Premiere in Dillingen: Sternsingen inklusiv

Foto: • © Benne Ochs / Kindermissionswerk
Foto: • © Benne Ochs / Kindermissionswerk

Von Susanne Dietmann

 

In Dillingen an der Donau waren im Januar 2018 erstmals Sternsinger mit und ohne Behinderungen gemeinsam unterwegs, um Häuser zu segnen und für Kinder in Not zu sammeln. Ein gelungener Start in eine inklusive Sternsingeraktion, die auch im kommenden Jahr fortgesetzt werden soll.

 

Fabian schreibt gerne den Segen an, für Florian ist der Weihrauch am Wichtigsten und Olivia trägt am liebsten den Stern. Denn vom Geruch des Weihrauchs wird ihr schlecht, und Schreiben ist nicht ihre Stärke. So sind die Rollen in der Sternsingergruppe schnell verteilt, und alle sind zufrieden mit ihrer Aufgabe. Zum ersten Mal sind die drei mit weiteren Kindern und Jugendlichen aus der Stadtpfarrei und Regens Wagner, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen, im schwäbischen Dillingen gemeinsam unterwegs: Sternsingen inklusiv!

 

Noch vor einem Jahr besuchten die Sternsinger der Stadtpfarrei jährlich die Bewohner des Regens Wagner. „Aber warum sollen immer nur die Kinder von draußen den Segen zu uns bringen?“, fragte sich Stefan Schneid, religiöser Begleiter der Einrichtung. Schnell stellte sich heraus, dass in der Stadtpfarrei Sternsinger fehlten. Zugleich waren gut dreißig Bewohner des Regens Wagner parallel als Sternsinger in ihren Wohngruppen unterwegs. Warum also nicht gemeinsam losziehen? So wurde das Experiment „Sternsingen inklusiv“ ins Leben gerufen. „Ohne Gewähr“, wie Stefan Schneid im Vorfeld noch etwas vorsichtig sagte.

 

„Wenn alle zusammen gehen, sind wir schneller fertig“

 

Im Herbst trafen sich die Sternsinger zum ersten Mal: Vom Grundschulkind bis zur 70-jährigen Seniorin waren alle von Anfang an begeistert bei der Sache. Bei Spielen lernten sich die Teilnehmer kennen, gemeinsam schauten sie den Film zur Aktion, um sich auf Beispielland und Thema vorzubereiten. Eine Gebärdendolmetscherin übersetzte den Film für alle hörgeschädigten Sternsinger. Mit dabei waren auch Florian und Olivia. Sie gehen seit 2014 im Regens Wagner Sternsingen und sind Messdiener. Die beiden leben in verschiedenen Wohngruppen der Einrichtung. Dass diesmal alle zusammen Sternsingen gehen, ist für sie ganz und gar nicht außergewöhnlich. „Wenn alle zusammen gehen, sind wir schneller fertig“, sagt Florian pragmatisch.

 

Am 2. Januar geht der 18-Jährige mit seiner Sternsingergruppe los. Während Fabian, Clara und die anderen Kinder aus der Stadtpfarrei die längeren Sprecherrollen an den Haustüren untereinander aufteilen, schwenkt Florian das Weihrauchfass – eine Tradition, die in Süddeutschland noch vielerorts verbreitet ist. „Das ist doch das Wichtigste beim Sternsingen“, sagt Florian überzeugt, bevor er noch ein paar Krümel Weihrauch auf die Kohle legt. Hilfsbereit hält er die kleineren Sternsinger hoch, damit sie oben am Türrahmen den Segen anschreiben können.

 

Rathaus, Polizei und Ziegenzucht

 

Dem Rathaus statten alle Sternsingergruppen gemeinsam einen Besuch ab. Zu Florians großem Bedauern muss er das Weihrauchfass jedoch löschen, denn erst vor kurzem hat ein Brand große Teile des Gebäudes zerstört. „Euren Segen können wir beim Wiederaufbau des Rathauses sehr gut gebrauchen“, bedankt sich Bürgermeister Frank Kunz beim königlichen Besuch. „Toll, dass diesmal auch Bewohner aus dem Regens Wagner mit dabei sind, sie sind fester Bestandteil unserer Stadt“, fährt er fort. Einige Bewohner jubeln. Aufgeregt stupst ein Mädchen ihre Nachbarin an. „Hast du gesehen? Das heißt Bürgermeister“, flüstert sie und versucht mit den Händen die Gebärde der Dolmetscherin nachzumachen. Zum Abschied bedankt sich Bürgermeister Kunz bei allen Sternsingern mit Handschlag.

 

„Wer will denn bei der Polizei klingeln?“, fragt Begleiterin Cynthia ihre Gruppe wenig später. Felix und Fabian stürmen sofort los. Hier darf Florian auch mit Weihrauch räuchern, selbst in der Ausnüchterungszelle. Eine Polizistin fordert ihn sogar dazu auf: „Hier kannst du ruhig ordentlich räuchern, das können wir gut gebrauchen.“ Zum Abschied gibt’s Gummibärchen in Polizeiauto-Form und eine Spende in die Dose.

 

„Ihr seid aber viele“, begrüßt die Besitzerin einer Schafs- und Ziegenzucht die Sternsinger ein paar Straßen weiter. „Waren es in der Bibel nicht nur drei Könige?“ Als sie erfährt, dass diesmal Sternsinger aus Regens Wagner und Stadtpfarrei gemeinsam unterwegs sind und die Gruppe deswegen etwas größer ist als sonst, ist sie begeistert: „Das finde ich wirklich toll!“ Ihre Tochter arbeitet selbst bei Regens Wagner, dem zweitgrößten Arbeitgeber in Dillingen. Trotz Regen und Kälte halten die Jungen und Mädchen bis zum letzten Haus durch und kehren dann hungrig nach Hause zurück.

 

Pünktlich zum Dreikönigsfest am 6. Januar finden ein Abschlussgottesdienst und ein gemeinsames Dank-Essen aller Dillinger Sternsinger statt. Dass die erste inklusive Sternsingeraktion ein voller Erfolg war, machen nicht nur die strahlenden Gesichter der Könige deutlich, als sie am Altar ein letztes Mal in diesem Jahr ihre Lieder für die Gemeinde singen. Auch Stefan Schneid ist zufrieden: „Für unsere Bewohner ist es wichtig, dass sie mit dem, was sie können, anderen helfen und beistehen.“ Auch während des Jahres will er weitere gemeinsame Aktivitäten planen. Für die Sternsinger ist nach getaner Arbeit vor allem die Verteilung der Süßigkeiten wichtig. Und eins steht schon jetzt für alle fest: Im nächsten Jahr wollen sie gemeinsam wieder mit dabei sein.

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Download: Das Begleitheft mit Materialien
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Autor: Kindermissionswerk; zusammengestellt von Gert Holle - 7.12.2018