Ausstellung zum 300. Jubiläum der Grundsteinlegung für das erste Kinderkrankenhaus in Deutschland in den Franckeschen Stiftungen

Heilen an Leib und Seele

Das erste Kinderkrankenhaus in Deutschland wurde 1711–13 in den Franckeschen Stiftungen errichtet. Der Stich zeigt eine Ansicht von 1854, © Franckesche Stiftungen
Das erste Kinderkrankenhaus in Deutschland wurde 1711–13 in den Franckeschen Stiftungen errichtet. Der Stich zeigt eine Ansicht von 1854, © Franckesche Stiftungen

6.05.2021

› Jahresausstellung »Heilen an Leib und Seele. Medizin und Hygiene im 18. Jahrhundert« im Historischen Waisenhaus und online

› Wissenschaftlicher Begleitkatalog mit vielen Abbildungen 

› 2. Mai-13. Oktober 2021, Historisches Waisenhaus, Franckeplatz 1, Haus 1

› Eintritt 6 Euro, erm. 4 Euro, Kinder bis 18 Jahre frei. (Die Ausstellung öffnet für das Publikum entsprechend den behördlichen Vorgaben.)

 

(Halle/Saale/pm) - 1721 wurde in den Franckeschen Stiftungen der Grundstein für eines der ersten Kinderkrankenhäuser in Europa gelegt. Die 300jährige Wiederkehr dieses Ereignisses ist der Anlass für die Jahresausstellung »Heilen an Leib und Seele. Medizin und Hygiene im 18. Jahrhundert« der Franckeschen Stiftungen. Erstmals wird im Historischen Waisenhaus die Medizin des Halleschen Pietismus, die im 18. Jahrhundert weitgreifend einflussreich war, umfassend in einer Ausstellung vorgestellt. Die Kuratoren Prof. Dr. Holger Zaunstöck und Dr. Thomas Grunewald stellen auf 300qm in sieben Räumen einen Meilenstein der Medizingeschichte mit erstaunlichen Entdeckungen aus den kulturhistorischen Sammlungen der Franckeschen Stiftungen dar. Die außergewöhnliche Präsentation in der Verbindung von originalen Quellen mit für die Ausstellung von Künstlern gestalteten Comics zu den einzelnen Themen macht den Besuch zu einem besonderen Erlebnis für die ganze Familie. Zu den spannendsten Geschichten der Schau zählt die des ersten Kinderkrankenhauses. Sie ist in die detailliert recherchierte Rekonstruktion einer einzigartigen Gesundheitstopographie in der Schulstadt August Hermann Franckes (1663–1727) eingebettet.

Die Errichtung des Krankenhauses wurde seit 1700 vorbereitet und markiert den Höhepunkt der langjährigen Bemühungen um die Gesundheit der ca. 3000 Menschen auf dem Stiftungsgelände. Zunächst stand die Versorgung mit frischem Wasser im Vordergrund. 1716 gelang es dem Schreibmeister am Halleschen Waisenhaus und passionierten Laieningenieur für Wassertechnik Gottfried Rost (1677–1753) Frischwasserquellen südlich des Waisenhauses zu erschließen. Für die Ausstellung konnte erstmals das ingenieurtechnisch höchst eindrückliche, mehr als 5 km lange Stollen- und Röhrensystem anhand von eindrucksvollen handkolorierten Plänen rekonstruiert werden. Mit diesem wurde das saubere Quellwasser zu den Nutzungsorten in den Stiftungen befördert und darüber hinaus auch für die Bevölkerung der Stadt Halle kostenfrei zur Verfügung gestellt. Schmutzwasser aus den alchemistischen Laboren und den Küchen leitete man in unterirdischen Kanälen ab, Wege wurden gepflastert und konnten so regelmäßig durch Spülung gereinigt werden. Die Latrinen wurden am nördlichen Rand, außerhalb des zentralen Gebäudekomplexes angelegt. Alchemistische Labore entwickelten Medikamente für die Waisenhausapotheke, in den Unterkünften der SchülerInnen wurden Krankenstuben betrieben, in den Lehrgärten wurde das Wissen über Heilpflanzen unterrichtet. Ein Medicus Ordinarius, ein fest angestellter Arzt und Chirurg, leitete diese frühe – wie wir heute sagen würden – Poliklinik und wurde von Medizin- und Theologiestudenten, die Aufsicht führten und seelsorgerisch tätig waren, sowie von KrankenwärterInnen unterstützt. Zusätzlich zu den fast 3.000 BewohnerInnen der Schulstadt wurden ca. 12.000 Menschen jährlich kostenlos in der Armensprechstunde versorgt.

