WIR SIND KIRCHE : Bilanz zur Jahreswende 2017 / 2018

„Daueraufgabe Reform – auch nach dem Reformationsgedenkjahr“

 

Handlungsbedarf Ökumene

 

Bei allen erfreulichen Entwicklungen in der Ökumene in den vergangenen Jahrzehnten und auch beim gemeinsamen Begehen des 500. Jahres der Reformation: Enttäuschend ist, dass das Jahr des Reformationsgedenkens zu Ende geht, ohne dass eine Gemeinschaft bei Eucharistie und Abendmahl erreicht worden ist, nicht einmal für die Menschen in konfessionsverbindender Ehe.

 

Wir sind Kirche hat die deutschen Bischöfe wiederholt aufgefordert, sich endlich geschlossen in Rom für eine Lösung der Abendmahlsfrage einzusetzen, da der frühere Ökumene-Kardinal Walter Kasper eine Bereitschaft des Vatikans zur Öffnung signalisiert hatte. Doch eine Minderheit der 27 Diözesanbischöfe sperrt sich immer noch dagegen. Dies ist ein Skandal, der vom Kirchenvolk nicht mehr hingenommen wird.

 

In der Ökumene besteht weiterhin großer Handlungsbedarf. Wir sind Kirche mahnt die Kirchenleitungen, den Kairos, den rechten Augenblick für die Einheit der Christinnen und Christen, nicht zu verpassen.

 

> Wir sind Kirche-Appell „Feiern wir das Gemeinsame! > PDF (1 Seite)

 

 

Notwendige Gemeindeerneuerung

 

Von den anhaltend hohen Kirchenaustrittszahlen sind beide großen Kirchen betroffen. Wann endlich werden die von oben herab verordneten Zusammenlegungen und -schließungen von Pfarreien gestoppt? Diese tragen wesentlich zum Verlust der kirchlichen und auch der persönlichen Beheimatung vieler Menschen bei.

 

Die deutschen Bischöfe sollten der Aufforderung von Papst Franziskus nachkommen, „mutige Vorschläge“ zu entwickeln und neue Möglichkeiten zuzulassen, damit auch in Zukunft in überschaubaren Gemeinden Gottesdienste gefeiert werden können. Nur wegen des Zölibatsgesetzes darf den Gemeinden die Eucharistiefeier nicht länger vorenthalten werden. Hier könnte die römische Kirche von den mit Rom unierten Kirchen lernen, die nicht zwingend am Zölibat festhalten.

 

Zu begrüßen ist, dass sich jetzt auch immer mehr Priester öffentlich zu Wort melden, wie z.B. die elf Priester des Kölner Weihejahrgangs 1967 oder die 19 Ruhestandsgeistlichen aus Nürnberg, die sich jeweils klar für grund­legende Reformen ausgesprochen haben. Zugleich müssen sich aber auch die Gemeinden vor Ort noch stärker ihrer Verantwortung bewusst werden: Gemeinde ist das Urprinzip christlicher Gemeinschaft.

 

> Aufruf „Es ist höchste Zeit!“ der KirchenVolksKonferenz März 2017 in Würzburg > PDF (2 Seiten)

 

 

Drängende Frauenfrage

 

Ein bleibender Skandal ist, dass die römisch-katholische Kirchenleitung den Frauen nach wie vor jedweden Zugang zu den Weiheämtern vorenthält, obwohl sich biblisch wie theologisch dafür keine stichhaltigen Gründe ins Feld führen lassen. 15 Jahre nach der im Jahr 2002 „contra legem“ (entgegen dem Gesetz) erfolgten Weihe von sieben Frauen zu Priesterinnen ruft Wir sind Kirche erneut dazu auf, die Diskussion über die Erneuerung des Leitungsdienstes und seine Öffnung für Frauen auf allen kirchlichen Ebenen qualifiziert weiterzuführen und zu intensivieren. Immer mehr Theologinnen und Theologen tun dies jetzt auch, wie vor Kurzem beim Ökumenischen Frauenkongress in Osnabrück.

 

Das 1994 von Papst Johannes Paul II. verfügte Verbot der Diskussion über die Frauenordination hat das Gegenteil bewirkt. Zwar hat sich Papst Franziskus noch nicht ausreichend von seinem Vorvorgänger distanziert, der die Nichtzulassung von Frauen zum Priesteramt als angeblich unabänderliche kirchliche Lehre festzulegen versuchte. Die von Papst Franziskus verfügte liturgische Gleichstellung von Maria von Magdala mit den Aposteln hat jedoch die Tür zur Weihe von Frauen in der katholischen Kirche wieder einen Spaltbreit geöffnet. Die deutschen Bischöfe sollten sich positiv zum Diakonat der Frauen bekennen, so wie ihre Vorgänger dies bereits bei der Würzburger Synode (1971-75) taten.

