Wie kann man die Migranten Deutschlands beim Aufbau einer neuen Existenz unterstützen?

Calais Jungle migration camp. (c) Èlise Lécuyer
Calais Jungle migration camp. (c) Èlise Lécuyer

Im Kontext der Migration gehört die Aneignung des Übergangslebensraums zu den Mitteln, die die Rekonstruktion der eigenen Persönlichkeit in Gang bringen. Von einer jungen französischen Designerin entwickeltes Beispielprojekt, das auf Deutschland übertragen werden kann.

 

 

 

Immigration in Europa

 

Im Jahr 2015 kamen die in der Europäischen Union asylsuchenden Personen überwiegend aus: Syrien, Kosovo, Afghanistan, Albanien, Irak, Pakistan, Eritrea, Serbien, Ukraine und Nigeria.

 

Die Zielländer der Migranten waren in den letzten Jahren zumeist Schweden, das über eine recht große Aufnahmefähigkeit verfügt, das Vereinigte Königreich mit seinem sehr liberalen Einwanderungssystem, Deutschland, das eine geringe Arbeitslosigkeit hat, sowie Frankreich, das über ein gutes Gesundheitssystem verfügt. Asylsuchende wandern aus sehr verschiedenen Gründen aus: Krieg, Unterernährung, wirtschaftliche Probleme, Naturkatastrophen, Dürren, Klimawandel und politische Konflikte.

 

Im Jahr 2017 haben 650.000 erstmalige Asylbewerber in den EU-Mitgliedstaaten einen Antrag auf internationalen Schutz gestellt, das heißt zweimal weniger als im Jahr 2016 (1.206.500 erstmalige Antragsteller). Die Zielländer variieren. Auf Deutschland entfielen im Jahr 2017 30 % der Anträge, auf Italien 20 %.

 

 

 

Immigration in Deutschland

 

Deutschland ist nach den USA das zweitbeliebteste Migrationsziel der Welt.Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und in seiner Folgezeit waren bis zu 12 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Gebieten (Schlesien und Ostpreußen) gezwungen, ins neu entstandene Nachkriegsdeutschland auszuwandern. Aufgrund des Arbeitskräftemangels während des Wirtschaftswunders der 1950er- und 1960er-Jahre unterzeichnete die westdeutsche Regierung bilaterale Einstellungsabkommen mit Italien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien. Diese Abkommen ermöglichten es den Einwanderern, in der Industrie in Berufen zu arbeiten, die eine geringe Qualifikation erforderten. Ein Großteil der Nachkommen dieser Einwanderer leben noch heute in Deutschland und viele haben die deutsche Staatsbürgerschaft erworben. In den 1980er-Jahren wanderte ein kleiner, aber stetiger Strom von Ostdeutschen in den Westen aus. Ein dritter Einwanderungsstrom ab Mitte der 1980er-Jahre waren Kriegsflüchtlinge, von denen Westdeutschland aufgrund seines uneingeschränkten Asylrechts eine größere Zahl aufnahm als jedes andere westeuropäische Land. Von 1986 bis 1989 suchten 380.000 Flüchtlinge Asyl, die hauptsächlich aus dem Iran und dem Libanon stammten. Zwischen 1990 und 1992 suchten zudem 900.000 Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, Rumänien und der Türkei in Deutschland Asyl. Im Jahr 1992 stellten 438.000 Personen einen Asylantrag und Deutschland nahm fast 70 % aller in der Europäischen Gemeinschaft registrierten Asylbewerber auf. Die wachsende Zahl von Asylbewerbern zog eine Verfassungsänderung nach sich, die das bis dahin uneingeschränkte Asylrecht stark einschränkte. Seit 2008 ist die Zahl der Asylbewerber deutlich zurückgegangen. Dann machten sich immer mehr Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien auf den Weg nach Deutschland. Im Januar 2005 trat ein neues Einwanderungsgesetz in Kraft, das Deutschland als „Einwanderungsland“ ausweist. Im April 2012 wurde in Deutschland die Blaue Karte EU als neuer Aufenthaltstitel eingeführt, die hochqualifizierten Nicht-EU-Bürgern unter bestimmten Voraussetzungen den Zugang zur Arbeit und zum Leben in Deutschland erleichtert.

 

2014 lebten rund 16,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. 8,2 Millionen von ihnen hatten keine deutsche Staatsbürgerschaft. Die meisten von ihnen hatten einen türkischen, ost- oder südeuropäischen Hintergrund.

