Wir gehören zusammen – in Peru und weltweit!

Segen bringen, Segen sein.

Foto: © Martin Steffen / Kindermissionswerk
Foto: © Martin Steffen / Kindermissionswerk

„Menschen sind nicht behindert, sie werden in vielfacher Weise in unserer Gesellschaft behindert. Das müssen Kinder erst einmal verstehen und wir Erwachsenen natürlich auch“, so Prälat Dr. Klaus Krämer, Präsident des Kindermissionswerks ,Die Sternsinger‘, im Interview.

 

Zum 61. Mal werden rund um den Jahreswechsel die Sternsinger in die Aktion Dreikönigssingen starten. „Segen bringen, Segen sein. Wir gehören zusammen – in Peru und weltweit!“ heißt das Motto der aktuellen Aktion, bei der in allen 27 deutschen Bistümern wieder Kinder und Jugendliche in den Gewändern der Heiligen Drei Könige von Tür zu Tür ziehen werden. Beispielland ist Peru, im Fokus stehen diesmal Kinder mit Behinderung. Im Interview erklärt Prälat Dr. Klaus Krämer, Präsident des Kindermissionswerks ,Die Sternsinger‘, unter anderem die Hintergründe zum Aktionsthema und zum Beispielland.

 

 

1. Das Motto der aktuellen Aktion Dreikönigssingen lautet: Segen bringen, Segen sein. Wir gehören zusammen – in Peru und weltweit! Wer gehört hier zusammen? Was genau ist damit gemeint?

 

Bei der aktuellen Aktion Dreikönigssingen nehmen wir Kinder mit Behinderungen in den Fokus. Dieses Thema erläutern wir am Beispiel von Mädchen und Jungen in Peru. „Zusammen“ bedeutet hier: Kinder mit und ohne Behinderung gehören zusammen. Die

 

Sternsinger in Deutschland unterstreichen das mit ihrem Engagement. Sie stehen an ihrer Seite, nicht über oder vor ihnen. Mit den Bildungsmaterialien für die Sternsinger wollen wir es den Mädchen und Jungen hier erleichtern, eventuelle Hemmschwellen zu überwinden, ein Bewusstsein dafür zu bekommen, dass Kinder mit einer Beeinträchtigung unter anderem genauso spielen, lachen und lernen können wie sie selbst. Menschen sind nicht behindert, sie werden in vielfacher Weise in unserer Gesellschaft behindert. Das müssen Kinder erst einmal verstehen und wir Erwachsenen natürlich auch.

 

 

2. Kinder mit Behinderungen leben in vielen Ländern. Warum ist ausgerechnet Peru das Beispielland der 61. Aktion Dreikönigssingen?

 

Weil die Lebenswirklichkeit für Kinder mit Behinderung in Peru schlecht ist. Dabei gibt es eigentlich gute gesetzliche Voraussetzungen in Peru, denn immerhin wurden wichtige UN-Kinderrechtskonventionen zum Schutz von Kindern mit Behinderungen unterschrieben, aber eine statistische Erhebung aus dem Jahr 2012 zeigte deutliche Mängel in deren Anwendung. Ein Ergebnis dieser Erhebung: Nur ein Prozent der Schulen im Land ist für Kinder mit einer körperlichen Behinderung zugänglich. 70 Prozent der Lehrkräfte geben an, für die Begleitung von Kindern mit Behinderung nicht vorbereitet zu sein. Grund genug für uns, nach Peru zu schauen und vor allem gute Beispiele für eine gelungene Arbeit für Kinder mit Behinderungen und deren Familien in den Vordergrund zu stellen. Ein solches Vorzeige-Projekt ist Yancana Huasy in Lima, das sich schon seit über 35 Jahren für Kinder mit Behinderung einsetzt.