 

> Osnabrücker Thesen „Frauen in kirchlichen Ämtern – Reformbewegungen in der Ökumene“ > Link

 

 

Sexualisierte Gewalt

 

Die Vorwürfe gegen den damaligen Wiener Kardinal Hans Hermann Groer waren ein Anlass für das im Jahr 1995 in Österreich gestartete KirchenVolksBegehren Wir sind Kirche. Bereits im Jahr 2002, als die Berichterstattung aus den USA und anderen Ländern Deutschland erreichte, und lange vor der Deutschen Bischofskonferenz richtete die deutsche KirchenVolksBewegung ein „Not-Telefon“ ein.

 

Nach jahrzehntelanger Vertuschung ist in den vergangenen Jahren einiges an Aufdeckung und Prävention erreicht worden. In Teilen der katholischen Weltkirche fehlt es aber noch immer an der Bereitschaft, sich den System- und Strukturfragen sexualisierter Gewalt in kirchlichen Hierarchien zu stellen.

 

Mit dem im Sommer 2017 erfolgten Wechsel in der Leitung der Glaubenskongregation, die auch für die Behandlung dieser Fragen zuständig ist, sieht Wir sind Kirche die Möglichkeit einer Neuausrichtung. Der bisherige Glaubenspräfekt, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, hatte bis zuletzt verharmlosend nur von „Einzelfällen“ und von einer Kampagne gegen die Kirche gesprochen.

 

 

Synodale Entscheidungen

 

Die seit 150 Jahren tagenden Vollversammlungen der Deutschen Bischofskonferenz hält Wir sind Kirche für nicht mehr ausreichend, um den dramatischen innerkirchlichen und gesellschaftlichen Problemen gerecht zu werden. Diese Versammlungen hinter verschlossenen Türen sind nicht mehr zeitgemäß und widersprechen dem Dialoggebot des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965).

 

Wie schon Papst Paul VI. vor 50 Jahren hat sich auch Papst Franziskus für eine synodale Kirche auf allen Ebenen ausgesprochen. Die katholische Kirche in Deutschland braucht dringend wieder eine Synode, bei der Frauen und Männer aus dem Kirchenvolk mitberaten und auch mitentscheiden können. Gleiches gilt für Synoden in den jeweiligen Bistümern. Unverbindliche Gesprächsprozesse wie nach der Aufdeckung sexualisierter Gewalt im Jahr 2010 reichen nicht aus.

 

Wenn die deutschen Bischöfe ihr Wort „Gemeinsam Kirche sein“ ernst nehmen, dann müssen auch Stellungnahmen von Kirchenleitung und Kirchenvolk gemeinsam erarbeitet werden. Ohne Beteiligung des Kirchenvolkes wird die Stimme der Kirche in Politik und Gesellschaft immer weniger wahrgenommen.

 

 

Mitbestimmung bei Finanzen

 

Die von den Bischöfen angekündigte Streichung des Zuschusses für die katholische Friedensbewegung „pax christi“ war alarmierend. Die auch für viele andere überdiözesanen Aufgaben geplanten Kürzungen und Streichungen zeigen die dringende Notwendigkeit einer grundlegenden Debatte über Transparenz und Partizipation bei der Verteilung der Kirchenfinanzen in Deutschland. Außerdem hat die Öffentlichkeit ein Recht auf transparente Informationen, denn schließlich werden viele kirchliche Einrichtungen vom Staat zum Teil mit bis zu 100 Prozent finanziert.

 

Wir sind Kirche schließt sich der Forderung verschiedener katholischer Verbände an, die überdiözesanen Aufgaben der katholischen Kirche in Deutschland besser zu finanzieren und nicht weiter zu reduzieren. Auch auf diözesaner Ebene braucht es dringend mehr Transparenz und Partizipation.

 

 

Reformkurs von Papst Franziskus

 

Mit dem nachsynodalen Schreiben „Amoris laetitia“ hat Papst Franziskus den lange überfälligen Paradigmenwechsel in der Sexualethik eingeleitet. Mit der entscheidenden Aussage, „dass nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen“, hat Papst Franziskus der Kirche die Freiheiten des Dialogs und der Entwicklung der Lehre zurückgegeben, die viele Vorgängerpäpste über die Maßen beschnitten hatten.

