Studioausstellung vom 26. Oktober 2017 – 17. Juni 2018

Ab heute zu sehen: Gekauft – Getauscht – Geraubt? Erwerbungen zwischen 1933 und 1945

Husar, um 1765/70 – aus der Sammlung Emma Budge

Porzellan-Manufaktur Ludwigsburg

 

seit 1939 Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

 

(und Ansicht der Unterseite mit Sammlungsaufklebern und Besitzvermerken)

 

Fotos: GNM, Monika Runge

 

 

In seiner neuen Studioausstellung gibt das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg mit neun Fallbeispielen Einblick in die Provenienzforschung

 

(Nürnberg/gnm) - Wem gehörten Kunstwerke früher? Ausstellungen zeigen Gemälde, Skulpturen und viele andere Objekte. Die wenigsten wurden direkt für ein Museum geschaffen, in der Regel gibt es Vorbesitzer: Kirchen, städtische Kommunen, Handwerkerzünfte, vielfach Privatbesitzer. Eigentlich ist das Wissen um die Vorgeschichte ureigenste Aufgabe der Forschungsarbeit eines Museums. Doch die Recherchen sind kompliziert, Handelswege oft versteckt, vielfach nicht hinreichend dokumentiert. Die Erforschung der Provenienz eines Werks verlangt besondere Erfahrungen und Kenntnisse.

 

Insbesondere seit die Suche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut in Museen mit der Washingtoner Konferenz 1998 auf die Agenda rückte, erlebte die Provenienzforschung einen Aufschwung. „Zwar hat das Germanische Nationalmuseum schon zuvor Bemühungen unternommen, neben der allgemeinen Provenienzforschung auch jene Eigentümer von Kunstwerken zu ermitteln, denen diese in der NS-Zeit gestohlen worden sind“, betont Generaldirektor Prof. Dr. G. Ulrich Großmann, „doch erst mit der Förderung eines Forschungsprojekts durch die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste waren systematische Untersuchungen möglich.“ Am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg betrafen sie zwischen 1933 und 1945 erworbene Gemälde, Skulpturen und kunsthandwerkliche Objekte.

 

Zum Abschluss des Forschungsprojekts zeigt die Studioausstellung anhand neun exemplarisch ausgewählter Fallbeispiele die Beziehungen des Museums zum Kunsthandel, zu Sammlern sowie die Handlungsmöglichkeiten und -weisen der Akteure während des Nationalsozialismus. Zweifelsfrei rechtmäßige Erwerbungen werden ebenso thematisiert wie solche, bei denen trotz intensiver Recherche weiterhin Lücken in der Provenienz bestehen oder die nach heutigem Kenntnisstand NS-verfolgungsbedingt entzogen wurden.

 

 

 

 Im Folgenden werden vier Beispiele aufgezeigt.

 

 

 

Kunsthandel und Kunsthändler

 

Die Kunsthandlung Julius Böhler, in München unweit des Königsplatzes gelegen, galt vor dem Zweiten Weltkrieg als eine der ersten Adressen des deutschen Kunsthandels. Und das Germanische Nationalmuseum zählte zu seinen treuen Kunden. Bei einer Auktion 1938 erstand es eine Bronzegrab-platte aus der Zeit um 1475, ein Jahr später erhielt es die kleine Bronzefigur „Amor als Löwenbändiger“ aus der Zeit um 1550/60. Woher stammten die Werke? Waren sie eventuell zu Unrecht bei Böhler eingereicht worden?

 

 

 

Die Geschäftsbücher zu Versteigerungen bei Böhler haben sich im Deut-schen Kunstarchiv erhalten. Aus ihnen geht hervor, dass sich der kleine Bronze-Amor bereits seit 1927 in dessen Besitz befand und er ihn 1939 dem Museum schenkte. Der „Amor“ kam also rechtmäßig in die Sammlung. Die Grabplatte hatte der Münchner Bildschnitzer und Sammler Georg Schuster eingereicht. Über ihn ist wenig bekannt, doch war er weder politisch auffällig noch wurde er von den Nationalsozialisten verfolgt. Seine Familie beauftragte Böhler wohl freiwillig mit der Versteigerung, weshalb dieser Erwerb als sehr wahrscheinlich unbedenklich gilt. Eindeutig geklärt werden kann der Fall allerdings nicht, da nicht bekannt ist, seit wann sich die Grabplatte im Besitz von Schuster befunden hatte.

 

Ein weiteres Beispiel, das Gemälde „Soldaten beim Würfelspiel“ von 1635/40, gelangte 1943 durch die Vermittlung von Albert Loevenich in den Bestand des GNM. Die Besetzung der nördlichen Teile Frankreichs im Sommer 1940 hatte deutschen Kunsthändlern den Zugang zum lukrativen Pariser Kunstmarkt erleichtert – u.a. auch Loevenich. Unterlagen der amerikanischen und französischen Besatzungsmächte, die sich in Archiven in Paris und Washington erhalten haben, zeugen von einer engen Verbindung zwischen ihm und Heinrich Kohlhaußen, dem damaligen Direktor des GNM. Ins-gesamt 17 Erwerbungen vermittelte Loevenich nach Nürnberg, von denen acht nach dem Zweiten Weltkrieg (1948) an Frankreich restituiert werden mussten. Das Gemälde „Soldaten beim Würfelspiel“ war nicht darunter. War es übersehen worden oder zu Recht im Museumsbestand verblieben?

