Neue Sonderausstellung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg - 28. Nov 2019 – 27. Sept 2020

150 Jahre Bayerisches Gewerbemuseum

Blick auf zwei Tänzerinnen aus dem Tafelaufsatz „Le jeu de l’écharpe“, 1897 Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
Blick auf zwei Tänzerinnen aus dem Tafelaufsatz „Le jeu de l’écharpe“, 1897 Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

(Nürnberg/gnm) - Internationale Designerstücke, Kunst und Kultobjekte aus fremden Ländern, aber auch hochmoderne technische Geräte und präzise Handwerkstradition: Gewerbemuseen brachten das Neueste aus aller Welt in die eigene Stadt. In Nürnberg wurde 1869 das Bayerische Gewerbemuseum nach dem Vorbild des Londoner Victoria and Albert Museum (damals noch South Kensington Museum) gegründet. Der Standort überrascht nicht, galten die Stadt und ihr Umland damals als die mit Abstand bedeutendste Industrieregion des Königreichs Bayern.

 

Anlässlich des 150. Jubiläums der Gründung präsentiert das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg anhand von 90 ausgewählten Exponaten die Geschichte und Schwerpunkte des Bayerischen Gewerbemuseums. „Gewerbemuseen entstanden in der Überzeugung, dass gerade die Besinnung auf die Vergangenheit neue Wege in die Zukunft öffnet“, betont Generaldirektor Prof. Daniel Hess.

 

Am Anfang der Ausstellung sind Porträts der Gründer und wichtiger Wegbereiter neben historischen Aufnahmen des Gebäudes und seiner Inneneinrichtung zu sehen. Ein Aufbewahrungsschrank für die Vorlagensammlung – Stiche mit Musterdekor oder fotografische Aufnahmen von Objekten – und ein Stuhl aus dem einstigen Vortragssaal zeugen von der großen Bedeutung, die schon damals der Vermittlung beigemessen wurde. 

 

Die Mustersammlung

Ankäufe für die Sammlung des neuen Bayerischen Gewerbemuseums wurden vor allem auf den Weltausstellungen getätigt, zum Großteil auf den Weltausstellungen von 1873 bis 1900. Wichtig war außerdem die „Internationale Ausstellung edler Metalle und Legirungen“, die 1885 in Nürnberg stattfand. Hier begeisterten das Publikum vor allem Erzeugnisse aus Emaille. Zwei große Schirmständer und eine massive Vase aus Japan beeindrucken auch in der aktuellen Präsentation. Wie musste das Emaille auf das Trägermaterial aufgetragen werden, damit es hielt? Wie gelangen Farbverläufe, die den Eindruck von Tusche erweckten, wie scharf voneinander abgegrenzte Farbflächen? Die hohe technische Qualität der japanischen Produkte konnten Nürnberger Kunsthandwerker künftig an diesen Beispielen studieren.

 

Zu einer der wichtigsten Weltausstellungen wurde die Schau 1873 in Wien, auf der fast 1.000 Objekte für das Bayerische Gewerbemuseum erworben wurden. Exponate aus aller Welt waren darunter: elegante Gläser aus Italien, filigrane Schnitzarbeiten und Opiumpfeifen aus Japan, ein Teeservice aus feinstem französischen Porzellan und Papierscheren aus der Türkei. Ein Highlight sind außerdem drei Tänzerinnen aus weißem Biskuitporzellan in locker fallenden Plisséekleidern. Auf der Pariser Weltausstellung von 1900, die rund 50 Millionen Menschen sahen, riefen sie große Bewunderung hervor: Handwerkliches Können auf höchstem Niveau und mit das Eleganteste, was der internationale Markt an Jugendstildesign zu bieten hatte.

 

Doch das Bayerische Gewerbemuseum besuchte Weltausstellungen nicht nur, es war auch in deren Organisation eingebunden. Für bayerische Firmen kümmerte es sich um Präsentationsmöglichkeiten, half beim Transport und begann, sich auf diese Weise ein internationales Netzwerk aufzubauen.