 

Die Zahl der neu angekommenen Asylbewerber in Deutschland sank im ersten Halbjahr 2017 auf 90.389. Mit 22.320 kamen die meisten von ihnen aus Syrien, gefolgt von den Herkunftsländern Irak, Afghanistan und Eritrea. Deutschland hat im ersten Halbjahr 2017 reichlich 408.000 Asylanträge bearbeitet und fast 40 % von ihnen abgelehnt.

 

 

 

 

 

Wissenswertes über Flüchtlinge und Asyl in Deutschland

 

Deutschland hat die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 sowie die Dublin-III-Verordnung der EU unterzeichnet.

 

Deutschland ist an das Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge gebunden. Das Abkommen definiert Flüchtlinge als Personen, die in ihrem Heimatland aufgrund ihrer Religion, Rasse, Sexualität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder bestimmter politischer Überzeugungen verfolgt werden. Deutschland ist diesen Menschen gegenüber verpflichtet, sie keinen diskriminierenden Gesetzen zu unterwerfen und ihnen die Chance zur Assimilation zu geben.

 

Darüber hinaus hat Deutschland die Dublin-III-Verordnung der EU unterzeichnet, die festlegt, wie die Mitgliedstaaten mit im Land ankommenden Flüchtlingen umgehen. Gemäß der Verordnung müssen Asylanträge in dem EU-Staat bearbeitet werden, in dem der Flüchtling die EU zuerst betreten hat.

 

 

 

2016 war Rekordjahr für Asylanträge

 

2016 wurde der Rekord für Asylanträge gebrochen – 745.545 Anträge wurden im Laufe des Jahres gestellt. Mit 476.649 Bewerbungen wurde 2015 die zweithöchste Zahl an Anträgen in der deutschen Geschichte gestellt.

 

 

 

Westdeutschland ist Hotspot für Flüchtlinge

 

Nordrhein-Westfalen (NRW) ist das bevölkerungsreichste der 16 Bundesländer. Im Vergleich zum Rest des Landes hat das Bundesland zudem eine hohe Zuwanderungsrate. Die südlichen Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern sind mit über 20 % der Bewerbungen im Jahr 2016 die zweitbeliebtesten unter den Asylsuchenden.

 

 

 

Die meisten Bewerbungen von Männern? Stimmt so nicht.

 

Die Verteilung der Asylbewerber ändert sich von Jahr zu Jahr. Im Jahr 2016 waren zwei von drei Asylbewerbern männlich, im Jahr 2017 waren 38 % weiblich. Unter den Flüchtlingen über 55 Jahre sind mehr Frauen, jedoch macht diese Altersgruppe nur einen sehr geringen Anteil an den Gesamtanträgen aus.

 

 

 

Viele Asylanträge für Babys

 

Regierungszahlen zeigen, dass sich in Deutschland vor allem zwei Altersgruppen um Asyl bewerben: Personen zwischen 18 und 30 Jahren sowie sehr kleine Kinder unter 4 Jahren. Aus diesen Gruppen stammte im Jahr 2017 fast jeder vierte eingereichte Asylantrag.

 

 

 

Anzahl der Afghanen unter den Bewerbern sinkt

 

Seit 2016 führt Berlin umstrittene Abschiebungen von Afghanen in ihre Heimat durch. Diese Politik wird stark kritisiert und hält möglicherweise viele Afghanen davon ab, in Deutschland Asyl zu suchen. Syrer bildeten 2016 und 2017 die größte Gruppe von Antragstellern.

 

 

 

Erfolg der Bewerbungen geht zurück

 

Im Jahr 2017 wurden rund 44 % der 444.359 Asylentscheidungen zugunsten des Antragstellers entschieden. Einige Antragsteller erhielten „subsidiären Schutz“, der sie vor der Abschiebung durch die Behörden schützt, jedoch einer großen Ungewissheit überlässt.Die Chancen der Antragsteller, irgendeine Art von Schutz zu erhalten, werden geringer.

