„Du bist wie alle anderen“

Foto: © Bettina Flitner / Kindermissionswerk
Foto: © Bettina Flitner / Kindermissionswerk

Von Verena Hanf

 

 

Nicht immer ist es für Ángeles leicht, ihre Behinderung zu akzeptieren. Die Wohnsituation ihrer Familie erschwert den Alltag des Mädchens zusätzlich. Umso wichtiger ist die Unterstützung durch Freunde, Schule und Yancana Huasy, eine von den Sternsingern geförderte Einrichtung für Kinder mit Behinderung in der peruanischen Hauptstadt Lima.

 

Ángeles ist so sanft, freundlich und lieblich, als repräsentiere sie mit ihrem Wesen ihren Vornamen – „Ángeles“ kommt aus dem Spanischen und bedeutet Engel. Doch hinter der zerbrechlich wirkenden Achtjährigen lässt sich ein starker Charakter erahnen. Schüchtern, aber selbstbewusst beantwortet sie Fragen. „Ja, ich gehe gerne in die Schule“, sagt sie. „Mathematik ist mein Lieblingsfach.“ In ihrer Freizeit liest sie oft, vor allem Märchen. „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ mag sie besonders. Sie schaut auch gerne fern oder spielt mit ihren Freundinnen – am liebsten Klatsch- oder Ballspiele. Die Freundinnen müssen genau zielen, denn Ángeles sitzt wegen einer Muskelkrankheit im Rollstuhl. Die Mädchen kichern viel beim Spiel, sie kennen sich gut und besuchen gemeinsam die zweite Klasse.

 

Dass Ángeles nicht laufen kann, ist für ihre Freundinnen kein großes Thema. „Wir helfen ihr manchmal in der Pause“, sagt Melanie. „Wir holen ihr am Schulkiosk etwas zu essen, wenn sie es will“, berichtet Camilla. Klassenkameradin Sol umarmt Ángeles manchmal etwas zu mütterlich, und Ángeles wehrt freundlich ab, wenn es ihr zu viel wird. Heute auf dem Schulhof wollen alle drei Mädchen gleichzeitig Ángeles schieben, denn sie hat einen neuen Rollstuhl. Sie hat ihn von Yancana Huasy bekommen, der Therapie- und Fördereinrichtung für Kinder mit Behinderung, die von den Sternsingern aus Deutschland unterstützt wird.

 

Mangelhafte Infrastruktur

 

Nach dem Unterricht wird Ángeles von ihrer Mutter Helen und ihrem kleinen Bruder Jesús abgeholt. Der Rollstuhl bleibt in der Schule. Für den Heimweg nutzen sie einen leichten Kinderbuggy. Ángeles’ Mutter ist eine kräftige Frau, dennoch ist es für sie eine besondere Anstrengung, ihre Tochter und den Buggy den steilen Pfad mit den unebenen Stufen bis nach oben zu ihrem Häuschen zu tragen. Ángeles’ Familie lebt in einem Armenviertel am Rand von Lima, dort, wo die peruanische Hauptstadt in die Berge ausfranst. Schlichte Hütten säumen die Berghänge. Eine Infrastruktur ist nur in Ansätzen vorhanden. Asphaltierte Wege gibt es hier oben nicht.

 

Vor gut einem Jahr kam es zu einem Unfall, über den Ángeles und ihre Mutter bis heute kaum sprechen können. Auf dem Weg zur Schule rutschte Helen mit ihrer Tochter auf dem Rücken aus. Beide stürzten zu Boden. Ángeles brach sich die Hüfte und musste operiert werden. Bis heute hat sie manchmal Schmerzen. Helen plagt sich mit Schuldgefühlen, obwohl alle sie ihr auszureden versuchen. Ihr Traum ist eine Wohnung in der Ebene, wo die Straßen mit dem Rollstuhl befahrbar sind. „Jetzt kann ich Ángeles noch tragen. Aber sie wird größer und schwerer“, sagt die 35-Jährige. „Ich werde älter, meine Kräfte schwinden. Irgendwann werde ich sie nicht mehr tragen können.“ Aber die Mieten im unteren Teil des Viertels sind zu hoch. Ángeles’ Vater schickt selten Geld, und Helen kann wegen der Kinder nicht arbeiten gehen. Die Begleitung ihrer Tochter nimmt viel Zeit in Anspruch. Morgens geht das Mädchen zur Therapie, nachmittags zur Schule. Nur der Sonntag ist frei.

 

Liebevolles Miteinander

 

Obwohl die Tage lang scheinen, geht Helen geduldig mit ihren Kindern um. Mit liebevollen Gesten kämmt sie vor der Schule Ángeles’ Haar und flicht bunte Bänder hinein. Sie ist froh, dass ihre Tochter fleißig lernt und viele Freundinnen hat. „Natürlich leidet sie manchmal, weint und sagt, dass sie gerne laufen und tanzen würde und warum sie nicht wie alle anderen sei“, berichtet Helen. „Ich antworte ihr: Du bist wie alle anderen. Das einzige, das dich unterscheidet, ist, dass du nicht laufen kannst.“ Zufrieden sind beide mit den Therapien, die Ángeles in Yancana Huasy besucht. „Sie helfen ihr sehr, und das von klein auf“, sagt Helen dankbar. „Meine Tochter geht gerne dorthin.“ Ángeles drückt kurz ihr Gesicht in die Halskuhle der Mutter, als diese sie vorsichtig hochhebt. Sie lächeln sich an, bevor es wieder auf den steilen Pfad geht.

 

Wichtige Lobbyarbeit

Neben der praktischen und therapeutischen Unterstützung von Kindern mit Behinderung und ihrer Familien betreibt die Einrichtung Yancana Huasy auch wichtige Lobbyarbeit: Seit der Gründung im Jahr 1981 setzt sie sich nachdrücklich für die Rechte und die Inklusion von Kindern mit Behinderung ein. Sie fordert von der Regierung uneingeschränkten Zugang zur Bildung sowie ein größeres Budget für eine behindertengerechte Infrastruktur und eine bessere medizinisch-therapeutische Versorgung von Menschen mit Behinderung.

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Autor: Kindermissionswerk; zusammengestellt von Gert Holle - 7.12.2018