Trotz Evakuierung aus dem Heiligen Land: Freiwillige blicken dankbar auf ihren Corona-bedingt verkürzten Dienst zurück

„Ich habe meine Komfortzone verlassen“

(Köln/dvhl) - Voller Erwartung, Freude und Neugier waren sie im August 2019 ins Heilige Land aufgebrochen. 20 junge Menschen wollten nach dem Abitur ein Jahr lang als Freiwillige in den Einrichtungen des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande (DVHL) und seiner Partner arbeiten. Doch schon nach sieben Monaten mussten sie überstürzt ihre Koffer packen. Ab nach Hause, lautete die Devise. „Die Rückholaktion aufgrund der Corona-Pandemie betraf alle Freiwilligen weltweit, auch die Freiwilligen anderer Organisationen. Die Anweisungen des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben waren eindeutig: Es galt, die Freiwilligen so schnell wie möglich zurück nach Deutschland zu holen“, erklärt Susanna Schüller, Referentin für Freiwilligendienste beim DVHL.

 

Der 20-jährige Justus Raasch war an der Bethlehem Universität als Freiwilliger eingesetzt. „Ich habe den Freiwilligendienst als eine erlebnis- und lehrreiche Zeit erlebt. Bei Reisen, aber auch im Alltag, konnte ich das Heilige Land mitsamt seinen Kulturen, Religionen, Menschen – und auch Konflikten – kennenlernen. Als Freiwilliger ist man in der spannenden Rolle irgendwo zwischen Besucher und Bewohner und erhält durch das Leben vor Ort Eindrücke, die Tourist*innen und Pilger*innen verwehrt bleiben.“

 

Dass er diese Zeit so plötzlich abbrechen musste, ohne Aussicht auf Wiederaufnahme des Freiwilligendienstes, hat ihn zunächst sehr getroffen. „Ich war sehr traurig. Aber die Zeit war, auch wenn kürzer als gedacht, sehr, sehr wichtig für mich. Der Freiwilligendienst mit dem Deutschen Verein vom Heiligen Lande hat mich geprägt und mir Raum für meine persönliche Entwicklung gegeben. Ich hatte in dem halben Jahr die Chance, meine Komfortzone zu verlassen und meine Stärken und Schwächen genauer zu erkennen. Ich habe gelernt, mich mehr auf meine Fähigkeiten zu verlassen und diese in meiner Arbeit als Freiwilliger einzubringen. Wenn man zwölf Jahre Schule hinter sich hat, die darauf ausgelegt sind, Fertigkeiten für die Zukunft zu erlernen, ist es ein sehr befriedigendes Gefühl zu sehen, dass man zwar immer noch mehr lernen kann, aber mit dem, was man kann, auch schon ziemlich weit kommt.“

 

Nach seiner Rückkehr musste er sich in Deutschland regelrecht akklimatisieren. „Ich bin ja nicht in ein Zuhause gekommen, das ich kannte. Schließlich war auch hier durch Corona alles anders. Da musste ich mich schon erst eingewöhnen. Aber Susanna Schüller und Anna Schönknecht, die Referentinnen des DVHL, haben mich sehr gut betreut und halten natürlich immer noch Kontakt. Das war sehr wichtig für mich.“

 

Für den DVHL war klar, dass die Betreuung der jungen Menschen auch nach ihrer Rückkehr weitergeht. „Auch für uns war es eine schwierige Situation“, schildert Susanna Schüller. „Schließlich mussten wir neben der persönlichen Ebene auch ganz viele handfeste Dinge klären. Beispielsweise, welchen Status die Freiwilligen jetzt haben, wie sie versichert sind und welchen Tätigkeiten sie hier in Deutschland nachgehen dürfen.

 

Eine schlechte Nachricht für Justus war auch der Ausfall der Gottesdienste in Deutschland. Dadurch konnte die Palmsonntagskollekte, die den Menschen im Heiligen Land zugutekommt, in den Gemeinden nicht eingesammelt werden. „Ich wollte daher ganz vielen Menschen zeigen, wie wichtig diese Kollekte ist, und dass sie einfach online spenden können. Als Freiwilliger hatte ich die Chance, viele der DVHL-Projekte in Israel/Palästina kennenzulernen und mitzuerleben, welch wichtige Arbeit diese für die Leute vor Ort leisten. Am besten weiß ich das natürlich von meiner Einsatzstelle, der Bethlehem Universität. Sie wird nicht nur durch eine*n jährlichen Freiwillige*n, sondern auch darüber hinaus unterstützt. Die BU bietet jungen Palästinenser*innen, welche mit der Mauer und dem Konflikt aufgewachsen sind, einen ‚Safe Place‘. Dort wird ihnen durch Bildung geholfen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Viele der Studierenden müssen dafür täglich Checkpoints überqueren. Oder sie kommen aus einem der vielen Flüchtlingscamps der Westbank. Trotz aller Schwierigkeiten gibt die Bethlehem Universität Tag für Tag ihr Bestes, um den Student*innen exzellente Bildung zu bieten. Dieses und viele andere, mindestens genauso wichtige Projekte sind auf die Hilfe des DVHL angewiesen. Deswegen glaube ich, dass es sehr wichtig ist, den DVHL direkt zu unterstützen. Damit der DVHL seine Arbeit im Heiligen Land fortsetzen und weiter Freiwillige wie mich ins Heilige Land schicken kann, damit diese vor Ort helfen und diese faszinierende Region kennenlernen können. Damit der DVHL weiter die Christ*innen des Heiligen Landes, aber auch alle anderen Bewohner*innen, unterstützen kann, und für vieles mehr.“

 

Wie es für Justus weitergeht, weiß er im Moment noch nicht. „Die Freiwilligen haben die Möglichkeit, sich in Deutschland ehrenamtlich zu engagieren, einem 450-Euro-Job nachzugehen oder auch ein Praktikum zu machen“, erklärt Susanna Schüller.

 

Und wie steht es um die jungen Menschen, von denen die meisten derzeit im Abitur stecken und die sich bereits auf ihren Freiwilligendienst ab August 2020 im Heiligen Land freuen? „Wir bereiten uns ganz normal auf die Ausreise vor, weil wir davon ausgehen, dass die jungen Menschen, etwas verspätet, ab Herbst ihren Freiwilligendienst beginnen können“, beschreibt Schüller.

 

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Hintergrund zum DVHL 

 

 

 

Seit mehr als 160 Jahren engagiert sich der Deutsche Verein vom Heiligen Lande (DVHL) für die Menschen im Nahen Osten – immer vor dem Hintergrund des interreligiösen Dialogs und friedenspolitischen Engagements. Mit Erfahrung und Kompetenz sind wir auf einzigartige Weise im Nahen Osten präsent. Wir engagieren uns dort, wo Menschen konkrete Hilfe brauchen, und treten mit ihnen für eine bessere Zukunft ein. Im Spannungsfeld von Judentum, Christentum und Islam stehen wir für Verständigung, Versöhnung und Frieden. 

 

 

 

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Autorin: DVHL / Tamara Häußler; zusammengestellt von Gert Holle -23.04.2020