 

 

 

Subsidiärer Schutz nimmt zu

 

Im Jahr 2015 wurde die als „subsidiärer Schutz“ bezeichnete Art von Asyl so gut wie nie gewährt. Im Jahr 2016 stieg diese Zahl jedoch auf 22 % aller Fälle. Der subsidiäre Schutz ist umstritten, da die Regierung Anfang 2016 entschied, dass dieser den Familiennachzug nach Deutschland ausschließt. Zum Zeitpunkt dieser Entscheidung stieg die Anzahl der Personen, die subsidiären Schutz erhielten, sprunghaft an.

 

 

 

Migranten, Flüchtlinge und Asylsuchende benötigen alle einen Übergangslebensraum, um die Rekonstruktion ihrer eigenen Persönlichkeit in Gang zu bringen – egal, ob sie bereits im gewünschten Land angekommen sind oder sich noch auf dem Weg dorthin befinden. Durch das Studium dieser Zusammenhänge und die Berücksichtigung der verschiedenen Bedürfnisse dieser Personen hat Élise Lécuyer im Rahmen ihres Studienabschlussprojekts eine auf diese Menschen abgestimmte Lösung erarbeitet. Ihr Vorschlag eröffnet eine Alternative zu bestehenden Initiativen.

 

 

 

BAYTI

Bayti ist ein sowohl soziales und menschliches als auch architektonisches Projekt, um Menschen im Transit eine angepasste Unterbringung zu bieten – insbesondere Migranten und Flüchtlingen. Es unterstützt die Rekonstruktion der eigenen Persönlichkeit durch Bereitstellung eines flexiblen und anpassungsfähigen Systems, das es jedem erlaubt, sich den Raum entsprechend seiner Kultur, seiner Bedürfnisse und seiner Lebensweise anzueignen. Das Instrument der Verständigung zwischen Flüchtlingen und Nichtregierungsorganisationen ermöglicht es zudem, Daten für ein besseres Verständnis der Gruppen zu sammeln. Darüber hinaus bietet Bayti eine Lernmethode, um Lebensräume zu verändern oder zu entwickeln. So fühlen die Migranten sich geschätzt und ihr Resilienzprozess wird unterstützt.

Calais Jungle migration camp. (c) Èlise Lécuyer
Calais Jungle migration camp. (c) Èlise Lécuyer

 

 

 

Weitere Details zum Projekt

 

Die junge Designerin hat den Dschungel von Calais und das Linière-Camp am Rand von Grande-Synthe in Frankreich aufgesucht, um die Situation und die Lebensbedingungen vor Ort besser zu verstehen. Bayti bietet ein temporäres Unterbringungssystem an, das verschiedene Wohnformen berücksichtigt – mit dem Ziel, die Rekonstruktion der eigenen Persönlichkeit zu ermöglichen. Im Mittelpunkt steht die Rekonstruktion der eigenen Persönlichkeit durch Bereitstellung eines flexiblen und anpassungsfähigen Systems, das es jedem erlaubt, sich den Raum entsprechend seiner Kultur anzueignen.

 

Das Angebot umfasst drei Stufen:

 

  • Die erste Phase besteht in der Bereitstellung eines Instruments der Verständigung zwischen Flüchtlingen und Nichtregierungsorganisationen, das darauf abzielt, ihre Unterkunft zu entwerfen und in Form eines einfachen Spiels mit schematisierten Regeln durchgeführt wird. Dies ermöglicht eine gemeinsame Gestaltung des Lebensraums sowie die Sammlung von Daten für Nichtregierungsorganisationen, um Gruppen und Einzelpersonen besser zu verstehen und so die Präsenz des Staates vor Ort zu begrenzen.
  • Die zweite Phase betrifft die Unterbringung selbst. Sie besteht aus zwei Elementen: Ein Glashaus dient als äußere Schutzhülle, während die Innenmodule die verschiedenen Lebensräume definieren. Das Glashaus wird nach einem industriellen Verfahren gefertigt und kann in Serie hergestellt werden. Es bietet eine große Fläche zu geringen Kosten und sichert die thermischen Funktionen des Lebensraums. Die Innenmodule können ebenfalls in Serie gefertigt und problemlos auf- und abgebaut werden.
  • Die letzte Phase ist eine Bewusstseinsbildung zur Lebensraumtransformation mittels einer Lernmethode in Form partizipativer Workshops. Diese Methode ermöglicht eine Wertschätzung des Einzelnen, indem die Personen in die Entwicklung ihrer Umwelt einbezogen werden und ihr Know-how herausgestellt wird, was den Resilienzprozess unterstützt.