 

Wettbewerbe und Preise

 Daneben suchte die Einrichtung, durch Wettbewerbe und Auszeichnungen innovative Ideen zu fördern. Die Ausstellung zeigt exemplarisch Erzeugnisse, die im Rahmen eines Spielzeugwettbewerbs im Jahr 1903 eingereicht und prämiert wurden. Großen Wert wurde auf die Haptik gelegt – ungewöhnlich für die damalige Zeit. Die Tiere einer Arche Noah, ein Rennauto und als Figuren bemalte Kegel bestehen aus Holz, ihre Formen sind in sich geschlossen und ohne harte Kanten. Kindgerechte sollte das neue Spielzeug seinDas Gewerbemuseum bestärkte damit einen Bereich, der in Nürnberg bereits Tradition besaß und bis heute in der Nürnberger Spielwarenmesse, der weltweit größten Fachmesse für Spielwaren, fortlebt.

 

Neue Strukturen und neue Aufgaben

 Im Jahr 1909 benannte sich das Bayerische Gewerbemuseum um in „Bayerische Landesgewerbeanstalt“ (LGA), 1916 wurde sie zu einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Der Grund waren damit einhergehende neue Möglichkeiten, die Bandbreite ihrer Aufgaben zu erweitern. Zweigstellen außerhalb Nürnbergs eröffneten, außerdem konzentrierte sich die Gewerbeanstalt verstärkt auf technische Aufgaben und übernahm beispielsweise den Ausbau der Elektrizität in Bayern.

 

In den 1920er und 30er Jahren entstand eine neue elektronische Abteilung, die Spezialkurse u.a. zum Ableiten von Blitzen anbot. In Vorträgen und Fortbildungen wurden neueste technische Errungenschaften vorgestellt und diskutiert. Dabei kamen Fragen nach Standards und Qualitätsgarantien auf. Und die Landesgewerbeanstalt beschloss, sich verstärkt für Prüfverfahren und Formen der Qualitätssicherung einzusetzen, wovon Kleinmaschinen am Ende der Ausstellung zeugen: Ein Apparat aus den 1930er Jahren testete die Reißfestigkeit von Papier und Textil, daneben steht einer der ersten, noch mit einer Petroleumlampe beleuchteten Dia-Apparate aus den 1880er Jahren. Bis heute bildet die Qualitäts- und Sicherheitsprüfung einen Schwerpunkt der Bayerischen Landesgewerbeanstalt. Filmausschnitte ermöglichen ergänzend Einblicke in aktuelle Prüflabore.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Der erste Nachkriegsdirektor Curt Heigl brachte die Einrichtung zu neuer Blüte: In den 1950er und 60er Jahren organisierte er mit viel Engagement und wenig Budget wechselnde Ausstellungen. Beherzt griff er auf die sich langsam wieder etablierenden Verbindungen der LGA zurück und lud internationale Künstler und Designer ein. Viel beachtet war seine Ausstellung italienischer Produkte 1961, bahnbrechend die Präsentation zu finnischem Design 1966. Auch Heigl bemühte sich, aus jeder Ausstellung Produkte anzukaufen und so die Sammlung der Landesgewerbeanstalt zu erweitern und wieder auf den neuesten Stand zu bringen.

 

Parallel wuchs der Raumbedarf der Einrichtung für verschiedene Prüfinstitute und zusätzliche Mitarbeiter. Ab Mitte der 1980er Jahre entstand ein neuer Standort im Süden Nürnbergs, das Gebäude am Gewerbemuseumsplatz wurde verkauft. Im Jahr 1987 ging die Mustersammlung an das Germanische Nationalmuseum, später kamen noch die Vorbildersammlung und die Bibliothek des Gewerbemuseums – seit 2003 als Dauerleihgabe des Freistaats Bayern – hinzu.

 

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Autor: Sonja Mißfeld / Germanisches Nationalmuseum; zusammengestellt von Gert Holle - 28.11.2019