kombination aus objektiven Lebensbedingungen und subjektivem Wohlbefinden, so will das Frauengefängnis in Riga ein kleines Stück Lebensqualität vermitteln.
Der Fotosalon Retrofoto beispielsweise erstellt mit den Gefangenen wunderschöne Portraitfotos im Stil der 20er bis 50er Jahre. Jede einzelne gestaltet ihr Abbild so, wie sie sich gerne sehen möchte – schön und klug und anziehend.
In der Kunsttherapie stellen sie kleine Kunstwerke in verschiedenen Techniken her. Ein Werkstück behalten sie, die anderen geben sie an die Spendenorganisation Ziedot.lv, welche sie zugunsten von Kindern mit Behinderung verkauft. Die Erfahrung, trotz Gefangenschaft andere Menschen unterstützen zu können, tut den Frauen gut.

 

Die Dominikanerinnen von Bethanien haben auch die Besuchserlaubnis für die Reisegruppe des Bonifatiuswerkes erwirkt. Zum Dank für die Möglichkeit des Besuchs hat sich Monsignore Georg Austen, der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, am Ende des Besuchs an die Inhaftierten gewandt und ihnen eine Ikone mit einem Engel übereicht: „Ich weiß, dass jeder Mensch Engel braucht, einen Engel im Himmel und Engel mit menschlichen Gesichtern. Ich wünsche Ihnen, dass diejenigen, die mit Ihnen arbeiten, Engel für Sie sind. Seien Sie auch gegenseitig Engel füreinander.“

 

Beim Verlassen der Haftanstalt überrascht einige Besucherinnen aus Deutschland der kleine Abzweig zur Toilette: in dem nicht abschließbaren Raum befinden sich zwei Toilettenschüsseln unmittelbar nebeneinander. Da bedauert man, kein Smartphone-Foto machen zu können.

 

* Namen der inhaftierten Frauen von der Redaktion geändert.

 

Am 18. August weiht der Erzbischof von Riga den Karmel „Maria, Mutter des Erlösers“ in Ikšķile ein und schließt das Klausurgitter

Erstes kontemplatives Kloster in Lettland vor dem offiziellen Start

 

Sr. Theresita M. Müller SMMP

 

 

„Überall werden Kirchen geschlossen. Wir beginnen etwas Neues“, sagt Schwester Elia Nehen (74), einst Nonne im Essener Karmelitinnenkloster „Maria in der Not“, seit 2002 in Lettland, um hier das erste kontemplative Kloster des baltischen Landes zu gründen.

 

 

So bewegt wie die Geschichte Lettlands ist auch die Lebensgeschichte von Schwester Elia. 1943 in Marburg geboren, trat sie nach ihrer Ausbildung zur Kindergärtnerin 1967 in den strengen Orden der unbeschuhten Karmelitinnen in Essen ein. Ihr weites Herz, ihre Offenheit für Neues und ihr Mut, ins Unbekannte aufzubrechen, blieben den Verantwortlichen nicht verborgen. 1998 bat die Ordensleitung sie, nach Kiew zu gehen, um beim Aufbau eines Karmelklosters zu helfen. Ein Jahr später führte sie der Weg von der Ukraine nach Kasachstan, wo sie in Karaganda das erste Kloster der unbeschuhten Karmelitinnen miteröffnete.

 

 

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs suchen junge Frauen in Lettland ein kontemplatives Kloster und fragen in Deutschland nach. Der Provinizial der Karmeliter, P. Dr. Ulrich Dobhan OCD, hat drei Schwestern vor Augen, die er für geeignet hält, einen Karmel in Lettland zu gründen. Eine der drei sagt Ja: Schwester Elia. Ab 2002 kommt sie vom Essener Karmel aus regelmäßig nach Riga und lernt die Kirche und die Sprache des baltischen Landes kennen. „Ich habe ein Jahr lang einen Ort für unser Kloster gesucht. Ich wusste, es gibt in Lettland ein Grundstück, ich wusste nur nicht, wo“, sagt sie.

 

 

Das Grundstück gab es: dort, wo im Jahr 1185 der Augustinerchorherr Meinard aus Segeberg als ersten Steinbau im Baltikum eine Kirche errichtete, um „jenem heidnische Volk den Frieden Gottes zu verkünden und in ihm allmählich den Funken des Glaubens anzuzünden“, wie der zeitgenössische Priester Heinrich aufgeschrieben hat. Das Grundstück ist die Schenkung einer Privatperson. Mit Unterstützung des Bonifatiuswerkes und Renovabis wird ein Kloster mit 18 Zellen gebaut.