 

 

 

Durch die Berücksichtigung der wachsenden Ströme im komplexen Kontext der gegenwärtigen Migrationen stellt Bayti die Probleme in Frage, mit denen unsere Gesellschaft im Hinblick auf die Unterbringungsbedingungen von Migranten konfrontiert ist, und schlägt Lösungen vor, die besser auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen zugeschnitten sind.

 

 

 

Das Projekt von Élise Lécuyer basiert auf der Resilienz – der menschlichen Resilienz sowie der Resilienz des Lebensraums. Ihr Projekt umfasst:

 

  • einen psychologischen Aspekt: wie gelingt es, nach einem traumatischen Schock sein Leben, seine eigene Persönlichkeit wieder aufzubauen;
  • einen architektonischen Aspekt: wie kann ein Konstruktionssystem nach einer Änderung seine ursprünglichen Eigenschaften wiedererlangen;
  • einen städtebaulichen Aspekt: wie kann man sich Ereignissen anpassen, um die Auswirkungen von Naturkatastrophen zu begrenzen und zu einem normalen Funktionieren zurückzufinden.

 

Orientierungspunkte sorgen dafür, dass die Person sich sicherer fühlt: physisch, materiell, emotional und rechtlich.

 

 

(c) Èlise Lécuyer
(c) Èlise Lécuyer

Bayti mit den Worten von Florent Orsoni, Leiter des Sustainable Cities Design Lab:

 

„Die europäische Migrationskrise sowie die Schwierigkeiten bei der Aufnahme von Migranten bestimmen seit Langem die Schlagzeilen. Élise hat dieses Thema in ihrem Studienabschlussprojekt aufgegriffen. Wie kann eine würdige Aufnahme aussehen, die gleichzeitig die sehr starken wirtschaftlichen Zwänge berücksichtigt?
Die Stärke des Projekts liegt in dem fundierten Wissen, das Élise während ihres Aufenthalts im ‚Dschungel‘ von Calais erworben hat, sowie in dem Netzwerk von Akteuren, die sie für die Umsetzung des Projekts gewinnen konnte. Élise gibt sich nicht damit zufrieden, einen Lebensraum für Notlagen bereitzustellen: Sie bettet diesen Lebensraum in einen Prozess der Rekonstruktion der eigenen Persönlichkeit ein. Daher hat Élise eine breite Palette von Designwerkzeugen angewandt, um ein System zur Unterstützung der Layoutgestaltung zu schaffen, sowie eine Fertigteilbauweise, welche die Entwicklung eines ökologisch gestalteten Lebensraums ermöglicht, der problemlos modellierbar und flexibel ist und dessen Kosten überschaubar sind. Gemeinsam mit ihrem Netzwerk von Akteuren arbeitet Élise an der Weiterentwicklung ihres Projekts. »

 

Florent Orsoni, Leiter des Sustainable Cities Design Lab

 

 

 

Videopräsentation des Projekts: BAYTI mit den Worten von Florent Orsoni, Leiter des Sustainable Cities Design Lab

Die Designerin  Èlise Lécuyer

Èlise Lécuyer. Foto: Jean-Charles Quéffelec
Èlise Lécuyer. Foto: Jean-Charles Quéffelec


 

 

 

Nach einem Abschluss in Design und Angewandter Kunst der Universität Straßburg begann Élise einen Bachelor-Studiengang in Innenarchitektur an der École de design. Nach einem Praktikum bei Olivier Rigate in Straßburg und Neil Wilson Design als Junior-Innenarchitektin in Newcastle, Großbritannien, absolvierte sie den Masterstudiengang „Mutationen der bebauten Umwelt“. Aufgrund ihres besonderen Interesses für soziales Design beschäftigte sie sich mit Übergangslebensräumen: dem Leben in Notsituationen.
Ihr abschließendes Praktikum bei Encore Heureux Architectes in Paris bestärkte sie in ihrem Glauben an die kollaborativen Aspekte eines umweltfreundlichen Designs. Sie schloss ihr Studium im September 2017 mit Auszeichnung ab und erhielt für die Verteidigung ihrer Abschlussarbeit die Anerkennung der Jury. Élise arbeitet heute als Innenarchitektin bei der Agentur Naço in Paris.
eliselecuyerdesign@gmail.com

 

www.issuu.com/eliselecuyer

 

 

 

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Autor: L’École de design Nantes Atlantique – 19.06.2018