 

 

 

In den 1950er Jahren fragte Ernst Günter Troche, der erste Nachkriegsdirektor des GNM, bei Loevenich nach. Der bestätigte schriftlich, dass alle bei ihm unrechtmäßig erworbenen Werke vom Museum bereits zurückgegeben wor-den waren. Die übrigen fielen nicht unter die Rückgabebestimmungen. Zu ihnen gehörte das genannte Gemälde. Sein Ankauf war also vermutlich rech-tens, denn es fehlen Unterlagen, die Loevenichs Behauptung beweisen. Lü-ckenlos konnte dieser Fall daher nicht rekonstruiert werden.

 

 

 

Beispiele aus jüdischem Privatbesitz

 

Das Ehepaar Henry (eigentlich Heinrich) und Emma Budge zählte zu den be-kannten Kunstsammlern am Anfang des 20. Jahrhunderts. Henry Budge starb 1928, seine Frau Emma 1937 kurz vor ihrem 85. Geburtstag. Das vermö-gende Bankierspaar war kinderlos und verfügte testamentarisch, seinen Be-sitz u.a. der Stadt Hamburg und dem Museum für Kunst und Gewerbe zu übereignen. Die eingesetzten jüdischen Testamentsvollstrecker sahen sich allerdings – selbst unter großem politischen Druck stehend – Ende des Jahre 1937 gezwungen, die Kunstsammlung öffentlich zu versteigern. Der Erlös floss auf ein Sperrkonto, die Familie konnte nicht darüber verfügen.

 

Objekte aus der Sammlung Budge gelten daher als NS-verfolgungsbedingt entzogen. Das GNM hatte über Zwischenhändler vier Objekte aus dieser Auk-tion erworben. Sie waren bereits restituiert worden. Im Rahmen der systematischen Provenienzrecherche stieß das Team auf ein weiteres Werk: einen Porzellanhusar von 1765/70. Mit den Erben hat sich das Museum in-zwischen gütlich geeinigt, die kleine Porzellanfigur bleibt im Bestand.

 

Auch ein Nürnberger Beispiel wird in der Ausstellung thematisiert: 1938 wurde der jüdische Unternehmer Igo Levi für mehrere Wochen inhaftiert, seine bedeutende Fayence-Sammlung teilweise zerstört oder beschlag-nahmt. An ihnen zeige der damalige Direktor des GNM, Heinrich Kohlhaußen, großes Interesse. Einem Schriftwechsel zufolge war ihm der Gesamterwerb bereits zugesagt worden. Doch dazu kam es nicht. Die Stücke wurden zwar ins GNM verbracht, konnten hier jedoch auch von anderen Interessenten – Museen und Privatsammlern – in Augenschein genommen und erworben werden. Levis Treuhändler Friedrich Bergold gelang es, seinem Mandanten mit dem Erlös die Ausreise in die Schweiz zu ermöglichen. Levi überlebte und erhielt nach dem Zweiten Weltkrieg rund 100 Objekte aus seiner Sammlung zurück. Drei Fayencen aus seiner Sammlung befinden sich jedoch noch heute im Bestand: rechtmäßig. Ein Schriftwechsel belegt, dass Igo Levi sie dem Museum in den 1950er Jahren überließ.

 

Die Beispiele in der Ausstellung zeigen, wie unterschiedlich und komplex die Herkunftsgeschichte einzelner Objekte sein kann. Bekannte Namen lassen nicht automatisch auf Unbedenklichkeit oder Verfolgung schließen. Und trotz intensiver Recherche können nicht immer alle Zusammenhänge lückenlos geklärt werden. Unterlagen sind bisweilen unvollständig, Archive im Krieg ausgebrannt oder Geschäftsbücher unpräzise geführt. Die Recherche ist langwierig und schwierig. Doch sie muss unternommen werden.

 

Das Forschungsprojekt

 

Im Jahr 2014 begann im Germanischen Nationalmuseum ein von der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste gefördertes Forschungsprojekt zur systematischen Untersuchung seiner zwischen 1933 und 1945 erworbenen Gemälde, Skulpturen und kunsthandwerklichen Objekte. Ziel war, die Werke ausfindig zu machen, die aufgrund ihrer Herkunftsgeschichte vermuten lassen, dass sie während der nationalsozialistischen Herrschaft ihren Eigentümern unrechtmäßig entzogen oder diese verfolgungsbedingt zum Verkauf gezwungen worden waren. In solchen Fällen wurden die Werke – bei rund 90 Beispielen war das der Fall – in der Lost Art-Datenbank eingestellt. Waren Objekte nachweislich NS-verfolgungsbedingt entzogen, wurde versucht, die Erben zu ermitteln, um mit ihnen zu fairen und gerechten Lösungen zu gelangen.

 

Untersucht wurden insgesamt knapp 1.000 Objekte, davon 104 Gemälde, 111 Skulpturen, 24 Objekte aus der Sammlung zum 19. und 20. Jahrhundert, 230 kunsthandwerkliche Objekte sowie das 385 Objekte umfassende Konvolut der Sammlung Heiland.