 

 

3. Was genau passiert in dem Projekt Yancana Huasy?

 

Im Zentrum Yancana Huasy, der Name stammt aus der Quechua-Sprache und bedeutet „Haus der Arbeit“, erhalten Mädchen und Jungen mit geistiger und körperlicher Behinderung unabhängig von der finanziellen Situation ihrer Familien Unterstützung, Fürsorge und Geborgenheit. Das Zentrum liegt inmitten eines riesigen Marktes in einem Armenviertel von Lima. Jährlich besuchen ungefähr 1.000 Kinder und Jugendliche mit Behinderung diese Einrichtung. Hier werden sie therapeutisch begleitet, erhalten soziale, und psychologische Hilfestellungen. Ganz wichtig ist es, eine Kontinuität in der therapeutischen Begleitung für die Kinder zu gewährleisten. Erreichte Fortschritte bei jedem einzelnen Kind sind für die Mitarbeiter von Yancana Huasy die schönsten Momente ihrer oft anstrengenden Arbeit. Neben der direkten Betreuung der Mädchen und Jungen werden aber auch ihre Eltern im Zentrum begleitet und beraten. Darüber hinaus finden Hausbesuche statt, und die Mitarbeiter von Yancana Huasy engagieren sich für die Lobbyarbeit für Kinder mit Behinderung.

 

4. Menschen mit Behinderung sind vom öffentlichen Leben oftmals ausgegrenzt. Wie kann sich das ändern? Muss die gesellschaftliche Verantwortung nicht stärker herausgefordert werden?

 

Das versuchen wir gemeinsam mit unseren Partnern in den jeweiligen Ländern. Aber ich denke über alle Ländergrenzen hinweg müssen die Gesellschaften mehr und mehr dahin kommen, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und nicht seine Behinderung.  Oftmals sind es die Vorurteile und Ängste in unseren Köpfen, die verhindern, dass Barrierefreiheit verständlich wird. In unserem Film zur aktuellen Sternsingeraktion bringt es unser Projektpartner José Antonio Patrón, der Direktor von Yancana Huasy, kurz und knapp auf den Punkt, wenn er sagt: „Die Gesellschaft wird dann gerecht sein wird, wenn wir nicht mehr von Menschen mit Behinderung sprechen.“ Das ist sicher noch ein langer Weg, aber er wird nicht kürzer, wenn wir nicht den Mut haben, ihn zu gehen.

 

5. In Bezug auf die Würdigung der Menschen mit Behinderung fordert Papst Franziskus, den Reichtum der menschlichen und geistigen Vielfalt zu erkennen und kritisiert das oft vorherrschende egoistische und an Nützlichkeit orientierte Menschenbild. Eine realistische Forderung?

 

Absolut, aber es setzt auch die Erfahrung voraus, dass es möglich ist, in großer Verschiedenheit sinnvoll zu leben und einander zu respektieren. Dabei ist es entscheidend, bestehende Ängste und Vorurteile vor dem Unbekannten abzubauen. Leider gehört dies aber noch lange nicht zum Alltag in vielen Ländern. Ein ganz trauriger Umstand ist zum Beispiel der, dass Kinder mit Behinderungen oftmals von ihren eigenen Familien versteckt werden und keinerlei medizinische, soziale oder psychologisch angemessene Begleitung erfahren. Nach Angaben der Vereinten Nationen gehen neun von zehn Kindern mit Behinderungen nicht zur Schule, die Sterblichkeitsraten von Kindern mit Behinderung unter fünf Jahren ist 80 Prozent höher als die von Kindern ohne Behinderung. Umstände, die uns als katholisches Hilfswerk in unserer Arbeit umso mehr herausfordern und antreiben mehr zu tun. In den letzten zehn Jahren haben wir mit Hilfe der Sternsinger über 750 Projekte für Kinder mit Behinderungen unterstützen können.

 

6. Ihr Wunsch für die Sternsinger in Deutschland?

 

Ich wünsche den Sternsingern hier in Deutschland, dass sie weiter zusammenstehen. Und dass sie bei dieser Aktion auch einen Eindruck davon bekommen, dass Kinder nicht behindert sind, sondern dass sie behindert werden. Die Sternsinger in Deutschland sind so unglaublich stark und sie können jedes Jahr so viel bewegen. Die Sternsinger sind ein Segen für viele Kinder in der Welt!

Download
Download: Das Begleitheft mit Materialien
2019_dks_werkheft.pdf
Adobe Acrobat Dokument 9.3 MB

********************

Autor: Kindermissionswerk; zusammengestellt von Gert Holle - 7.12.2018