Mit dem Gebäude des ersten Kinderkrankenhauses, einem Zeitgenossen der Berliner Charité, betraten die Halleschen Pietisten Neuland und setzten Maßstäbe. Krankenstuben waren seit dem ausgehenden Mittelalter in Hospitälern und Waisenhäusern bekannt. Franckes engste Berater und Weggefährten informierten sich ausführlich anhand der Literatur sowie auf Reisen über Vorbilder und Erfahrungen im In- und Ausland. So vereinte das Kinderkrankenhaus die modernsten Ansprüche der Zeit und nahm Anliegen des 19.Jahrhunderts vorweg: Etwas abgesondert im Süden des Geländes, umgeben von Gärten und angeschlossen an die Frischwasserversorgung, garantierte es in seiner Architektur Licht, Ruhe und frische Luft zur Genesung. Das Zusammenspiel von Hygiene, diätetischen Anweisungen, einem hohen Erfahrungswissen, der qualifizierten Krankenbehandlung durch namhafte Ärzte, der administrativen Organisation der Krankenpflege und der Pharmazeutika der Waisenhaus-Apotheke ist für die Zeit einzigartig. Besonders war auch die Binnendifferenzierung des Krankenhauses mit Aufnahme-, Behandlungs- und Verwaltungszimmern sowie einer eigenen Küche. Dies ist bisher nur für das 19. Jahrhundert wissenschaftlich beschrieben und sichert dem Kinderkrankenhaus einen herausragenden Platz in der Krankenhausgeschichte.

 

Katalog zur Jahresausstellung
Der wissenschaftliche Begleitkatalog mit vielen Abbildungen stellt die Gesundheitstopographie in den Franckeschen Stiftungen vor und bietet kenntnisreiche Einsichten etwa in das Verständnis von Leib und Seele, in Eckpunkte der pietistischen Medizin mit Diätetik und Therapie sowie in die besondere Infrastruktur mit der ingenieurtechnisch ausgeklügelten Wasserversorgung, den alchemistischen Laboren und den Heilpflanzengärten.

 

Heilen an Leib und Seele. Medizin und Hygiene im 18. Jahrhundert. Hrsg. im Auftrag der Franckeschen Stiftungen von Holger Zaunstöck und Thomas Grunewald. Halle 2021 (Kataloge der Franckeschen Stiftungen, 38).
328 S., 213 Abb., 6 Diagramme, € 28,00;
ISBN 978-3-447-11587-2

 

Online-Ausstellung
Als Digital Story können die Ausstellungsthemen und spannende Objekte vor dem Besuch oder während der pandemiebedingten Schließungen online entdeckt werden. Mit Video- und Audiomaterial, vielen Abbildungen und allen Comics der Ausstellung bietet sie ein eindrückliches interaktives Erlebnis für die ganze Familie.
www.francke-halle.de/de/ausstellungen-online/

 

Begleitprogramm zur Jahresausstellung
In  Online-Ausstellungsabenden kommen Sie mit den eingeladenen ExpertInnen und den Kuratoren unserer Jahresausstellung ins Gespräch. Leider erlaubt es die aktuelle Pandemielage bis auf Weiteres nicht, dass wir uns vor Ort treffen. Mit dem Online-Angebot wollen wir Ihnen die Möglichkeit geben, die Ausstellung und ihre Themen digital kennenzulernen und ganz bequem von Zuhause aus Informationen aus erster Hand zu bekommen. Schauen Sie vorbei!

 

12.05.2021, 18:00 Uhr
Heilen an Leib und Seele. Die Gesundheitstopografie der Glauchaschen Anstalten

26.05.2021, 18:00 Uhr
Das erste Kinderkrankenhaus Deutschlands – Eine Klinik zwischen Tradition und Moderne

09.06.2021, 18:00 Uhr
Gestorben wird immer, die Frage ist nur wie! Leben und Sterben in Halle (Saale) im Wandel von 450 Jahren

https://www.francke-halle.de/de/veranstaltungdetail/heilen-an-leib-und-seele-begleitprogramm-zur-jahresausstellung/