Repräsentative Studie gibt Aufschluss über Wünsche und Ängste zum Lebensende

Alternde Gesellschaft – Wie wollen wir sterben?

Studie: Berlin-Institut in Zusammenarbeit mit der Körber-Stiftung und der Software AG – Stiftung
Studie: Berlin-Institut in Zusammenarbeit mit der Körber-Stiftung und der Software AG – Stiftung

24.04.2020

 

(Berlin/ks) - Derzeit führt uns die Covid-19-Pandemie vor Augen, wie Menschen gerade nicht aus dem Leben gehen wollen: Dort, wo die Gesundheitssysteme überlastet sind, müssen sie womöglich um eine gute palliative Versorgung bangen. Die derzeitige Kontaktsperre stellt zudem infrage, ob Sterbende in Krankenhäusern, Hospizen und Pflegeeinrichtungen so begleitet werden können, wie sie es sich eigentlich wünschen – von ihren Angehörigen, aber auch von ehrenamtlichen Sterbebegleitern. Die aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Sterben ist einer akuten Krisensituation geschuldet. In Zukunft setzt der demografische Wandel das Thema weniger krisenhaft, aber dafür umso langfristiger auf die Agenda: In einigen deutschen Landkreisen dürften im Jahr 2035 statistisch auf eine Geburt vier Beerdigungen kommen – heute liegt das Verhältnis dort bei eins zu zwei. Was vielen Menschen als Privatangelegenheit erscheint, wird angesichts dieser Zunahme an Sterbefällen auch zu einem gesellschaftspolitischen Thema: Die Alterung der Bevölkerung fordert einen neuen Umgang mit dem Sterben. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, der Körber-Stiftung und der Software AG – Stiftung. Mit einer repräsentativen Umfrage und vertiefenden Leitfadeninterviews gehen die Autoren der Frage nach, welche Wünsche, Ängste und Hoffnungen die Menschen mit ihrem Lebensende verknüpfen.

 

Die alternde Gesellschaft und der Tod

 

Die Wünsche sind laut Umfrageergebnissen eindeutig: Nach einem langen Leben möchten die meisten Menschen schmerzfrei, nah am Gewohnten, selbstbestimmt, sozial eingebunden und gut versorgt aus dem Leben scheiden. „Damit sind sich alle einig darüber, was es heißt, ‚gut‘ zu sterben: Frauen wie Männer, Junge wie Alte, Arme wie Reiche, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund“, erklärt Catherina Hinz vom Berlin-Institut. „Welche Befürchtungen und Hoffnungen Menschen mit ihrem eigenen Lebensende verbinden, hängt aber auch wesentlich damit zusammen, ob sie Lücken in der Gesundheits- und Palliativversorgung vor Ort wahrnehmen und ob sie bereits Sterbenden zur Seite gestanden haben.“

 

Nicht nur während der aktuellen Ausnahmesituation, sondern auch in normalen Zeiten bleibt es vielen Menschen verwehrt, gemäß ihren Wünschen zu sterben. In Zukunft könnten Idealvorstellungen und Realität noch weiter auseinanderdriften. So würden beispielsweise 76 Prozent der Befragten ihr Lebensende am liebsten im Kreise ihrer Angehörigen verbringen. Gleichzeitig nimmt aber besonders unter den Älteren die Zahl der Einpersonenhaushalte seit Jahren zu. Mit den Babyboomern altern zudem jene Geburtsjahrgänge, die selbst nur wenige Kinder haben, die ihnen beistehen könnten.

 

 

 

Grafiken: Berlin-Institut in Zusammenarbeit mit der Körber-Stiftung und der Software AG – Stiftung

Konrad Lampart von der Software AG – Stiftung betont: „Die Studie gibt auch Hoffnung: Die Mehrheit der Menschen ist bereit, sich um sterbende Angehörige oder Freunde zu kümmern. Dies ist eine Form des sozialen Zusammenhalts, die es ebenso zu stärken gilt wie den offenen Dialog über das Sterben. Denn wenn wir den Tod als Teil des Lebens begreifen und lernen ihm ohne Angst zu begegnen, kann uns das helfen, bewusster zu leben.“ Neben einem solchen Perspektivwechsel braucht es vor allem aber auch Entlastung für all diejenigen, die sich in der Sterbebegleitung engagieren. Ambulante Palliativdienste, das soziale Umfeld sowie der Arbeitgeber können dafür sorgen. Hier gibt es – so die Studie – Nachholbedarf: Bisher fühlen sich gerade einmal 22 Prozent ausreichend durch Freunde, Kirche oder Kommune unterstützt.

 

 

 

Viele Befragte kritisierten zudem die geringe Zahl an Hospizen oder die gängige Praxis, Sterbende noch ins Krankenhaus zu bringen – insbesondere, wenn sie bereits Sterbende begleitet haben. Zwar steigt die Zahl an Medizinern und Pflegekräften mit palliativer Zusatzausbildung seit langem, doch nach wie vor fehlt es vielerorts an spezialisiertem Wissen, wie es etwa Hospize bereithalten. Die Studie fordert Institutionen, die sich um ältere Menschen kümmern, dazu auf, ihre Beschäftigten im Umgang mit Sterbenden fortzubilden, das Erlebte mit ihnen zu reflektieren und vermehrt auch (geschulte) Engagierte einzubinden, um eine bessere Betreuung zu gewährleisten.

 

Die Studienergebnisse machen deutlich, dass es insgesamt einen Bedarf gibt, sich anders mit der Endlichkeit des Lebens zu befassen, als es derzeit der Fall ist. 75 Prozent der Befragten betrachten es als Missstand, dass das Thema Sterben verdrängt wird. „Die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod ist unerlässlich“, meint Doris Kreinhöfer von der Körber-Stiftung, „Ohne Auseinandersetzung kann der Einzelne nicht zu eigenen Vorstellungen und Wünschen kommen, ohne Auseinandersetzung wissen seine Nächsten nicht, wie und wo er sterben möchte, ohne Auseinandersetzung wissen wir nicht, welche Strukturen wir benötigen, um gutes Sterben zu ermöglichen.“ Mancherorts entstehen bereits neue Formate, die sich dem Lebensende nicht nur als pflegerische Herausforderung, sondern in all seinen Facetten widmen: im Museum mit aktueller Kunst zum Sterben, beim informellen Austausch zum Thema im Death Café oder beim Straßenfest, auf dem der örtliche Hospizverein seine Arbeit vorstellt. Sterben und Tod betreffen jeden Einzelnen in seiner individuellen Biografie. Die Studie fordert daher alle – Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Medien und jeden Einzelnen – dazu auf, dem Sterben einen neuen Platz in der Gesellschaft zu geben.

 

 

 

Die Studie wurde vom Berlin-Institut in Zusammenarbeit mit der Körber-Stiftung und der Software AG – Stiftung erstellt.