 

Die kontroversen Reaktionen seit der Veröffentlichung zeigen, dass die von Papst Franziskus intendierte Diskussion über diese lange blockierten Themen in Gang gesetzt worden ist. Zu bedauern ist, dass die deutschen Bischöfe mehr als neun Monate für ihre gemeinsame Stellungnahme zu „Amoris laetitia“ benötigt haben. Damit sind sie mitverantwortlich, das die Gegenstimmen so große Aufmerksamkeit erhalten.

 

Seit „Humanae vitae“ im Jahr 1968 hat kein päpstliches Schreiben so viel Unruhe in der Kirche gestiftet wie „Amoris laetitia“. Diesmal sind es vor allem einzelne Kardinäle, Bischöfe und Theologen, die sich der dringend notwendigen Weiterentwicklung der katholischen Sexualethik und Pastoral verweigern. Wir sind Kirche hat wiederholt an die deutschen Bischöfe appelliert, viel konsequenter als bisher die grundsätzlichen Reformen zu unterstützen, die Papst Franziskus auf der Linie des Zweiten Vatikanischen Konzils umzusetzen versucht. Eine Weiterentwicklung der Dogmatik und im Kirchenrecht wird folgen müssen.

 

Dass Papst Franziskus Anfang Juli 2017 die fünfjährige Amtszeit von Kardinal Gerhard Ludwig Müller als Präfekt der Glaubenskongregation nicht verlängert hat, war absehbar und auch folgerichtig. Besonders während der beiden Familiensynoden und nach Erscheinen des nachsynodalen Schreibens „Amoris Laetitia“ traten die Differenzen klar zutage. Durch seine Aussagen hat sich Kardinal Müller, zuletzt in seinem Buch „Der Papst“, zum Lehrmeister über den Papst erhoben.

 

Wir sind Kirche unterstützt die internationale Initiative „Pro Pope Francis“, die angesichts der andauernden Attacken gegen Papst Franziskus und das nachsynodale Schreiben „Amoris laetitia“ vom Wiener Pastoral­theologen Prof. Paul Zulehner und vom tschechischen Religionsphilosophen Tomas Halik gestartet worden ist.

 

> Aktuelle Initiativen zur Unterstützung des pastoralen Kurses von Papst Franziskus > Link

 

 

 

Über Wir sind Kirche

 

Beim KirchenVolksBegehren im Herbst 1995 unterschrieben mehr als 1,8 Millionen Menschen in Deutschland die fünf Ziele und Forderungen für eine Erneuerung der römisch-katholischen Kirche: Aufbau einer geschwisterlichen Kirche, volle Gleichberechtigung der Frauen, freie Wahl zwischen zölibatärer und nichtzölibatärer Lebensform, positive Bewertung der Sexualität, Frohbotschaft statt Drohbotschaft.

 

Jetzt, mit Papst Franziskus, besteht endlich die Chance, eine Erneuerung im Geiste des Konzils auch wirklich umzusetzen. Umfragen zeigen immer wieder den starken und auch theologisch gut begründeten Reformwillen der großen Mehrheit der Katholikinnen und Katholiken in Deutschland. Diesem Reformwillen will Wir sind Kirche als „Stimme des Kirchenvolkes“ gemäß der Konzilskonstitution „Lumen gentium“ Gehör verschaffen.

 

Anfang 2017 hat die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche den Integrationspreis 2017 der Stiftung Apfelbaum (www.stiftung-apfelbaum.de) erhalten „für ihr beharrliches Entwickeln und Durchhalten einer auch international vernetzten KirchenVolksBewegung und für ihr empathisches, kreatives Anmahnen von Reformen in der eigenen katholischen Kirche“.

 

Am 101. Deutschen Katholikentag vom 9. bis 13. Mai 2018 in Münster unter dem Leitwort „Suche Frieden“ wird sich Wir sind Kirche mit eigenen Veranstaltungen und „Gesprächen am Jakobsbrunnen“ auf der Kirchenmeile beteiligen. Darüber hinaus gestaltet Wir sind Kirche, wie auch bei früheren Katholikentagen, gemeinsam mit anderen Reformgruppen den gleichzeitig stattfindenden Katholikentag plus. > Link

 

 

Auch nach 22 Jahren arbeitet Wir sind Kirche ganz bewusst fast ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis und versteht sich weiterhin bewusst als „Bewegung“, die sich nur durch Spenden finanziert. Die nationale und internationale Vernetzungs- und Informationsarbeit wird durch den gemeinnützigen Wir sind Kirche e.V. finanziert.

 

> aktuelles Wir sind Kirche-Winter-Info 2017/2018: > Link
> Wir sind Kirche beim Katholikentag und Katholikentag plus: > Link
> Webseite: www.wir-sind-kirche.de