 

 

Mittlerweile hat Schwester Elia fünf Mitschwestern, vier junge Nonnen aus Lettland, eine aus der Ukraine. Am 18. August weiht Erzbischof Zbigņevs Stankevičs aus Riga das Kloster ein und schließt das Klausurgitter. Das bedeutet, dass die Schwestern ihr Kloster nie mehr verlassen werden, keine Ausflüge, keinen Urlaub, keine Besuche bei der Familie. Möglich sind nur Arztbesuche und Einkäufe. Eine Ausnahme wird es aber dann doch geben: Ende September besucht Papst Franziskus den Wallfahrtsort Aglona im Südosten Lettlands. „Da wir ein Orden päpstlichen Rechts sind, ist es doch eigentlich klar, dass wir unseren Chef persönlich treffen wollen, wenn er schon ins Baltikum kommt“, sagt Schwester Elia.

 

 

Bei den 27 Vertretern der Diözesan-Bonifatiuswerke, die Anfang Juni die Kirche Lettlands und ausgewählte Projekte des Bonifatiuswerkes vor Ort kennengelernt haben, drängen sich beim Besuch im Karmel Fragen auf: Warum wählen Frauen heute noch ein Leben hinter Klostergittern? Entspricht ein solches Leben dem Aufruf des Papstes, an die Ränder der Gesellschaft zu gehen? Glauben die Nonnen denn, dass ihr Gebet die Klostermauern überspringt?

 

Die Antworten der Schwestern wirken überzeugt: „Unsere Berufung ist es, in der Verborgenheit zu leben“, sagt die zukünftige Priorin Elia. „Natürlich ist es ein Wagnis, hier in Lettland ein kontemplatives Kloster zu gründen, dazu braucht es immer auch ein Stück Freude am Abenteu­er. Anders ausgedrückt, es braucht die Überzeugung, zu dieser Zeit, an diesen Ort, zu diesem Dienst für die Kirche gerufen zu sein. Und: Ja, wir sind überzeugt, dass unser Gebet Mauern überspringt.“ Schwester Ester von Jesus (41) ergänzt: „Mit Anfang 20 dachte ich, dass alles irgendwie zu wenig ist. Ich war evangelisch und wusste zunächst nicht, was ich ändern sollte. Dann las ich die „Geschichte einer Seele“ von Theresia von Lisieux, die bei uns in Lettland sehr verehrt wird. Da ahnte ich: ‚Wenn ich mich selber ganz Gott gebe, gibt Gott sich mir auch.“

 

 

„Es ist schön zu sehen, dass sich Menschen hier in Ikšķile und überall in Lettland für ihren Glauben einsetzen und der kleinen Diasporakirche ein Gesicht in der Gesellschaft geben. Besonders beeindruckt hat mich, dass es mehr Hoffnungsträger als Bedenkenträger gibt“, sagt der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen.

 

Man darf keine Ansprüche an Bequemlichkeit stellen, wenn man Karmelitin werden will. Der Tagesablauf ist rhythmisiert durch das Gebet, die geistliche Lesung und die Arbeit. Zweimal täglich gibt es eine Erholungszeit zum gegenseitigen Austausch und zur eigenen Entspannung. Die Zellen sind karg, nur mit einem Bett, einem kleinen Schreibtisch mit Stuhl und einem Waschbecken ausgestattet. Die Schwestern leben von ihrer Hostienbäckerei, einem kleinen Klosterladen und den Spenden der Sonntagsgottesdienste.

 

 

Und dennoch – irgendetwas muss faszinieren an diesem Leben, das ganz auf Gott ausgerichtet ist und sich in allem auf ihn verlässt. Denn die sechs Karmelitinnen in Ikšķile wirken lebhaft und fröhlich. Es sind Frauen, die mitten im Leben stehen und die mit ihrer Art zu leben alle Oberflächlichkeit einer konsumorientierten, schnelllebigen Zeit in Frage stellen.

 

********************

Autor. Bonifatiuswerk; zusammengestellt von Gert Holle - 23.08.2018